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Josef Paul Kleihues im Jahr 2000.

Der Patron

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Dem Prinzip der kritischen Rekonstruktion verpflichtet: Zum Tode des Architekten und Städtebauers Josef Paul KleihuesWer sich heute durch die neue Mitte Berlins bewegt, etwa zwischen Friedrichstraße, Potsdamer und Pariser Platz, hält sich in der Residenz des Josef Paul Kleihues auf. Was er entwarf und baute, geschah aus Respekt vor dem Grundriss der Stadt, den er als das "Gedächtnis der Stadt" bezeichnet hat.

Wer sich heute durch die neue Mitte Berlins bewegt, etwa zwischen Friedrichstraße, Potsdamer und Pariser Platz, hält sich in der Residenz des Josef Paul Kleihues auf. Und das ist nicht etwas deshalb so, weil seine Bauten hier Legion wären. Das gilt, weil Josef Paul Kleihues Bauherren und Behörden, Investoren und Architekten auf den historischen Stadtgrundriss als Grundlage des Wiederaufbaus in der südlichen Friedrichstadt verpflichten konnte.

Dabei hat der Architekt Kleihues einen der prominentesten Orte dieser Wiedergewinnung am Pariser Platz selbst bespielt, dabei nichts weniger als das Brandenburger Tor rahmend. Kleihues hat das nationale Symbol durch eine Wiedererstellung der beiden Flügelbauten eingefasst. Mit den Fassaden der Häuser Sommer und Liebermann wollte er dem historischen Ort einen neoklassizistischen Passepartout stiften. Dabei stammte der Fokus, den er dazu aufzog, nicht von ungefähr aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Mittelrisalit, Sohlbänke und Fensterverdachungen, und zum Tor hin auch Drillingsfenster: Kleihues hat gewusst, worauf er sich mit seiner Wiedergewinnung der historischen Stadtvillen Friedrich August Stülers von 1844 einlassen wollte. Sie galt einem akribischen Rationalismus, der sich nicht zuletzt immer wieder auf den großen Karl Friedrich Schinkel berief.

Haifischflosse oder Segel

Wie sehr solche Anstrengungen auch gefährdet waren, zeigt sich daran, dass der Konservatismus eines Josef Paul Kleihues ins Kulissenhafte abgleiten konnte. Dort, wo er sich moderater gab, sind Kleihues maßstabbildende Bauwerke gelungen. Was er am Vinetaplatz im Berliner Wedding Anfang der Siebziger Jahre errichtete, folgte den Vorgaben strenger Blockstrukturen. Konzeptionelle Disziplin gegenüber dem Kanon des Städtebaus, immer wieder, ob im Falle der Berliner Stadtreinigung in Tempelhof (1978), beim Krankenhaus in Neukölln (1986) oder schließlich beim Kantdreieck (1994), dessen monumentaler Wimpel jedem Reisenden bei Einfahrt in den Bahnhof Friedrichstraße ins Auge fällt. Dabei sitzt das Apercu, ob es nun als Haifischflosse oder Segel angesehen wird, einem strengstens vermessenen Baukörper auf. Der elfgeschossige Turmbau und der fünfgeschossige Baukörper mit horizontalen Glaslamellen unterliegen den Prinzipien einer modularen Ordnung.

Prinzip Rationalismus, durch das Windsegel ironisch gebrochen. Kleihues selbst ging es um einen poetischen Rationalismus, den er in besonderer Weise als Museumsarchitekt durchsetzen konnte. In Frankfurt am Main, gleich hinterm Karmeliterkloster, mit dem Museum für Vor- und Frühgeschichte, in Hamburg im Falle der Deichtorhallen - nicht zuletzt in Chicago. Da hält sich der Besucher des Museums für Zeitgenössische Kunst nicht nur in einem exquisiten Solitär auf, im Schatten gewaltiger Türme. Da rang der Städtebauer Kleihues dem handtuchschmalen Grundstück einen Korridorgedanken ab, der den urbanen Brückenschlag zwischen Hauptverkehrsschneise und (verbauter) Uferpromenade des Michigansees im Auge hatte.

Rustikale Blockstrukturen

Als Josef Paul Kleihues im vergangenen Jahr zu seinem 70. Geburtstag in Berlin geehrt wurde, geschah dies in dem von ihm zum Museum für Moderne Kunst umgebauten Hamburger Bahnhof. Die Ausstellung spannte den Bogen von Karl Friedrich Schinkel bis Aldo Rossi. Seit Kleihues 1962 als Architekt in Berlin auftrat, machte er sich stark für die Wiedergewinnung robuster Blockstrukturen. Anstelle offener Formen und der Stadtlandschaften eines Hans Scharoun warb Kleihues, der dem Dortmunder Lehrstuhl für Städtebau Prestige verlieh, für Architekturen mit kraftvollen Gesten. Als Planungsdirektor der Internationalen Bauausstellung (IBA) hat Kleihues in den achtziger Jahren internationale Architekturgrößen in den Westen Berlins gelotst, Aldo Rossi und Mario Botta, Alvaro Siza und Hans Hollein, Oswald Maria Ungers und Otto Steidle, Peter Eisenman und Arata Isozaki. Zum Konzept gehörte die Toleranz gegenüber einem weit ausgespannten Spektrum - nicht zuletzt eine Entdeckerlust, die es ermöglichte, dass Berlin von einer neuen Avantgarde hörte, von Namen wie Zaha Hadid und Daniel Libeskind.

Die IBA war das Fundament, auf dem Kleihues dann nach der Wende, in den neunziger Jahren, Teilen der Hauptstadt das "Prinzip der kritischen Rekonstruktion" einschreiben konnte. Ob Friedrichstadt oder Potsdamer Platz: Die Bemühungen zur Wiedergewinnung des Historischen gehen, trotz des einen oder anderen Mitstreiters wie Hans Stimmann oder Hans Kollhoff, vorweg auf die theoretischen Fundamente von Josef Paul Kleihues zurück. Und wenn diese Anstrengungen architekturästhetisch genauso wie historisch untermauert waren, so ist das genauso richtig wie das, was die Kritik als Kleihueskartell ausmachen konnte: In und rund um Berlins Wettbewerbe lief in den neunziger Jahren nichts ohne den kleihues'schen Einfluss.

Unbenommen dennoch: Was er entwarf und baute, geschah aus Respekt vor dem Grundriss der Stadt, den er als das "Gedächtnis der Stadt" bezeichnet hat. Ja, Kleihues ist in den letzten Jahren, bei aller Kritik an einer nicht nur arrogant sondern dogmatisch durchexerzierten "Kritischen Rekonstruktion", immer wieder selbst als "das Gedächtnis der Stadt" bezeichnet worden, auch von seinen Kritikern. Auch deshalb kann man zu dem Urteil kommen, dass Kleihues mit seinen architekturhistorischen Aktivitäten die geistige Topographie der Hauptstadt (der Berliner Republik?) mitgestaltet hat.

Zuletzt war Josef Paul Kleihues an den Rollstuhl gefesselt. Mit dem am 10. Juni 1933 im westfälischen Rheine geborenen Kleihues starb der Hauptstadtgestalter am Tag nach den Einweihungsfeierlichkeiten zum Neubau der Schinkelschen Bauakademie (1836), für deren Wiedereinrichtung als roter Kasten und Architekturzentrum er geworben hat. Kleihues hat das Hissen der Plastik-Fassade forciert. Er hat das Aufziehen der Attrappe noch erlebt. In der Simulation sah der konservative Rationalist Kleihues ein verführerisches Dogma, das allen Anfängen Berliner Architekturkulissen innewohnen soll.

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