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Paris-Geschichte „Passagiere der Nacht“ im Kino: Vollmondnächte

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Von: Daniel Kothenschulte

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Charlotte Gainsbourg (r) als Elisabeth und Noee Abita als Talulah in einer Szene des Films „Passagiere der Nacht“.
Charlotte Gainsbourg (r) als Elisabeth und Noee Abita als Talulah in einer Szene des Films „Passagiere der Nacht“. © dpa

Charlotte Gainsbourg ist das emotionale Zentrum in dem zärtlichen Paris-Film „Passagiere der Nacht“ von Mikhaël Hers.

Kaum eine Stadt ist eine größere Darstellerin ihrer selbst als Paris. Die Gebrüder Lumière wussten schon, warum sie das Kino gerade dort auf die Welt brachten. Über Jahrzehnte gab die Metropole Filmgeschichten in allen erdenklichen Milieus das passende Zuhause. Und auch wenn sich heute nur noch Gutverdienende ihre besseren Viertel leisten können, spielt sie ihre Rolle tapfer weiter. Was wäre die Alternative? Keine Alltagsromantik mehr in der Stadt der Liebe?

Heute zahlt man 3800 Euro Miete für eine Zweizimmerwohnung im Tour Perspective, dem zentralen Drehort von „Passagiere der Nacht“ im Quartier de Beaugrenelle gleich an der Seine. Durch die weiten Panoramafenster hat man einen herrlichen Blick auf andere, ebenso schicke 70er-Jahre-Hochhäuser. Wie das Novotel Hotel, dessen rot gepunktete Fassade aussieht wie eine Verner-Panton-Tapete. Aus solch luftigen Höhen sieht man Paris dann doch nicht allzu oft im Kino. Nur der stilbewusste Claude Lelouch war mit einem Filmteam schon einmal in diesem Turm, bei „Eine Katze jagt die Maus“, 1975.

Gut, dass die von Charlotte Gainsbourg verkörperte Elisabeth, eine alleinstehende Mutter zweier Teenager, sich bereits Anfang der 80er Jahre dort durchschlagen muss, als die Stadt noch nicht ganz so unbezahlbar war. Ihr Exmann zahlt keinen Unterhalt, mehr schlecht als recht kommt sie über die Runden als Telefonistin einer abendlichen Call-in-Radiosendung und mit einem Halbtagsjob in der öffentlichen Bibliothek. Erst am Ende der Geschichte (und fast auch des Jahrzehnts) wird der unsichtbare Vater ihrer Kinder dann doch noch die Wohnung zu Geld machen. Beklagen wird sie sich auch diesmal nicht, als der einzige verlässliche Komfort ihres Lebens verloren geht. Immerhin, so verteidigt sie den Mann noch vor den Kindern, habe er sie ja nicht schon verlassen, als sie seinerzeit an Krebs erkrankt sei; da habe er sich wirklich liebevoll gekümmert. Offensichtlich hat Filmemacher Mikhaël Hers die wirklich tragischen Episoden in der Vorgeschichte belassen.

Sein Film wirkt wie eine Art gegenläufiges Melodram, das sich langsam zum Guten wendet. Die Traurigkeit ist nicht mehr als ein leiser, tiefer Grundton in dieser ungewöhnlichen Emanzipationsgeschichte einer nicht mehr ganz jungen Mutter, aber dafür kann man ihn auch in den glücklichen Momenten nie ganz überhören. Elisabeth weint nur, wenn sie allein ist. Joe Dassin, vom dem sie einmal die Single „Et si tu n’existais pas“ auflegt, schrieb Chansons über diese Art von Tapferkeit.

Vor dem Hintergrund unterschwelliger Melancholie entwickelt dieser auf den ersten Blick unscheinbare Film ein geradezu unverschämtes Glück. Man kann sich gut vorstellen, wie mit dem Auszug des Vaters eine Quelle der Lieblosigkeit verloren gegangen sein muss. Mit dem Ergebnis, dass zwischen der Mutter, ihrer Tochter und dem jüngeren Sohn eine umso innigere Verbindung erwachsen ist. Charlotte Gainsbourg legt eine Wärme in ihre Figur, die so aufrichtig wirkt, dass jeder Anflug von Sentiment daran abprallt.

Auf den Straßen von Paris feiert man zu Beginn der Geschichte einen Neuanfang. Es ist Mai 1981, Präsident Valéry Giscard d’Estaing ist gerade abgewählt. Dass auch sein Nachfolger François Mitterrand nicht alle Hoffnungen erfüllt, wird später noch einmal ein Thema sein, wenn sich die politisch engagierte Tochter Judith (Megan Northam) mit dem jüngeren Bruder Matthias (Quito Rayon-Richter) streitet, einem schüchternen Jungen, der Geschichten schreibt.

Für Elisabeth ist der Job bei Radio France ein kleiner Aufbruch. In ihrer Lieblingsradiosendung, „Passagiere der Nacht“, darf sie die Anrufe annehmen, nachdem sie der Moderatorin (Emmanuelle Béart) einen Fanbrief geschrieben hat. Berührt vom Anruf einer obdachlosen Jugendlichen lädt Elisabeth die zerbrechliche Talulah (Noée Abita) erst in die Sendung ein und dann dauerhaft nach Hause. Man besitzt auch noch eine Dachkammer, deren Bohème-Charme man in dem schicken Hochhaus nicht vermuten würde; komplett mit einer Ausziehleiter, die zur Sternenschau auf das Flachdach führt. Matthias führt sie dorthin aus und verliebt sich Knall auf Fall in die charismatische Außenseiterin, die ihm beibringt, wie man umsonst ins Kino kommt. Ihr Lieblingsfilm ist zufällig Éric Rohmers „Vollmondnächte“.

Die Nouvelle-Vague-Romanze, die nun beginnen könnte, klingt in der Nacherzählung kitschiger, als sie vielleicht ist. Einerseits hat die junge Frau Probleme, die sich nicht so einfach durch die liebevolle Fürsorge der fremden Familie lösen lassen. Und anderseits ist Mikhaël Hers ein Regisseur, der in den emotionalsten Augenblicken auch diskret beiseiteblicken kann: Wenn sich Talulah etwa gegenüber Matthias öffnet, schneidet er lieber auf das Gesicht des schüchternen Jungen, den zum ersten Mal ein Mädchen ins Vertrauen zieht. Kurz darauf ist sie dann für Jahre verschwunden.

Parallel zu dieser jugendlichen Coming-of-Age-Geschichte entwickelt sich eine zweite, erwachsene: Elisabeth, die völlig unerfahren in ihre Ehe geraten war, muss selbst erst lernen, mit erotischen Begegnungen umzugehen.

Auch sie ist eine „Passagierin der Nacht“ in einem fast schon verwegen stimmungsvollen Film, der tatsächlich überwiegend nach Sonnenuntergang spielt. Schwer zu glauben, dass so viel Stilwille nicht aufdringlich wirkt und dass seine elegischen Einzelszenen bruchlos eine Handlungszeit von acht Jahren ausfüllen. Behilflich sind dabei gut ausgesuchte Songs von Television, John Cale oder Kim Wilde.

Im Wettbewerb der letzten Berlinale wirkte der Film, der ohne Auszeichnung blieb, wie ein besonderes Geschenk – gerade weil er es nicht darauf anlegt, die Filmgeschichte zu erneuern. Zugleich ist alles daran Kino, so wie das Bild, das er von Paris zurücklässt – dieser filmischsten Stadt der Erde.

Passagiere der Nacht. F 2022. Regie: Mikhaël Hers. 111 Minuten.

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