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„Die Norddeutschen denken, wir Bayern hätten keine erkenntnistheoretischen Probleme.“ (Christian Ude, Münchner OB)

Münchener Kongress für Philosophie

"O'zapft is!"

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Wenn die Denker in die Stadt kommen: Der 22. Deutsche Kongress für Philosophie in München gab sich in diesem Jahr bürgernah und musste sich dabei so mancher Herausforderung stellen.

Von wegen entrückte Bücherwürmer: Auch Philosophen wollen ihren Spaß. Und stürzen sich in die pralle Lebenswelt. Dann fallen sie zum Beispiel ins Kino ein und stellen sich die Frage, ob Hollywood mit einem Begriff Louis Althussers nicht als ideologischer Staatsapparat zu bezeichnen ist. Oder sie schauen sich einen Film von Ingmar Bergman an, sagen wir: „Persona“ von 1966, um sogleich nachzuhaken, was es heißt, eine Person im Sinne Helmuth Plessners zu sein. Etwas popkultureller geht es selbstverständlich auch, dann entern Philosophen die Bühne und setzen zur Lecture-Performance oder zum Philosophie Slam an: Tanz den Heidegger, Spinoza yo!

Wenn das kein Spaß ist. Der 22. Deutsche Kongress für Philosophie in München hatte in dieser Woche so allerhand zu bieten. Das Zunfttreffen sollte mit seinen über 400 Vorträgen nicht nur in den altehrwürdigen Hallen der Ludwig-Maximilians-Universität stattfinden und sich ebenso wenig nur innerakademischen Problemen widmen.

Vielmehr galt es, etwas Neues auszuprobieren, so der Gastgeber Julian Nida-Rümelin, und „die Gelegenheit der geballten philosophischen Fachkompetenz zu nutzen, um die Philosophie in der Stadt für alle Interessierten zugänglich zu machen“. Also ging man in die Kinos und ins Theater, aber auch in die Galerien, Museen, Clubs, Cafés und Schulen. Ob das wohl gut geht? Folgen wir den Philosophen auf ihrem Weg in die Stadt. Wenn im Gewerkschaftshaus über die „Geschlechterpolitik der Globalisierung und staatsbürgerliche Praxis“ referiert und dabei die moderne Sklaverei der Frauen analysiert wird, geschieht dies in jedem Fall am richtigen Ort. Auch eine Podiumsdiskussion zur „Ethik des Sterbenlassens“ im Konflikt zwischen Patientenverfügung und hippokratischem Eid ist im Münchner Caritas Zentrum bestens aufgehoben. Und gewiss passen Vorträge über die „Pflicht zur Erinnerung“ an die NS-Verbrechen zur Friedrich-Ebert-Stiftung, so wie die „jüdische Identität“ unbedingt im Jüdischen Museum verhandelt werden muss.

Bürgernahe Sprache

Kann man alles machen. Jederzeit. Auch ohne Kongress. Wer allerdings die Philosophie in die Stadt tragen will und dabei den Vollkontakt mit den Menschen nicht scheut, hat sich mehr vorgenommen. „Stellen sie sich mal vor, was das für ein Hammer ist!“ – Josef Früchtl (Amsterdam) legt sich voll ins Zeug bei dem Versuch, in bürgernaher Sprache zu erklären, was „Kulturkritik“ ist. Im Tiefparterre der Kunstarkaden fährt er mächtig Theorie auf, alles, was gut und teuer ist, Niklas Luhmann, Terry Eagleton, Richard Rorty, und erklärt seinem nicht-universitären Publikum mit Engelsgeduld, was sich hinter diesen Namen verbirgt. Es geht um den innigen Zusammenhang von Kultur und Barbarei.

Die Menschen lauschen gebannt. Das haben sie so noch nie gehört. Durch die Fenster sieht man derweil die Touristenströme vorbeiziehen, ein krachlederner Urbayer schimpft in sein Mobiltelefon. Philosophie in der lärmenden Großstadt. Früchtl lobt unverdrossen den Umgang mit den Künsten als Schule der Toleranz, auch als Einübung in einen spielerischen Umgang mit der Welt, als existenziell bedeutsame Lockerungsübung. Eine Herkules-Aufgabe, denn am Schluss erwartet man von ihm doch ganz praktischen Rat: Ob philosophische Argumente gegen religiöse Fundamentalisten helfen würden und was er von Klitorisbeschneidung, von Fukushima und Erderwärmung halte. So sehen die Mühen der Ebene für einen Philosophen aus. Dennoch, es gibt größere Herausforderungen: Was ist, wenn die Stadt oder, besser noch, der Oberbürgermeister zur Philosophie kommt? Christian Ude, launig als „Kabarettist, Satiriker und Schwabinger Intellektueller“ angekündigt, gab sich bei einem abendlichen Kulturempfang die Ehre. Damit avancierte das Philosophentreffen von einer Minderheitenveranstaltung zu einem gesellschaftlichen Ereignis erster Güte. Denn Ude war nicht gekommen, ein Grußwort oder sonstwie unverbindliche Philosophie-ist-total-wichtig-Erbaulichkeiten von sich zu geben, sondern brachte sich inhaltlich voll ein.

Und so kalauerte Ude unter dem Titel „O’zapft is“ mit philosophischem Anspruch. Eine Kostprobe seiner volksanthropologischen Einsichten: „Die Norddeutschen denken, wir Bayern hätten keine erkenntnistheoretischen Probleme, würden uns keine Gedanken über das gute Leben machen. Dabei haben wir schon ein gutes Leben geführt, als die Norddeutschen noch gar nicht darüber nachdachten.“

Taataa! So macht Philosophieren wirklich Spaß. Nein, als Norddeutscher muss man das selbstverständlich nicht komisch finden. Aber stattdessen gleich auf die Spaßbremse treten? Das eigentliche Thema des Kongresses lautete „Welt der Gründe“. Da sind die Abgründe nicht weit.

Nachwuchspreis für Philosophie erstmals verliehen

Die Philosophie hat ein großes Herz. Sie bietet allen Platz. Und sie liebt die Extreme. Kurz bevor der bürgermeisterliche Spaßbefehl erging, wurde an diesem Abend der vom Goethe-Institut erstmalig ausgeschriebene Nachwuchspreis für Philosophie verliehen, und zwar an den Tunesier Sarhan Dhouib. In seiner Arbeit habe er, so die Begründung, zentrale Stellen des Korans mit europäischen Menschenrechtskonzeptionen verglichen und sei zu dem Ergebnis gekommen, dass Menschenrechte auch in islamischen Ländern begründbar sind. Dhouib erinnert in seiner Dankesrede daran, dass, während er über die Freiheit nur nachgedacht habe, seine Landsleute für sie gestorben seien.

Mit deutlich weniger blutigem Ernst, aber doch einem ähnlichen Thema sah sich Michael Quante konfrontiert. Der Münsteraner Philosoph – er wurde übrigens auf dem Kongress als Nachfolger Nida-Rümelins zum Präsidenten der veranstaltenden Deutschen Gesellschaft für Philosophie gewählt – begab sich ganz im Sinne der neuen Publikumsoffensive in die lebensweltlichen Niederungen. In der Hauptschule an der Guardinistraße stand er als der „Herr Quante“ in der Turnhalle und sprach mit Kindern und Jugendlichen aus der fünften bis siebten Klasse, 70 Prozent von ihnen mit Migrationshintergrund. Aller professoraler Würden entkleidet, fragte der Philosoph die Jungen und Mädchen artig um Erlaubnis, ob er sie duzen dürfe. Er durfte.

Was bedeutet eigentlich Freiheit?

Die Hauptschüler wollten zuerst noch wissen, was Freiheit eigentlich bedeute oder wie Unendlichkeit zu verstehen sei. Dann wurde es etwas lockerer, dem Herrn Quante rutschten nur noch selten Worte wie „empirisch“ oder „normativ“ heraus, stattdessen zog er Amy Winehouse und Videospiele zur Erklärung heran. Ob es Gespenster gebe oder eine zweite Erde oder ob die Welt 2012 untergehe, traute man sich jetzt zu fragen. Schließlich ging es zur Sache: Warum gibt es so viele Religionen? Darf, wer von sich sagt, Gott habe mit ihm gesprochen, seinen Glauben mit Gewalt verbreiten? Warum gibt es so viel Streit? Was fängt man mit seinem Glauben an? Ist Gott ein Mann oder eine Frau?

Die Schüler interessierten sich für alles Mögliche, aber religiöse Fragen tauchten auffällig häufig auf. Herr Quante hatte also seine Mühe. Aber was lernt die Philosophie daraus? Sie folgt ihren eigenen Interessen. Als Jürgen Habermas zum Abschluss der Tagung noch einmal betonte, dass er nicht Teilnehmer am religiösen Sprachspiel sei, und fragte, ob denn „Religionen auf einen Philosophenkongress gehören“, hielt er sich dennoch eine Hintertür offen: Nicht nur in Hinblick auf die Beschäftigung mit der Kunst, sondern auch in den opaken Niederungen der Lebenswelt ringe die Philosophie, obwohl die diskursive Vernunft ihr Zentrum sei, stets aufs Neue mit dem Außersprachlichen.

Ach ja, ein Zacken wäre ihm nicht aus der Krone gefallen, hätte er an dieser Stelle noch die Religionen genannt.

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