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Die AfD Stuttgart postete den Tweet noch am selben Abend.

AfD und Kirche

Pfarrer kontert Alice Weidel mit Predigt und Kopftuch

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Ein Pfarrer in Aalen beendet seine Predigt gegen Alice Weidel, indem er sich symbolisch ein Kopftuch aufsetzt. Die Stuttgarter AfD legt mit einem Facebook-Post nach, zieht dafür aber den Spott der User auf sich.

Die Gottesdienstbesucher in der Aalener Marienkirche staunten nicht schlecht, als sich ihr Pfarrer Wolfgang Sedlmeier nach seiner Predigt plötzlich ein Kopftuch aufzog. Ein bisschen „falsch gewickelt“ für einen katholischen Geistlichen, mag man vermuten, zumal das Kopftuch eigentlich auch ein bordeauxroter Schal war, den der Pfarrer hilfsmäßig zum religiösen Symbol umfunktionierte.

Damit wollte Sedlmeier aber nur seiner Predigt Nachdruck verleihen, in der er sich gegen jegliche Verunglimpfung frei gewählten, religiösen Auftretens in der Öffentlichkeit wandte. Es sei ein Verstoß gegen die Menschenwürde, Gläubige zu diskriminieren, die sich aus Glaubensgründen religiös gewanden. Explizit richtete er sich damit „gegen eine Abgeordnete, also eine gewählte Frau, die in herablassender und beleidigender Weise im Bundestag von Kopftuchträgerinnen“ gesprochen habe.

Weidels Kopftuchmädchen und Messermänner

Ohne ihren Namen zu nennen, schoss Sedlmeier damit gegen AfD-Frontfrau Alice Weidel. Diese hetzte in der Generaldebatte des Bundestags vergangene Woche: „Burkas, Kopftuchmädchen und alimentierte Messermänner und sonstige Taugenichtse werden unseren Wohlstand, das Wirtschaftswachstum und vor allem den Sozialstaat nicht sichern.“ Deren einziger Kommentar zu Sedlmeiers Aktion: „Verblödet“, wie sie am Tag darauf twitterte.

Wie die „Schwäbische Zeitung“ berichtet, klatschten die Gläubigen indessen nach der Predigt mit dem Kopftuch-Ende Beifall – durchaus nicht gerade Usus in katholischen Gottesdiensten. Auch nach dem finalen „Gehet hin in Frieden“ stand der Pfarrer demnach mit dem bordeauxroten Schal auf dem Kopf am Kirchenausgang und verabschiedete die Gläubigen, die ihm einmal mehr ihre Zustimmung signalisierten.

Allein im Netz, wo Sedlmeiers Aktion schnell die Runde machte, hagelte es Kritik. Die lokale AfD war noch am gleichen Abend zur Stelle und postete ein schlecht animiertes Bild von einem schnauzbärtigen Mann in grünem Messgewand. Dass zu Pfingsten traditionell die so genannte „liturgische Farbe“ rot getragen wird, wie es auch Sedlmeier tat – Schwamm drüber, Kampf um’s christliches Abendland hin oder her. Auch die karikierende Sonnenbrille des animierten Pseudo-Pfarrers passt nicht so recht zu Sedlmeiers eigentlicher Sache religiöser Gewandung. Die Partei sieht lieber, was sie will, und ist sich sicher: „Kopftuchpfarrer und sonstige Buntbesoffene werden unsere Werte nicht sichern.“ Entsprechend das Urteil: „Voll daneben: Kirche schafft sich ab!“

Der Post schlägt ein, rund 2.800 Facebook-Kommentare unter dem tausendfach geteilten AfD-Post sprechen für sich. Ein User kommentiert: „Man braucht kein schlechtes Gewissen zu bekommen, wenn man die Kirche verlässt. Bin mal gespannt, wann der erste Pfarrer mit Turban und Säbel durch den Gottesdienst rennt und die Köpfe rollen lässt.“ Ein anderer schimpft über die „Dreckskirche“, eine Userin sieht mit Sedlmeier gar den „Gipfel der Geschmacklosigkeit und der politischen Entfremdung vom eigenen Volk erreicht“. Für sie ist klar: „Der Kirche gehen also christliche Argumente aus“.

Kritik am Pfarrer von kath.net und Bischof

Auch im stramm-katholischen Internetportal kath.net stößt die Aktion des Aaalener Pfarrers bitter auf. Dort wird er als „Zeitgeist-Pseudo-Pfarrer“ verunglimpft, den die Kirche „zuallerletzt“ brauche. Seine Aktion sei nichts weiter als eine „linke Polit-Show im Altarraum“ gewesen, meint ein anderer, worauf ihm ein weiter Forist empfiehlt, „in die Politik oder gleich ins Theaterfach“ zu wechseln. Ganz so weit geht Sedlmeiers Bischof Gebhard Fürst der Diözese Rottenburg-Stuttgart nicht, sagt der „Jungen Freiheit“ aber dennoch, dass die Form der Kritik „grenzwertig und nicht sehr glücklich gewählt“ sei.

Gut weg kommt in dem Forum unterm Strich der Kommentare letztlich nur die AfD: Frau Weidel habe „vollkommen Recht mit ihren Aussagen“, schreibt einer, und fügt an: „Gut, dass es die AfD im Bundestag gibt und dass sie immer wieder Themen nach vorn bringen, die der linke Rest im Bundestag unter den Teppich kehren will.“

Bei Facebook sehen das bei Weitem nicht alle so, schon gar nicht, was die Sicht der Stuttgarter AfD angeht. Eine Userin hält der dem lokalen Parteiableger gar den Spiegel vor und kommentiert: „Bezeichnend, dass die AfD nicht bemerkt, dass die christlichen Werte, die sie angeblich verteidigen will, von der Kirche anders definiert werden. Nämlich mit Nächstenliebe, Akzeptanz, Toleranz und auch mit Religionsfreiheit anderen Glaubensgemeinschaften gegenüber.“

Entsprechend sieht ein anderer User die Stuttgarter AfD einmal mehr auf dem Holzweg und kommentiert: „Ein Pfarrer, der seine Möglichkeit der freien Meinungsäußerung durch ein Symbol wahrnimmt, wird hier beschimpft und beleidigt. Das habt Ihr ja ganz fein von eurer Frau Weidel gelernt, die schnell mal im Bundestag eine ganze Gruppe von Menschen diffamiert.“

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