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Penélope Cruz: „Mich rund um die Uhr an krasse Emotionen zu klammern, macht mich nicht besser“

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„In der Filmbranche sind Mann und Frau immer noch nicht wirklich gleichberechtigt“: Penélope Cruz am 12. Februar bei der Goya-Preisverleihung im spanischen Valencia.
„In der Filmbranche sind Mann und Frau immer noch nicht wirklich gleichberechtigt“: Penélope Cruz am 12. Februar bei der Goya-Preisverleihung im spanischen Valencia. © Getty Images

Schauspielerin Penélope Cruz geht vor der Kamera an ihre seelischen Grenzen – und oft auch darüber hinaus. Das zeigt sie wieder in ihrem neuen Film „Parallele Mütter“. Ein Gespräch über radikale Rollen und friedvolle Feierabende

Dass die Filmbranche – nicht nur, aber vor allem in Hollywood – nicht unbedingt gnädig ist zu Frauen über 40, ist kein Geheimnis. Doch zum Glück gibt es immer mehr Schauspielerinnen, die beweisen, dass es auch anders geht: Penélope Cruz wird Ende April 48 Jahre alt – und ist nach drei Jahrzehnten vor der Kamera so gut im Geschäft wie eh und je. In Zusammenarbeit mit Regisseur Pedro Almodóvar, ihrem langjährigen Wegbegleiter, zeigt sie in „Parallele Mütter“ nun einmal mehr, warum sie einer der größten Filmstars der Welt ist – und wurde für die Rolle prompt zum vierten Mal für den Oscar nominiert.

Wie lange kennen Sie und Regisseur Pedro Almodóvar sich eigentlich schon?

Kennengelernt haben wir uns, als ich 18 Jahre alt war. Da habe ich bei ihm vorgesprochen und wir haben uns sofort super verstanden. Die Chemie stimmte vom ersten Moment an. Allerdings hat es damals mit der Zusammenarbeit nicht geklappt, weil ich zu jung für die Rolle war. Inzwischen haben wir sieben Filme zusammen gedreht – und sind sehr eng miteinander befreundet. Er ist einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben.

Ist das bei der Zusammenarbeit immer nur ein Vorteil?

Für uns funktioniert das gut. Aber wir schaffen es auch ganz gut, die Arbeit und das Private voneinander zu trennen. Unsere Beziehung verändert sich ein klein wenig, während wir drehen. Ganz unbewusst, das haben wir nie besprochen oder geplant. Dadurch, dass wir beide unseren Job unglaublich ernst nehmen, entsteht da oft eine kleine Distanz zwischen uns, die es privat in der Freundschaft nicht gibt.

Apropos Distanz: Wie schwer fällt es Ihnen eigentlich, solche emotional anspruchsvollen Rollen mit dem Familienleben zu Hause unter einen Hut zu bringen?

Ich stürze mich wirklich mit Haut und Haar in meine Arbeit, aber war noch nie eine Verfechterin davon, die Rollen abends mit nach Hause zu nehmen. Mich rund um die Uhr an diese krassen Emotionen zu klammern, würde mich nicht automatisch zu einer besseren Schauspielerin machen. Im Gegenteil finde ich es wichtig, zwischendurch mal echtes Leben zu tanken. Das ist für die mentale Gesundheit ganz gut. Und gerade als Mutter ist es für mich sowieso keine Frage, dass meine Kinder meine Priorität sind. Da käme es gar nicht infrage, nach Feierabend nicht ich selbst und nicht für sie da zu sein.

Empfanden Sie die Rolle in „Parallele Mütter“ besonders anstrengend, auch weil Sie selbst Kinder haben?

Tatsächlich würde ich sagen, dass diese Rolle die bisher vielleicht größte Herausforderung in meiner Karriere war. Aber nicht, weil ich Kinder habe. Sondern weil die Frau, die ich da spiele, weiter von mir selbst weg war als jede andere vorher. Und weil ihr viele schlimme Dinge passieren, an denen sie zu leiden hat. Aber das heißt übrigens nicht, dass ich die Rolle nicht gerne gespielt habe. Im Gegenteil, ich liebe Herausforderungen und komplizierte Figuren. Je intensiver ich an einer Rolle arbeiten muss, desto glücklicher bin ich beim Dreh. Pedro macht einem die Sache obendrein besonders einfach, weil seine Filme immer besonders gut geschrieben sind.

Zur Person

Penélope Cruz Sánchez , geboren am 28. April 1974 in Alcobendas, studiert an Spaniens Nationalkonservatorium neun Jahre lang klassisches Ballett. Im Alter von 15 Jahren gewinnt sie einen Talentwettbewerb – der damit verbundene Vertrag verschafft ihr mehrere Rollen in spanischen Fernsehshows und Musikvideos. 1998 erhält sie für die Komödie „Das Mädchen deiner Träume“ den Goya-Filmpreis als beste Schauspielerin.

Der internationale Durchbruch gelingt ihr mit Pedro Almodóvars oscargekröntem Werk „Alles über meine Mutter“, in dem sie eine schwangere, an Aids erkrankte Nonne spielt. Zu ihren populärsten Filmen zählen „Bandidas“, „Volver“ und „Vicky Cristina Barcelona“, für den sie 2008 mit dem Oscar als Beste Nebendarstellerin ausgezeichnet wird. Im April 2011 bekommt sie als erste spanische Schauspielerin einen Stern auf dem Walk of Fame in Hollywood. Sie ist mit ihrem Schauspielkollegen Javier Bardem verheiratet, gemeinsam haben sie zwei Kinder.

Ihr neuer Film „Parallele Mütter“ kommt am Donnerstag, 10. März, ins Kino. Der Actionfilm „The 355“ erscheint am 8. April auf DVD und Blu-ray, im Sommer folgt die Komödie „Der beste Film aller Zeiten“, geplanter Kinostart: 14. Juli. osk

Brauchen Sie nach derart intensiven Dreharbeiten eine Weile, bis Sie zurück in den Alltag gefunden haben?

Nicht wirklich. Klar, manchmal bin ich erschöpft und würde gerne erst einmal ein paar Tage schlafen. Und mitunter wirkt eine Figur auch noch eine Weile in mir nach. Aber dann ist das eben so. Ich hätte keine Lust, nach einem Dreh erst einmal eine Woche Wellnessurlaub zu machen, denn ohne meine Familie würde mir das gar keine Freude bereiten. Also stürze ich mich lieber in den Alltag und kümmere mich um die Kinder. Mit ihnen Zeit zu verbringen, macht mich glücklich und ist die beste Methode, mich zu regenerieren. Abgesehen davon ist es ja nicht so, dass das ständig vorkommt. Seit ich Familie habe, drehe ich ja eigentlich nur noch einen, höchstens zwei Filme im Jahr. Selbst wenn es dann also mal einige Wochen wirklich anstrengend ist, bleibt dazwischen immer genug Zeit, die Sache ein wenig ruhiger anzugehen.

Die Figur, die Sie im Film spielen, ist Fotografin. Sie selbst kennen es ja vermutlich vor allem, auf der anderen Seite der Kamera zu stehen, oder?

Tatsächlich fotografiere ich auch ganz gerne selbst. Das ist ein Hobby von mir, schon seit meiner Jugend. Früher bin ich nirgends hin, ohne meine Kamera dabeizuhaben. Damit habe ich erst aufgehört, seit jeder ein Smartphone hat, mit dem man Fotos machen kann. Daran habe ich irgendwie nicht die gleiche Freude, denn die Erfahrung ist eine andere. Ich vermisse das Fotografieren und die Rolle in „Parallele Mütter“ erinnerte mich daran, dass ich es mal wieder häufiger tun sollte. Schließlich habe ich mit so vielen tollen Fotografinnen und Fotografen zusammengearbeitet, von denen ich mir etwas abgucken konnte. Von meinem geliebten Peter Lindbergh, den ich sehr vermisse, habe ich einiges gelernt. Und Annie Leibovitz hat mir sogar mal eine tolle Kamera geschenkt.

Für „Parallele Mütter“ haben Sie in Venedig den begehrten Darstellerinnen-Preis gewonnen, inzwischen sind Sie mal wieder für den Oscar nominiert. Wie wichtig sind Ihnen solche Auszeichnungen?

In Venedig war ich so glücklich über den Preis, dass ich tatsächlich weinen musste. Das war eine absolute Überraschung, auch wenn mir zehn Tage lang diverse Leute prophezeit hatten, dass ich ihn gewinnen würde. Ich war so dankbar, sowohl Pedro für diese Rolle als der Jury dafür, dass sie mich und dadurch auch ihn für einen Film auszeichneten, der für mich eine derart besondere, emotionale Sache war. Und das auch noch beim Festival in Venedig, wo ich das erste Mal mit 18 Jahren war!

Kürzlich waren Sie auch im Actionfilm „The 355“ zu sehen, der von Ihrer Kollegin Jessica Chastain produziert wurde. Hat Sie das dazu inspiriert, vielleicht auch mal eigene Projekte auf die Beine zu stellen?

Das Produzieren interessiert mich schon länger. Vor einigen Jahren habe ich zusammen mit der Firma Morena Films schon mal einen Film produziert, der hieß „Ma Ma“ und behandelte das Thema Brustkrebs. Und gerade arbeite ich an einem neuen Projekt, das ich auf den Weg gebracht habe, nämlich das Regiedebüt meines lieben Kollegen Juan Diego Botto. Wir beide kennen uns, seit ich 13 Jahre alt bin, weil wir zusammen Schauspielunterricht bei seiner Mutter hatten. Ich habe ihn immer dazu ermutigt, mal ein Drehbuch für uns beide zu schreiben – und als er das wirklich getan hat, war ich davon so begeistert, dass ich ihn sogar ermutigt habe, auch die Regie zu übernehmen. Wegen Covid hat das alles etwas länger gedauert als gehofft, aber jetzt sind die Dreharbeiten tatsächlich im Kasten.

Gerade in Hollywood scheint es, als seien inzwischen immer mehr Frauen auch in verantwortlichen Positionen hinter der Kamera angekommen. Sind da endlich andere Zeiten angebrochen oder täuscht der Eindruck?

Es gibt immer noch viel tun. Was die Rollenangebote für Frauen angeht, ist noch Luft nach oben. Aber es hat tatsächlich auch viele Fortschritte gegeben. Ich stehe seit 30 Jahren vor der Kamera und sehe ohne Frage Veränderungen, aber es muss sich noch mehr tun. Nicht nur, was die Möglichkeiten für Schauspielerinnen angeht, sondern auch für Frauen hinter der Kamera, für Regisseurinnen, Kamerafrauen oder Produzentinnen. Wir sind noch nicht an einem Punkt angekommen, wo von einem echten Gleichgewicht zwischen Männern und Frauen die Rede sei kann.

Interview: Patrick Heidmann

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