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Individuen, die Schutz suchen im Kollektiv.

Nationaltheater Mannheim

„Die Orestie“ in Mannheim: Der Sieg des fiesen Patriarchen

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„Die Orestie“, mit Ideen und Quatsch im Nationaltheater Mannheim.

Zwischen stiller Tragödie und kalkuliertem Quatsch bewegt sich die neue Mannheimer „Orestie“, deren hochprofessioneller Gelassenheit und nachher Aufgekratztheit man sich nicht so leicht entziehen kann. Das liegt an einer überragenden Ensembleleistung, aus der Vassilissa Reznikoff als haltlos pubertierende und quasselnde und zappelig wütende Elektra noch einmal hervorsticht, aber auch insgesamt Intensität und Hingabe regieren. Philipp Rosendahl, Jahrgang 1990, setzt auf scharfe Effekte, auf kontrastreiche Theatralik. Die zeitlos moderne Aischylos-Übertragung von Walter Jens wird sorglos unterbrochen mit Zeitgeist. Aber es gelingt doch, allzu vertraute Theaterroutinen kurze drei Stunden lang mit neuem Schwung zu füllen.

Der kleine Chor (das Ensemble), der sich eingangs als leicht verlegenes Trüppchen auf der großen Schauspielbühne des Nationaltheaters gruppiert, aneinanderlehnt, zusammenkauert, lässt zunächst die Vorgeschichte Revue passieren, die gottgewollte Opferung von Iphigenie, Sophie Arbeiter, gottgewollte Opferung durch ihren Vater Agamemnon, Patrick Schnicke. Auch wenn das keinem nutzen wird, der über die Handlung nicht informiert ist, erlebt man doch interessiert mit, wie die Figuren einander aus dem ursuppenhaften Kollektiv herausdeuten. Der Gott macht es ihnen vor: beiläufig und doch unerbittlich. Man hat dann keine Wahl und ziert sich auch nicht lang.

Zur trüben Aussicht passt, dass es regnet (für die erste Zuschauerreihe liegen Plastikmäntel bereit), die dunkel spartanische Bühne (Benjamin Schönecker) begnügt sich vorerst mit verschiebbaren Laufstegen, dazu gepflegte Beleuchtungen (Robby Schumann). Zu den antikisierenden Kostümen (Brigitte Schima) kommen futuristische Plastikhelme, eine eigenwillige Idee von Vergangenheit.

Individuen suchen Schutz im Kollektiv

Das chorische Sprechen – eindrucksvoll kultiviert, überhaupt wird gut gesprochen, gequatscht, geschrien, geplappert, alles bei höchstmöglicher Textverständlichkeit – ist nicht sehr schematisch. Eher hat es den Anschein, als suchten Individuen Schutz im Kollektiv. Vergeblich. Ohne die Helme geht es hinein in den ersten Teil, den Agamemnon und Kassandra, Annemarie Brüntjen, nicht überleben werden. Maria Munkert ist eine straffe, unmegärenhafte Klytaimnestra, die sich nicht in die Karten sehen lässt, aber ihren Weg geht. Der von ihr flugs ausgesuchte Aigisth, Eddie Irle, wirkt dagegen als arglos derber Prahlhans von der Situation leicht überfordert.

Unverhohlen heutig tritt uns die Familie so auch nach der Pause entgegen. Zeus, Boris Koneczny, steht dekorativ auf einem Sockel – zur Erholung mal den rechten, mal den linken Arm dräuend erhoben, nein, Rosendahl kann die Götter nicht allzu ernst nehmen –, ein Kaminfeuer flackert. Mit der rasenden, vor Aufregung lispelnden, vor lauter Mordfantasie quicklebendigen Elektra Reznikoffs kontrastiert der coole Heimkehrer Orest, Arash Nayebbandi, der es anders als bei Aischylos bedenkenlos durchzieht. In Mannheim ist es seine Schwester, die wie jeder anständige Mensch dem Morden im Ernstfall nicht gewachsen ist. Die Toten werden wie die Toten zuvor in Netzen unter die Decke gehängt, eine etwas halbherzige Hauptsache-Theater-Aktion.

Nun aber wird es turbulent. Der dritte Teil, in dem Orest von ganz oben verziehen und somit ein Schlussstrich unter das Unglück der Atriden gezogen wird, ist eine lustige Gerichtsshow, in der der als Athene verkleidete Koneczny (Zeus) die Geschichte nach Patriarchen- und Showmasterart (was beides hier ungefähr dasselbe ist) regelt. Das hochtechnologische Abstimmungsverfahren versteht kein Mensch, aber es geht so aus wie „Athene“, also der Mann, es will. Die weiblichen Eumeniden, die – hochschwanger und in grellem Look – äußerst fuchtig auftreten, werden nicht nur überstimmt, sondern auch mit zauberischer Gewalt eingenordet. Als nun niedliche Mädchen – die netten blauen Kleider zugleich die Zwangsjacken – singen sie ein liebes Lied. Das ist so platt, dass es schon wieder schillernd ist: eine drastisch feministische Lesart, die in dieser Überspitzung an Spott und Hohn heranreicht, aber das bleibt in der Schwebe. Nicht in der Schwebe bleibt der erfolgreiche Backlash des Patriarchats. Es spricht für die Inszenierung, dass einem da im penetranten Klamauk angst und bange werden kann. Bemerkenswert nämlich, dass dieser überfüllte Abend doch Platz zum Selberdenken lässt.

Nationaltheater Mannheim: 5., 9., 20. Oktober. www.nationaltheater-mannheim.com

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