Rumstehen und auf irgendwas warten.
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Berlinale

Das perfekt verpatzte Dinner

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Wettbewerbsbeiträge der Berlinale: Thomas Arslans epischer Minimalismus ?Helle Nächte? und Sally Potters Kammerspiel ?The Party?.

Es hat wohl jeder schon einmal diese Kunsterfahrung gemacht, wenn sich die Zeit einfach zu Bergen auftürmt. Ob im Kino, im Theater, bei einem Konzert, einer Lesung: Nur die gefüllte Sitzreihe hindert daran, dem natürlichen Freiheitsdrang zu folgen. Dann aber kann es passieren, ganz unvermittelt, dass die Wahrnehmung plötzlich kippt. Details beginnen zu strahlen, und die investierte Zeit gibt es vergoldet und mit Zinsen zurück.

Natürlich lässt sich dieser Effekt auch forcieren. Theatermacher Robert Wilson oder der amerikanische Filmemacher James Benning mit seinen über zehnminütigen Landschaftsaufnahmen sind da wahre Zeremonienmeister. Thomas Arslan, der einzige deutsche Filmemacher im Wettbewerb der Berlinale, erinnert in einer zentralen Szene von „Helle Nächte“ an Benning. Es ist ein mehrminütiger Blick durch die Frontscheibe des Geländewagens, mit dem ein Vater und sein Sohn, die sich kaum kennen, durch Norwegen reisen. Während sich der Wagen den Weg die gewundene Straße entlang bahnt, verschwindet die Bildflucht zusehends in aufsteigendem Nebel. So spät im Film hätte wohl niemand im Saal etwas gegen einen kathartischen Augenblick oder den erhabenen Mehrwert eines Stückchens „pures Kino“. Doch dann folgt ein Umschnitt auf eine grüne Wiese am nächsten Tag, so hart, als knipse jemand das Licht an, während wir uns gerade noch an unserem Traum festhalten.

Nichts für Träumer

Thomas Arslans Kino ist nichts für Träumer. Nach seinem minimalistischen Detektivfilm „Im Schatten“ und dem störrischen Western „Gold“ breitet er abermals ein amerikanisches Genre aus, nur um sich allen damit verbundenen Erwartungen zu verweigern. Nein, der Teenager lässt sich nicht von seinem wohlmeinenden Vater aus der Reserve locken. Und dessen Reue über lange zurückliegende Grausamkeiten im Beziehungsleben interessiert ihn kein bisschen. Ein hilfloser Dialog über Lieblingsfilme liefert gleich das Messwerkzeug für den Abstand zweier Generationen. Der Junge lobt „Der Herr der Ringe“ und verweist „Rocky“ oder „Rumble Fish“, die Lieblingsfilme des Vaters, in die ewige Verdammnis des schlichtweg Alten. So, wie es wohl die meisten 14-Jährigen tun.

Die wortkargen Einwürfe, die Tristan Göbel in seiner Rolle dem Vater (Georg Friedrich) entgegenwirft, wirken so authentisch, dass umso mehr auffällt, was Generations-Untypisch ist. Warum besitzt er kein Smartphone wie das gleichaltrige Mädchen, das ihm unterwegs ihre liebste lokale Heavy-Metal-Band vorspielt? Wir erfahren es nicht. Auch das ist typisch für Arslan und sein Kino der Auslassungen.

Entscheidende Handlungsteile bleiben im Dunkel dieser „hellen Nächte“. Umso prominenter erscheinen minimale Gesten: Eine wie zufällig auf die Schulter des Jungen gelegte Hand des Vaters ist Ausdruck einer verständlichen, aber utopischen Sehnsucht, zehn Jahre Abwesenheit durch eine simple Umarmung zu überwinden. Wenn es am Ende dennoch zu einer Art von Umklammerung kommt, halb erzwungen, als der Vater dem abtrünnigen Teenager nachrennt und ihn zu Boden wirft, schließt sich die bescheidene aber entscheidende Klammer der Erzählung. Wir sind nicht in Hollywood. Mehr ist da nicht. Man kann die Entfremdung nicht schönreden. Keine erhabene Landschaft tröstet uns darüber hinweg.

Hier allerdings hätte der Film größere Möglichkeiten gehabt. Die flachen, überscharfen Digitalbilder verkleinern den Raum, statt ihn zu öffnen. Hätte doch Arslan wie etwa Kollege Kaurismäki an einem Endprodukt auf Zellulloidfilm festgehalten.

Wie ein Gegenentwurf zu Arslans epischem Minimalismus erscheint da der Kammerspielstil Sally Potters: Es sind die Dialoge, die ihre rasante Gesellschaftskomödie vorantreiben, nach dem amerikanischen Beitrag „The Dinner“ ist Potters „The Party“ schon die zweite Realzeit-Chronik eines perfekt verpatzten Abendessens.

Kristin Scott Thomas hat als Labour-Abgeordnete Janet allen Grund zu feiern: Endlich hat ihre Partei ihr den Posten der Gesundheitsministerin im Schattenkabinett beschert, eine Nachricht, die sie mit Freunden und Verwandten teilen möchte. Die allerdings buhlen mit eigenen Neuigkeiten um Aufmerksamkeit: Zwei lesbische Freundinnen erwarten nach einer übererfolgreichen künstlichen Befruchtung gleich dreifachen Nachwuchs. Ein schmieriger Börsianer wartet, rasend vor Eifersucht, auf das Eintreffen von Janets Assistentin. Diese hat seit Jahren eine Affäre mit Janets Ehemann, was der freimütig gesteht. Zunächst allerdings offenbart er eine tödliche Erkrankung.

Potters Genre ist das von Woody Allen: Die intellektuelle Spielart der Boulevard-Komödie. Offensiv spielt sie mit Stereotypen. Wer Bruno Ganz’ esoterisch-dogmatischen Heilpraktiker anfangs noch für ein antideutsches Klischee hält, muss später zugeben: Seine Filmfigur ist noch die sympathischste in dieser Runde, deren schillernde Buntheit die schwarzweiße Fotografie umso mehr betont. Abendfüllend will der 71-Minuten-Film nicht sein – darin liegt sein Charme. Doch für einen Wettbewerb wäre ein Schwergewicht auch einmal willkommen.

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