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Panik erinnert an die Pan-Stunde, in der die Zeit stillsteht: Pan-Höhle und Banyas, einer der drei Jordan-Quellflüsse auf den Golanhöhen.

Fridays for Future

Panik als Signal praktischer Vernunft

Aus gegebenem Anlass zur Aktualität des alteuropäischen Erbes.

1 Die seit ihrer Davoser Rede erstrahlende Ikone des Klimaschutzes, die sechzehnjährige Schwedin Greta Thunberg, ermutigte auf einem ihrer jüngsten Freitagsauftritte ihre gleichaltrigen Mitdemonstrantinnen: Seid panisch! Dahinter steht die These, nicht um Politik gehe es zuerst, nicht um weitere Forschungen und Diskurse, sondern um eine Nullpunktperspektive: Panik ist begründete Furcht, dass die Welt zerstört werde, sehenden Auges und bei vollständigem Bewusstsein der Eliten. In ähnlicher Weise formulierte der greise Stéphane Hessel, mit dem Gedächtnis eines Jahrhunderts, vor wenigen Jahren sein engagiertes „Empört Euch!“ gegen eine überflutende kapitalistische Welt.

Hohes Alter und frühe Jugend signalisieren einen grundsätzlichen Einspruch gegen organisierte Prozesse, aber auch gegen eine Iteration der gängigen politischen und akademischen Rituale, selbst dort, wo sie einen Mehrwert an Wissen, Einsicht und Information erzeugen können. Hessel und Thunberg verbindet, dass sie zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht nach weiteren Diskursen oder Fakten fragen, sondern nach Haltung, aus der dann, so die Erwartung, herausfordernde Handlungen hervorgehen. Altersbedingte Naivität des Teenagers und des Greises? Keineswegs! Jenseits pragmatischer Betriebsamkeiten und gängiger politischer Kompromissfindungen meldet sich die panische Grundstimmung als Signal innezuhalten. Sie ist Platzhalterin für die Umorientierung des Augenmerks auf Menschheitsinteressen.

Der moralische Überschuss einer Perspektive, die die eine, einzige Menschheit in den Blick nimmt, ist so stark und in seiner Authentizität so fern von wohlfeilen Phrasen, dass der Aufruf zur Panik bei allen naheliegenden Einwänden nicht mit wohlmeinenden Beschwichtigungen weggewischt werden sollte – so berechtigt Einwände auch sein mögen, etwa: Panik sei kein guter politischer Ratgeber, und aus einer solchen Haltung gehe niemals eine kluge Politik hervor. Die Thunberg’sche Panik ist wie ein erratischer Block, präsent und gerechtfertigt, wo die konkretisierte Sorge um den Bestand des Menschseins in seinen humanen Grundformen im Zentrum steht.

Signalisiert wird damit das eigentümliche Charakteristikum der neuen politischen Situation, dass die europäischen globalen Institutionen und Prozesse auf existenzielle Fragen stoßen und damit auf einen harten Widerstand treffen, der sich durch operative Politik nicht lösen lässt. Man kann von einem „Ernstfall“ sprechen, der sich aber von Grund auf von den zu Recht desavouierten Aufladungen der Rede vom „Ernstfall“ unterscheidet, wie sie in den Rechts-links-Zersplitterungen des 20. Jahrhunderts gängig waren: Den tatsächlichen und vermeintlichen Ernstfällen für eine Partei, die eigene Ethnie und deren vermeintlich gefährdete Identität.

Das Vertrackte ist, dass sich auch die übersteigerten parteipolitischen Stimmen seit einigen Jahren vermehrt Gehör verschaffen: Das Ressentiment und der „Geist der Rache“ (Nietzsche) geben sich als bürgerliche Haltung aus und sind doch das blanke Gegenteil: Zerstörung von Bürgerlichkeit. So versuchen die neuen Extremparteien überall in Europa, zuerst von rechts, moderater auch von links, bereits den Common Sense des eigenen Landes zu spalten, erst recht den Europas, und in der Folge jenen der global zusammmenwachsenden Welt.

Obwohl hier wie dort eine Grundstimmung an die Stelle des Arguments tritt, besteht eine himmelweite Differenz. Hier das Ressentiment der „Wutbürger“, die von „Sorge“ sprechen, aber Spaltungen meinen, dort die Manifestation einer Panik, die implizit nicht weniger meint als die Erhaltung des begrenzten, aber umfassenden Globus. Der „panische“ Hinweis auf den Notstand kann, angesichts der um sich greifenden politischen Irrationalitäten, eine hochrationale Funktion erfüllen.

2 „Panik“, von der bei Thunberg die Rede ist, erinnert nicht zufällig an den Mythos von der „Panstunde“, in der sich Zeit verdichtet, stillsteht, versiegelt wird. Von ihr ausgehend sind verschiedenste Entwicklungen möglich, Metamorphosen der Kreativität und Umgestaltung. Dabei erweist sich als Indiz, das den Begriff des „Panischen“ a posteriori rechtfertigt, dass ein faktisches Überleben schwer möglich ist, wenn es nicht ein wirklich humanes Leben mit umfasst: subtile Kulturtechniken der Lebensgestaltung und eines universalen Gemeinwohls. Dass Überleben bedeuten muss, als Mensch in der Menschheitsfamilie zu leben, ist die Ahnung, die durch die ethische Empörungsgeste hindurchscheint. Hier stößt man auf das verletzliche, aber unhintergehbare Humanum, das auch nicht durch virtuelle Techniken ersetzbar ist.

Deutlich wird damit auch, dass die zusammenschließenden Lebens- und Überlebenssorgen nicht allein im Sinn des „Cold Project“ (Ralf Dahrendorf) und der kühlen systemtheoretischen Operationen zu handhaben sind, in denen globale Politik handelt. Paradoxerweise ergeben sich in der vernetzt verflochtenen Welt mit schöner Regelmäßigkeit Konstellationen, die zu komplex sind, um nach linearen Entscheidungsschemata gehandhabt werden zu können. Auf sie kann mit Planspielen nur unzureichend reagiert werden. Allenthalben melden sich Frustrationen, Aporien und Ungenügen.

Deshalb ist ein anderer, genuin humaner Wahrnehmungsraum erforderlich, ein vertiefender Zugriff auf das eine Menschliche in der Vielstimmigkeit seiner Glieder. Wie wichtig dies ist, wird durch das drohende Gegenkonzept deutlich: den Rückfall in alte Mechanismen, die links gegen rechts, die „eigenen Leute“ gegen „die anderen“ treiben, die Jungen gegen die Alten – und die sich dabei auf ungelöste soziale und sicherheitspolitische Aspekte stützen können, auf mangelnde Berücksichtigung und nicht zuletzt auf den alten Topos der „Torheit der Regierenden“ (Barbara Tuchman). Indiz dafür sind „Mouvements“, „Bewegungen“, die sich nicht im etabliert systemischen Parteiendiskurs unterbringen lassen, die Aufbruch und Erneuerung atmen, aber jederzeit kippen können: in eine neue Spaltung zwischen „uns“ und den „anderen“, den „Eliten“ und ihren Prozeduren. Auch ein antiparlamentarisches Ressentiment kann daraus hervorgehen.

Mithin ergibt sich eine Dialektik der „Mouvements“, die an entgegengesetzten Konzepten angezeigt werden kann: Macrons Vision eines verbindenden „Das eine tun, das andere nicht lassen“ hatte etwas von Hegel’scher Dialektik, von der Klugheit des Schachspielers, der den Zug der anderen Seite mitbedenkt. Die politische Realisierung erwies sich aber als mühsam. Der Reformprozess benachteiligte zu viele Bürger und atmete zumindest in der Wahrnehmung erneut die Arroganz der Macht.

Eine Gegenbewegung gewann Gestalt, die Ausgeschlossenen formierten sich, nicht in einer vermittelnden Mitte bürgerlich kapitalistischer und emanzipatorischer Projekte, sondern ganz im Gegenteil von einem antielitären, antikapitalistischen Kern aus. Von diesem Fokus aus tun sich extreme linke und extreme rechte Tendenzen auf Zeit zusammen, um den eigenen Protest wieder gegen „die anderen“ herauszubrüllen. Dass sie dabei vandalisierende Kulturzerstörungen begehen und dass der Firnis von Zivilisiertheit rasch zerreißt und darunter die antisemitischen Fratzen zum Vorschein kommen, hat auch potenzielle Sympathisanten erschreckt. Zur Normalität sollte dies nie erklärt werden. Komplexität und Paradoxie der Weltlage fördern offensichtlich auch die alten Gespenster und Trolle, die beim Schlaf der Vernunft aus ihren Ritzen kommen. Auch ihnen gegenüber kann innehaltende Panik angemessen sein.

3 Die panische Ruheminute ist deshalb so sinnvoll. Sie ist erforderlich, um mitten in den Gemengekonstellationen innezuhalten. Doch in der erstarrenden Panik kann man nicht wohnen. Wenn daraus kluge Folgerungen gezogen werden, können die Ressourcen praktischer Vernunft erneuert und verjüngt werden. Paradoxerweise kann dies geschehen, gerade indem alteuropäische Denk- und Verhaltensformen wiedererinnert werden. Der Begriff einer „bürgerlichen Gesellschaft“ (politike koinonia), wie ihn Aristoteles aus weitem kulturellem Gedächtnis prägte, zielt auf einen großen Konsens zwischen Individualität und dem allgemeinen Interesse. Auch wenn die Gleichheit und Gleichberechtigung aller (Frauen, Sklaven) in der griechischen Polis erloschen war, Entzweiungen und Entfremdungen, wie sie politisches Denken seit der Neuzeit prägen, das Machtregime und Management über den Menschen, der sonst dem Menschen ein Wolf ist und eingehegt werden muss, sind dem Urphänomen der bürgerlichen Gesellschaft für eine lange Zeit fern.

Dennoch ist der Blick auf das bürgerliche Gemeinwohl alles andere als naiv oder überholt. Das alteuropäische Paradigma muss auf die hypermoderne One World hin fortgeschrieben und nicht als veraltet belächelt werden. Eher sind die „modernen“ Machtregime obsolet. Einhegungen und Schutzmauern gehören einem vergangenen und letztlich lebensfernen Paradigma von Politik an, weil sie sich im globalisierten Austausch nicht halten lassen. Dass sie wieder Konjunktur haben, ist Zeichen einer letzten Kristallisation.

4 Es sind elementare Momente, weshalb ich für die Aktualität Alteuropas votiere. Das alteuropäische Ethos kennt bestimmte Spiegelungen: Polis und Seele sollen einander entsprechen wie die große und die kleine Schrift. Dies ist die wirkmächtige Lehre Platons. Möglich und wirksam ist in der großen Polis-Schrift nur, was in der kleinen Seelenschrift vorgezeichnet ist. Aus diesem Geist konnte Hannah Arendt eine Urform demokratischen politischen Handelns erneuern, in dem die freie Verständigung von Politik aus totalitären Zwängen zu lösen und in der Freiheit von Rede und Gegenrede zu etablieren ist. Das Gespräch muss und sollte auch im Dissens nicht abreißen.

Der Funke des Anfangs, der Natalität, den Arendt als Funken der Demokratie nach NS-Faschismus und totalitärer Erfahrung wieder erneuert hat, muss sich auch in den mühevollen Prozessen konkreter Konsensfindung zeigen. Das Normative der Polis ist je spezifisch in der eigenen Seele und in der Seele des anderen grundgelegt. Er oder sie können recht haben. Bei aller Gefährdung der Gemeinsamkeit, bei aller unzureichenden Realisierung, fundamental bleibt das Bewusstsein eines Gemeinwohls, in dem sich die verschiedenen beteiligten Stimmen zu einer Symphonie verbinden können. Derrida nannte dies die „Politik der Freundschaft“.

Über Organisationsformen ist damit noch nichts gesagt, ebenso wenig sind konkrete Utopien ausgemalt. Auch ein Konsens gemeinsamer Werte ist damit in keiner Weise formuliert: Vielmehr eine Haltung, die Vielstimmigkeit und Partikularität einerseits mit einem verbindenden Konsens andererseits zusammendenken kann.

Dieser Dreh- und Angelpunkt alteuropäischen politischen Denkens war, von 6000 bis 3000 v. u. Z., bei aller unzureichenden Realisierung keine Utopie, sondern eine selbstverständliche politische Realität, aus der Normativität hervorging. Angesichts von Weltproblemen, die die zumindest technologisch, informationell und ökonomisch geeinte Menschheit verbinden, gewinnt die differenzierte Einheit eine neue Brisanz und Aktualität.

Mit ihr wird auch ein zweites alteuropäisches Zentralmotiv neu wirksam: Die Verbindung von Polis und Welt, Urszene eines Kosmopolitismus, der in Kants Vision vom ewigen Frieden noch nachklingt, wenn er als Garantie des ewigen Friedens und als Verpflichtung zu ihm versteht, dass die verschiedenen Glieder der menschlichen Familie überall leben können und sollen. Austausch, Kultivierung des Gastrechts, Eigenständigkeit und Verbindung der verschiedenen Kulturen ist geradezu ein Moralgebot des Zusammenlebens.

Mehr noch: daraus ist der Stoff eines vernünftigen Weltbürgertums in gefährdeten Zeiten.

Zur Person

Harald Seubert, Jg. 1967, ist seit 2012 Professor und Fachbereichsleiter für Philosophie und Religionswissenschaft an der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel, seit 2009 nebenamtlicher Dozent für Politische Philosophie an der Hochschule für Politik München. Seit 2016 ist er Vorsitzender der Martin-Heidegger-Gesellschaft.

Jüngere Publikationen: „Philosophie. Was sie ist und sein kann“ (2015).

„Gesicherte Freiheiten: Eine politische Philosophie für das 21. Jahrhundert“ (2015). „Der Frühling des Missvergnügens: Eine Intervention“ (2018).

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