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Lob der Ordnungsliebe

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Die Ordnungsliebe: in Deutschland geradezu ein nationales Klischee.
Die Ordnungsliebe: in Deutschland geradezu ein nationales Klischee. © Getty Images/Ingram Publishing

Die Ordnungsliebe ist ein nationales Klischee, wahrscheinlich die deutscheste Tugend überhaupt. Gerade deshalb wohl ist sie in Verruf geraten. Sie ist verdächtig, im besten Fall ein Zeichen von Verkniffenheit und Spießbürgertum.

Von Marin Majica

Die Kindergärtnerin sah besorgt aus, als sie meine Mutter eines Nachmittags zur Seite nahm. Sie wisse jetzt auch nicht so genau, wie sie das sagen solle, erklärte die Erzieherin, aber sie müsse mit meiner Mutter reden. Sie wollte fragen, ob ihr Sohn, also ich, denn normal sei.

Es waren die späten siebziger Jahre, meine Mutter war von der Frage doch ein wenig beeindruckt. Dann holte sie tief Luft und wollte wissen, was denn passiert sei. „Passiert? Nichts ist passiert. Aber ihr Marin“, erklärte ihr die Erzieherin, „der spielt ja gar nicht. Der räumt ja immer nur auf.“

Ich kann mich an diese Szene nicht erinnern, aber meine Mutter hat sie regelmäßig zum Besten gegeben, gerne auch in größeren Runden, so etwas prägt sich ein. Und ich hatte nie Anlass, die Geschichte anzuzweifeln. Es gibt ein Foto von mir, darauf bin ich im Kinderzimmer zu sehen, ich bin beim Spielen eingeschlafen und liege zwischen meinen Flugzeugmodellen. Sie stehen vor mir, parallel aufgereiht – sinnvoll geordnet wie am Flughafen.

Die deutscheste Tugend überhaupt

Ein Psychologe hat mich einmal gefragt, ob ich nicht zwischen allen Stühlen säße, mit der deutschen Mutter und dem kroatischen Vater, so zerrissen zwischen den Kulturen. Ich konnte ihm nicht weiterhelfen – seelisch habe ich mich eigentlich immer nur deutsch gefühlt, sehr aufgeräumt. Die Ordnungsliebe ist ein nationales Klischee, wahrscheinlich die deutscheste Tugend überhaupt. Gerade deshalb wohl ist sie in Verruf geraten. Sie ist verdächtig, im besten Fall ein Zeichen von Verkniffenheit und Spießbürgertum, wie hier zuletzt auch zu lesen war. Schlimmstenfalls gilt derjenige, der ordnen möchte, als verkrampft, überheblich oder gar gefährlich.

Ich habe Ordnung schon immer geliebt. Als wir damals am Gymnasium das Stück „Die Physiker“ von Friedrich Dürrenmatt lasen, berührte mich das aus verschiedenen Gründen, doch den größten Eindruck hinterließ ein Gedanke von Newton. Das ist einer der drei vermeintlich irren Wissenschaftler, und er erklärt: „Ich ertrage Unordnung nicht. Ich bin eigentlich nur Physiker aus Ordnungsliebe geworden.“ Das leuchtete mir sofort ein. Ich bin zwar kein Physiker geworden, aber die Aufgabe von Journalisten ist es in gewisser Weise ja auch, aufzuräumen.

Der Putzfimmel

Das Ordnung-Schaffen, also das sinnvolle Anordnen von Dingen im Raum oder von Abläufen in der Zeit, wird leider viel zu häufig verwechselt mit dem Saubermachen. Sauberkeit ist nur die Ordnung der Oberfläche, trotzdem gilt sie als vorbildlich und ist beliebter denn je. Alles soll weiß und hygienisch sein, gut ausgeleuchtet und glänzend. Dabei ist bei so viel Fixierung auf tadellose Oberflächen, wenn etwa von „Politik aus einem Guss“ die Rede ist, eigentlich höchste Vorsicht geboten. Schließlich gilt seit dem 20. Jahrhundert nicht nur in der Physik die Unordnung als nicht wegzudenkendes Element, zu dem man sich als Wissenschaftler, aber auch als Mensch verhalten muss.

Das Gegenteil eines vernünftigen Verhältnisses zur Unordnung ist ein Putzfimmel, den mitunter nicht nur Staubmäuse zu spüren bekommen. Erleben kann das, wer etwa mit dem Auto in eine Fahrradstraße in Berlin-Mitte fährt. Ich mache das regelmäßig, und nichts daran ist anrüchig, ich besuche dort jemanden. Aber es ist erstaunlich, wie ausfällig Männer im Anzug und Frauen mit Kindersitz werden können, einfach nur, weil sie auf einem Rad sitzen und da ein Auto ist, wo es ihrer Ansicht nach straßenverkehrshygienisch nicht hingehört.

Ähnliche Abwehrreaktionen löst die Tatsache aus, dass ich aus Parkplatznot häufig den Wagen auf einer bestimmten Straßenecke abstelle. Es ist verboten, ich weiß das, aber das Auto behindert dort niemanden, weder Fußgänger noch andere Verkehrsteilnehmer, und ich zahle meine Strafzettel pünktlich. Es hat alles seine Ordnung, auch wenn es selbst ernannten Ordnungshütern als unordentlich erscheinen mag. Ich wurde deshalb schon angesprochen. Kürzlich hielt ein Glatzkopf neben mir, kurbelte sein Autofenster herunter und fragte mich, ob ich das denn normal finde. Ich hätte ausholen und ihm alles erklären können. Stattdessen ziehe ich um – in den Teil der Stadt, für den ich einen Anwohnerparkausweis habe. Ich räume mein Leben auf.

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