Architektur der zwanziger Jahre

Passion und Perspektive

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Das Thema Baukultur hat Konjunktur: Mit dem erneut von Christian Welzbacher herausgegeben "Bläsing" findet sich der Leser in eine ausgeprägt nachhaltige Gleichgültigkeit gegenüber dem gebauten Erbe und der ererbten Umwelt verstrickt. Von Christian Thomas

Wirklich lange her, dass die Architekturmoderne ganz klassisch Ruhm einheimsen konnte, so zum Beispiel zwischen den blauen Buchdeckeln des wertkonservativen Volkspädagogen und Verlegers Langewiesche. Im "Müller-Wulckow", der 1929 in drei Bänden herauskam, fand eine bemerkenswerte Vielfalt zusammen. Geradezu erstaunlich, welches Spektrum angesichts der Frontstellungen zwischen Traditionalisten und Avantgardisten, moderaten und radikalen Verfechtern der Moderne in das Standardwerk Eingang fand. Und nicht minder verblüffend, dass sich vor 15 Jahren der Ingenieur Peter Bläsing auf die Spuren der in den "Müller-Wulckow" aufgenommen Bauwerke begab.

Eine Passion wurde mit dem Fotoapparat angegangen. Jetzt ist Bläsings Dokumentation erneut aufgelegt worden, aber eine Freude ist es nicht, zwischen den erneut blauen Buchdeckeln von A wie Aachen auch nur bis nach Bad Sassendorf zu schweifen. Denn der "Bläsing" lässt die Gleichgültigkeit gegenüber einem Erbe geradezu ins Auge springen.

Das Thema Baukultur mag Konjunktur haben - soeben erst lud das Dortmunder Institut für Stadtbaukunst zu einem Kongress, und auch die in Potsdam residierende Bundesstiftung Baukultur versucht den Gegenstand zu beleben. Mit dem erneut von Christian Welzbacher herausgegeben "Bläsing" findet sich der Leser in eine ausgeprägt nachhaltige Gleichgültigkeit gegenüber dem gebauten Erbe und der ererbten Umwelt verstrickt.

Zur Bestandsaufnahme zählt, dass Bläsing seine 340 Neuaufnahmen den 323 Fotografien aus Müller-Wulchows Architekturgeschichte der Weimarer Republik gegenübergestellt hat. Für den Authentizitätsnachweis wurde jedes Foto aus derselben Perspektive aufgenommen, so dass in der unmittelbaren Konfrontation die Umgangsformen eines Zeitgeists sinnfällig werden. Hier und da eine von Sorgfalt bestimmte Traditionspflege eines Denkmals oder eines Symbols. Vor allem aber die von Ignoranz bestimmte Haltung, mit allen Folgen, ob nun an Veränderungen, üblen Entstellungen bis hin zu vollständigen Verlusten.

Welzbacher weist darauf hin, dass die von Bläsing kopierte Perspektive so wenig neutral ist wie bereits die angeblich authentischen Abbildungen im "Müller-Wulckow". Sie waren vielmehr suggestiv, sicherlich nicht direkt Simulationen, aber "publizistische Konstruktionen der Architekturgeschichtsschreibung".

Damit weist die Bilanz weit hinaus über ihren Anlass, kam doch die Durchsetzung der Architekturmoderne, mit all ihren ästhetischen Attraktionen, als intolerant-ideologisches Programm daher. Das zu leugnen, wäre heute Verblendung. In der Hybris, mit der die Moderne ihre anfangs horrenden Mängel abstritt, liegt eine der Ursachen für die Aggressivität, mit der ihr begegnet wurde.

Keine Frage, dass die Moderne selbst zum Opfer verbissener Aggression wurde, wie ja in dieser Dokumentation zu sehen, im einzelnen: bei zahllosen Inkunabeln. Insgesamt: bei einem Vermächtnis.

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