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Peter Schäfer vor dem Museumsbau in Berlin.

Nach Schäfer-Rücktritt

Jüdisches Museum Berlin als Spielball ideologischer Manöver

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Warum Peter Schäfer, dem Direktor des Jüdischen Museums Berlin, nur der Rücktritt blieb.

Flüchtig betrachtet ist es die Geschichte einer gescheiterten Kommunikation. Peter Schäfer, der bisherige Direktor des Jüdischen Museums Berlin, wäre gewiss nicht der erste Vertreter einer bedeutenden Institution, dessen berufliche Karriere einer unbedachten Äußerung in einem digitalen Medium zum Opfer fiel. Das gut Gemeinte entfaltet via Twitter und Co. eine toxische Wirkung, der durch nachträgliche Erläuterungen kaum mehr beizukommen ist. Das rasende Geplapper erzwingt nicht selten betretenes Schweigen. Peter Schäfer muss also nun geradestehen für einen Tweet seiner Presseabteilung, in dem diese eine Leseempfehlung gab, die bereitwillig als Unterstützung der weithin als antisemitisch verurteilten, israelkritischen Boykottbewegung BDS aufgefasst wurde.

Peter Schäfer hat mit seinem Rücktritt einen Schlussstrich gezogen unter ein Dienstverhältnis, in dem es für ihn kaum noch etwas zu gewinnen gab. Für die Restlaufzeit seines erst kürzlich um ein Jahr verlängerten Vertrages hätte er wohl ausschließlich mit Instandhaltungsarbeiten seines Rufes zu tun gehabt, den er einmal als Professor der Judaistik an der Universität Princeton erworben hat. Schäfer hat aufgegeben, weil ihm die Unterstützung versagt blieb in einer kulturpolitisch herausragenden Einrichtung, die zuletzt immer mehr in das Minenfeld weltpolitischer Großkonflikte geriet.

Peter Schäfer führte den iranischen Kulturrat durchs Museum

Zweifellos hat Schäfer Fehler begangen. Man darf es als naiv bezeichnen, den Kulturrat der Republik Iran im März durch sein Haus geführt zu haben, ohne die Gefahr eines propagandistischen Missbrauchs der dabei entstandenen Bilder zu erahnen. Das Existenzrecht Israels wird seitens hochrangiger Vertreter des Iran immer wieder bestritten, und es ist nicht anzunehmen, dass ein harmonischer Museumsbesuch eine diplomatische Neupositionierung in Nahost zur Folge hat.

Schäfers Demission sollte jedoch kein Anlass für Genugtuung sein. Sie zeigt vielmehr, unter welch politischem Druck das Jüdische Museum steht, und die sukzessive Vertragsverlängerung mit dem 75-jährigen Schäfer war vor allem auch ein Indiz für eine seit Längerem schwierige Nachfolgelösung. Josef Schuster, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, hat unlängst für einen Juden oder eine Jüdin in diesem Amt plädiert. Konfessionelle Bindung aber ist keine Garantie für die aufklärerische Bedeutung, die das Jüdische Museum Berlin seit seiner Eröffnung im Jahre 2001 erlangt und ausgebaut hat. 

Jüdisches Museum Berlin: Ruf als Kulturvermittler

Neben dem unbedingten Gebot der Erinnerung an den Holocaust und die ermordeten Juden Europas hat das Jüdische Museum mit erhellenden und oft auch kritischen Ausstellungen einen Ruf als Kulturvermittler erworben, der Berlin als Kreuzungspunkt sozialer Vielfalt eine besondere Akzeptanz verliehen hat. Deshalb war es nicht nur grotesk, sondern auch bedrohlich, dass der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu die Ausstellung „Welcome to Jerusalem“ zum Gegenstand eines ideologischen Manövers gemacht hat. Schon damals wäre zu erkennen gewesen, dass das Jüdische Museum immer mehr zum Spielball einer politischen Großwetterlage geworden ist, an der ein Team von Museumsmachern zerschellen muss.

Mit dem Tweet, der Schäfers Rücktritt eingeleitet hat, wollte eine Mitarbeiterin des Museums auf einen Zeitungsartikel verweisen, in dem ein kritischer Einwand gegen den allzu wohlfeilen und wenig konkreten Beschluss des Deutschen Bundestags zur Boykottbewegung BDS erhoben wurde. Es war der – zugegeben klägliche – Versuch, über eine Positionierung des Bundestags ins Gespräch zu kommen, die im Kampf gegen den alltäglichen Antisemitismus allenfalls als Lippenbekenntnis gedeutet werden kann. Eine öffentliche Diskussion über den Beschluss fand leider kaum statt. Umso verstörender ist es, dass ein kurzer Tweet eine Einrichtung in Verruf bringt, die in der Abwehr von Antisemitismus, Xenophobie und anderen lebensfeindlichen Einstellungen ein wichtiger Akteur sein sollte.

Bei der Entscheidung über die Nachfolge von Peter Schäfer geht es um die Zukunft des Jüdischen Museums – als Erinnerungsort einer von Vernichtungsfantasien bedrohten Weltreligion und einer demokratischen Bildungsstätte.

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