Kunstprojekt DAU

Paris traut sich

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Was in Berlin scheiterte, soll in der französischen Hauptstadt verwirklicht werden, wo DAU jetzt fragt: Wie formbar sind Menschen?

Eines muss man den Organisatoren des Kunst-Projektes DAU lassen: Das in Berlin kläglich an einer übertriebenen Geheimniskrämerei und wohl auch der Hybris der Macher gescheiterte Vorhaben hat die Neugier auf den Start in Paris eher noch gesteigert.

An Vorberichten (FR v. 22. Januar) über das große Rätsel DAU jedenfalls mangelte es nicht. Vom russischen Filmemacher Ilya Khrzhanovsky gab es nur wenige Eckdaten: 13 Langfilme, zahlreiche Kurzfilme, 700 Stunden Material – eine derart ungebremste Produktionslust durfte sich den künstlerischen Schneid doch nicht vom Behördenkleinklein eines Berliner Stadtbezirks abkaufen lassen.

Während sich die Berliner Debatte vorwiegend an der Mauerfrage aufrieb, ist in Paris bereits in räumlicher Hinsicht alles auf Weite angelegt. Die im kulturellen Zentrum zwischen Louvre und dem Centre Pompidou einander gegenüberliegenden Schauspielhäuser Théâtre de la Ville und Théâtre du Châtelet strahlen eine historische Erhabenheit aus, die durch den für Paris ungewöhnlichen Schnee sogar noch ein wenig überzuckert wurde. Dabei ist DAU, das von diesem Donnerstag bis zum 17. Februar seine Pforten öffnet, eher etwas für Hartgesottene.

Eröffnung ist in diesem Fall ein relativer Begriff. An den beiden eigentlich in einem mehrjährigen Renovierungsprozess befindlichen Theatern wurde sorgsam der Bauschmutz von den Fensterscheiben entfernt. Work in Progress ist das Mantra des ambitionierten Kunstprojektes, für das zahlreiche Künstler von Weltruf angeheuert wurden, um das Leben und Schaffen des russisch-jüdischen Kernphysikers Lew Daudowitsch Landau darzustellen und zum Ausgangspunkt heutiger Überlegungen zu totalitären Systemen zu nehmen. Wie formbar sind Menschen? Und wie zerbrechlich? lautet die Kernfrage im DAU.

Landau hatte von 1939 bis 1969 ein Institut geleitet, das zum einen von großer Bedeutung für die sowjetische Kernforschung war, in seiner Abgeschlossenheit aber auch ein seltsam sektenhaftes Lebensexperiment gewesen zu sein scheint. Sexualität und Wahn ist das Thema zahlreicher Filme. Um all dies herum wurden für das DAU sowjetisch anmutende Räumlichkeiten konstruiert, nachempfunden und als Filmkulisse benutzt. Oft wirken diese ironisch gebrochen. Bei genauerem Hinsehen erweist sich der Sowjetstern als ein possierlicher Seestern. Der Filmemacher Krhazhanowsky hat Hunderte von Darstellern für ein Langzeitprojekt beschäftigt, um Landaus Leben mit fiktiven und dokumentarischen Mitteln zu ergründen.

Hat Berlin also etwas Großes verpasst, indem es das Projekt in der gewünschten Form verweigerte? Der ästhetische Rahmen, der in Paris aufgezogen worden ist, lässt erahnen, was auch in Berlin als eindrucksvolles Erlebnis für Kunstsinnige, die bereit sind, sich herausfordern zu lassen, möglich gewesen wäre.

So sieht es auch der Experimentalmusiker und frühere Popstar Brian Eno, der in Paris erklärte, erstmals vor vier Jahren mit DAU konfrontiert worden zu sein. Sein geräuschintensiver Beitrag sei im Grunde aber noch nicht fertig, wie alles im DAU sei auch seine Komposition ständig in Bewegung. Eno nannte das DAU wahnsinnig ambitioniert. Das Wort „wahnsinnig“ gebrauchte er dabei durchaus mit Genuss. Er hoffe, so Eno, dass es den Besuchern gefalle. Falls nicht, wünsche er ihnen wenigstens die Erkenntnis, etwas Neues gesehen zu haben. Enos Coolness ist die lockere Seite des DAU-Projektes, das mit einer äußeren Strenge daherkommt, in der die Besucher ihr Handy abgeben sollen, ein Visum beantragen müssen und am Ende der Ausstellung verhört werden. Das alles hat aber auch seine organisatorischen Grenzen.

Bei der Pressevorführung am Mittwoch ereignete sich ein schwerer Zwischenfall. Eine ältere Besucherin war eine Treppe heruntergestürzt. Ganz unbegründet scheinen die Berliner Sicherheitsbedenken nicht gewesen zu sein.

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