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Mitglieder des Balletts demonstrieren am 13. September 2016 im Probenzentrum der Staatsoper Unter den Linden.

Kulturpolitik Berlin

Ordnungspolitik, was denn sonst

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Was hat Tim Renner als Kulturstaatssekretär in Berlin erreicht? Eine vorläufige Bilanz, die nicht so schlecht ausfällt, wie es Renners Gegnern erscheinen mag.

Sieht so ein Paradiesvogel aus? Als Tim Renner im April 2014 sein Amt als Staatssekretär für kulturelle Angelegenheiten antrat, verbreitete er sofort den Anschein, nicht wirklich dazuzugehören. Er, der Popkulturmanager, der Plattenlabel-Boss, der Mann aus der Privatwirtschaft – was hatte dieser Exot bloß in einer Kulturbehörde verloren?

Renner sprach gern von der Langsamkeit der Bürokratie, den politischen Rücksichten, die nun auf einmal zu nehmen waren. In der freien Wirtschaft sei das undenkbar, ein bisschen von ihrem unternehmerischen Elan, so durfte man den frischgebackenen Kulturfunktionär ruhig verstehen, würde auch dem subventionsträgen Kulturbetrieb gut tun.

An diesem Selbstbild war und ist so gut wie alles falsch. Kaum jemand beherrscht das politische Geschäft, seinen Behördenapparat so souverän wie der Sozialdemokrat Tim Renner. Er macht das, was auch seine Vorgänger gemacht haben, nur sehr viel nüchterner: Ordnungspolitik.

Seine Arbeit als Staatssekretär sieht er nämlich vor allem darin, die politischen Rahmenbedingungen zu gestalten, ein Budget zu verwalten und Posten zu verteilen. Auf die operettenhafte Kulturpolitikfolklore, den großen Balkonauftritt, für den sich der noch gut erinnerliche Vorgänger André Schmitz nur selten zu schade war, verzichtet Renner vollständig. Nicht einmal popkulturellen Glamour will er liefern.

Er will gar nicht dazugehören

Das alles weckte bisher einigen Argwohn. Renner scheint nicht nur nicht richtig dazugehören zu wollen, er folgt auch einem nüchternen, geradezu unspektakulär demokratischen Politikverständnis, wonach er ex officio nicht nur der hehren Kunst und ihren Künstlern gegenüber verantwortlich ist, sondern auch den Wählern seiner Partei, den Steuerzahlern womöglich.

Über seine Politik zu sprechen, gar über kulturpolitische Richtungsentscheidungen, nimmt sich wie der Versuch aus, ein nasses Stück Seife fassen zu wollen. Renner äußert sich inhaltlich nur selten, am liebsten andeutungshaft. Muss das aber ein Nachteil für die Kultur sein – solange der Mann gutes Geld und gute Leute heranschafft?

Tim Renner hätte als geräusch- und reibungslos funktionierender Kulturdiener in die Berliner Geschichte eingehen können. Blöderweise verschätzte er sich bei der Intendanten-Neubesetzung in der Volksbühne: Frank Castorf gegen Chris Dercon einfach so mal auszuwechseln und dabei die ganze, tief aus der DDR bis in die Gegenwart reichende, selig und grandios vor sich hin müffelnde Geschichte des Hauses zu übersehen – das war grob fahrlässig. Und unnötig.

Beim Staatsballett droht Renner mit der Choreografin Sasha Walz als Nachfolgerin von Nacho Duato ein ähnliches Desaster. Auch hier verschickte das Ensemble schon einen offenen Brief und formiert sich jetzt größerer Widerstand.

Nein, ein öffentlicher Kommunikator, ein gewinnender Verkäufer seiner Politik ist Renner wahrlich nicht. Dabei hat er, der noch von Klaus Wowereit eingeführt wurde und sich jetzt mit seinem neuen Dienstherren Michael Müller ebenso gut zu verstehen scheint, doch einiges vorzuweisen.

Die freie Künstlerszene bekam mehr Geld. Insgesamt stehen dem Kulturetat der Stadt jetzt rund 400 Millionen Euro zur Verfügung. Für Renner ist das auch ein Budget fürs Stadtmarketing, unablässig betont er die ökonomische Bedeutung der „Kreativwirtschaft“ für Berlin: Erst das kulturelle Angebot locke die Menschen in die Stadt, Touristen und die Kreativen gleichermaßen – Berlin, die internationale Metropole.

Es könnte vieles so einfach sein, wie das Beispiel von Paul Spies beweist: Von dem neuen Direktor der Stiftung Stadtmuseum ließe sich viel lernen. Während andere sich noch über die träge Kulturbürokratie mokieren, legte der Niederländer kurzerhand ein Konzept für den Teil des Humboldt-Forums vor, in dem Berlin sich zeigen soll: Mit einem Mal spielt die Stadt in ihrem bislang gar nicht so gemochten Stadtschloss wieder voll mit.

Es gibt auch rumpelfreie Personalien

Das ist ein Erfolg. So wie übrigens auch, dass man an der Staatsoper mit dem Noch-Intendanten Jürgen Flimm einigermaßen rumpelfrei einen Nachfolger fand – Matthias Schulz. Ein weiterer Beleg, dass sich eine gewisse Nüchternheit auszahlt.

Tim Renner ist einer von ihm selbst gebrauchten Unterscheidung zufolge kein zampanohafter Innovator, sondern ein gediegener, freundlicher Organisator. Ein Ordnungspolitiker eben, der so gut wie niemand sonst geeignet sein müsste, auch den Grundkonflikt dieser Stadt – globaler Standortwettbewerb versus lokaler Traditionsstandort – auszubalancieren. Er weiß um den Konflikt, er benennt ihn auch. Aber er moderiert ihn schlecht.

Dem Streit um die Volksbühne kam und kommt nicht zuletzt deswegen so viel Bedeutung zu, weil sich eben dieser spannungsgeladene Konflikt in der Personalie Dercon versus Castorf verdichtet hat. Und polemisch zugespitzt: Eventheini versus Traditionsspießer. Das aber ist großer Unsinn und tut beiden großes Unrecht.

Man glaubt Renner gern, dass er den Theaterlärm nicht wollte. Doch hat er tatsächlich geglaubt, diese eine Personalfrage, die zugleich die große Zukunftsfrage der Stadt in sich trägt, mit einer schlichten Neubesetzung beantworten zu können? Das musste auf eine Überforderung hinauslaufen, die Chris Dercon gerade nicht den Start ermöglichte, den er in dieser Stadt zweifellos verdient hat.

Für die kulturelle Zukunft braucht’s keine visionsbesoffenen Balkonreden, sondern nur gut gemachte Ordnungspolitik. Das ist Tim Renners bescheidene, aber zugleich anspruchsvolle Vision. Wenn er sie doch nur besser kommunizieren würde!

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