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Ostern

Wenn Kant, Feuerbach und Marx über Gott streiten

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Was kommt dabei heraus, wenn sich Kant, Feuerbach und Marx über Gott unterhalten? Ein fiktives Gespräch über Religion, die Verherrlichung des Leidens und das österliche Versprechen der Erlösung.

Kant zitiert Goethes Osterspaziergang, Feuerbach begeistert sich für den Begriff der „religiösen Arschkriecherei“ und Marx beklagt die Betäubung der Massen - ein philosophischer Chat über Gott und die Welt: Die folgende Unterhaltung wurde in dieser Woche von den Smartphone-Providern der genannten Herren mitgeschnitten.

Kant: „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden belebenden Blick. . .“

Feuerbach: Lieber Freund, dass gerade Sie den Osterspaziergang zitieren. Immerhin waren Sie bereits vier Jahre tot, als Goethe seinen Faust veröffentlichte. Zudem hat der große Dichter behauptet, kein Organ für die Philosophie zu haben.

Kant: Und wenn schon. Es steckt einiges in seinen Texten, das uns Philosophen gefallen sollte. Dies gilt auch für den Osterspaziergang. Ich darf erneut zitieren: „Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht/Sind sie alle ans Licht gebracht.“ Wenn das nicht nach Aufklärung klingt!

Marx: Schon möglich, aber zu wenig ist seit damals erreicht worden. Heute, über zweihundert Jahre später, prägen die Religionen noch immer den Alltag. An diesem Wochenende läuft die Propagandamaschine mal wieder auf Hochtouren. Von der einen Kanzel wird die Selbstaufopferung verherrlicht, von der nächsten wird zum Warten auf ein himmlisches Jenseits gepredigt.

Kant: Das ist wahr, verehrter Kollege. Noch immer leben wir nicht in einem aufgeklärten Zeitalter, sondern bestenfalls in einem Zeitalter der Aufklärung. Allerdings sollten wir die Fortschritte nicht übersehen. Heute werden keine Hexen mehr verbrannt und das geistig verwirrte Gretchen würde nicht hingerichtet werden, sondern käme in eine psychiatrische Einrichtung. Rettung kommt nicht aus dem Jenseits, sondern aus der Medizin.

Marx: Es war ein langer Weg über Kreuzzüge, Hexenwahn, Religionskriege, Ketzerverfolgung, Inquisition, der Ausrottung indigener Völker und der Segnung sämtlicher Waffen in allen Kriegen der Geschichte.

Feuerbach: Und doch wird heute für den Frieden gebetet.

Ludwig Feuerbach (1804 bis 1872) war Philosoph und Anthropologe und avancierte durch seine Religionskritik zum Vordenker der Dissidenten des Vormärz.

Marx: Die Nachricht hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube! Wer meint, die Religionen wären eine Stütze des Friedens und der Freiheit, ist blind. Es wimmelt noch heute von Gotteskriegern. Im Christentum sind sie zwar gerade aus der Mode gekommen, dafür verweigert es der Vatikan bis heute, die Charta der Menschenrechte zu unterzeichnen.

Kant: Gleichwohl gab es Fortschritte. Meine Schrift „Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ wurde 1794 noch mit Zensur bedroht. Man besaß sogar die Frechheit, mir „auf Seiner Königl. Majestät allergnädigsten Specialbefehl […] unangenehme Verfügungen“ anzudrohen. Heute steht mein Werk in jeder guten Bibliothek.

Feuerbach: Ja, ich erinnere mich! Eine wunderbare Schrift, mein lieber Kant! Allerdings kam die Zensur wohl etwas spät. Ihre Hauptwerke hatten der Religion doch bereits deutlich härter zugesetzt. Die Kritik der reinen Vernunft belegt, dass jede Gottesvorstellung auf leeren Begriffen beruht und jeder Gottesbeweis daher zum Scheitern verurteilt ist. Die Kritik der praktischen Vernunft hatte dann gezeigt, dass echte moralische Pflicht allein aus der Vernunft abgeleitet wird und mit Religion nichts zu tun hat. Warum also diese Aufregung um Ihre kleine Religionsschrift?

Kant: Ich vermute, es lag daran, dass ich vom Afterdienst der Religionen geschrieben habe.

Marx: Das klingt in der Tat revolutionär, bitte erklären Sie!

Kant: Nun, wie Sie wissen, bin ich der Ansicht, dass allein die Absicht, die Maxime, über den moralischen Wert einer Handlung entscheidet. Aus diesem Grund bezeichne ich religiöse Rituale ebenso wie soziales Engagement aus religiösen Motiven als Afterdienst. Diese Formulierung hat zwei Bedeutungen. Die erste Bedeutung könnte als Hinterher-Dienst bezeichnet werden. Wenn zum Beispiel ein religiöser Mensch den Armen hilft, um auf diese Weise Gott zu gefallen, dann bleibt die Handlung wünschenswert. Sein Motiv ist jedoch second best. Er tut etwas, was auch die Vernunft gebietet, sein Motiv ist aber in Wahrheit egoistisch. Er handelt gemäß der Pflicht aber nicht aus Pflicht.

Feuerbach: Und die zweite Bedeutung des Wortes?

Kant: Die Vernunft gebietet, eigenverantwortlich und aus Pflicht zu handeln. Selbst ein Gott – wenn er denn existieren würde- wäre an das Sittengesetz der Vernunft gebunden. Blinde Rituale, Unterwerfungen und Fetischdienste lehnt die Vernunft ab. Besonders verwerflich ist es, wenn diese Handlungen mit dem egoistischen Motiv betrieben werden, sich einzuschmeicheln oder Pluspunkte für ein Jenseits zu sammeln. In diesem Kontext bedeutet Afterdienst nicht Hinterher-Dienst, sondern bezieht sich auf ein Körperteil.

Feuerbach: Nicht möglich! Im Jahre 1794 haben Sie von religiöser Arschkriecherei geschrieben?

Kant  (lächelt).

Immanuel Kant (1724 bis 1804) gilt als wichtigster Aufklärer und einer der ganz Großen der Philosophie. Bis heute beeinflusst er die philosophische Debatte, nicht nur mit seinem Hauptwerk „Kritik der reinen Vernunft“.

Marx: Das gefällt mir! Allerdings liegt das Problem aus meiner Sicht noch deutlich tiefer. Es ist ja nicht nur so, dass Religionen eine minderwertige Moral predigen, sie verhindern aktiv ein besseres Leben der Menschheit. Nehmen Sie nur die Osterfeierlichkeiten. Ein Teil der Christenheit gedenkt des Opfertodes Jesu und verehrt ihn als Vorbild für das eigene Leben. Der andere Teil feiert das Versprechen der Erlösung und der Unsterblichkeit.

Kant: Ich vermute, beides macht für Sie keinen großen Unterschied.

Marx: Sehr richtig lieber Freund. Theologen mögen darüber streiten, ob Ostern primär für Opfer oder Erlösung steht. Für mich handelt es sich nur um zwei Gesichter eines Januskopfes. Durch das Vorbild des klaglosen Opfers trägt Religion zur Repression der Massen bei. Sie lehrt jedes Unrecht, jede Ausbeutung klaglos zu ertragen. Als Hoffnung auf ein paradiesisches Jenseits ist Religion Kompensation für alle Leiden. Sie ist das Opium des Volkes. Beide zusammen sorgen dafür, die revolutionäre Kraft der Massen zu betäuben und die bestehenden Ausbeutungsverhältnisse zu stabilisieren. Lassen Sie auch mich Goethe zitieren: „Hier [auf dem Dorfplatz] ist des Volkes wahrer Himmel!/Zufrieden jauchzet groß und klein:/Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!“

Haben Sie schon einmal überlegt, was es bedeuten könnte, wenn die Menschen die Hoffnung auf ein Jenseits aufgeben würden? Was wäre, wenn die Massen darauf verzichten, durch Afterdienst Pluspunkte für sugar candy mountain zu sammeln? Die Menschen würden beginnen eine gerechtere Welt im Hier und Jetzt zu errichten.

Feuerbach: In vielen Punkten sind wir einer Meinung, lieber Kollege. Der Mensch leidet an seiner eigenen Unvollkommenheit und entwirft daher das Ideal eines vollkommenen Wesens, das all diese Mängel nicht besitzt und ihm die Angst vor dem Tod nimmt. Nicht Gott schuf den Menschen. Die Menschheit erschafft ihre Götter. Wenn die Liebe zu diesem Fetisch in echte Menschenliebe und Solidarität überführt werden könnte, wäre die Welt ein besserer Ort.

Kant: Allerdings möchte ich bezweifeln, dass der Atheismus, den Sie fordern, überhaupt möglich ist. Nach meiner Theorie bringt das menschliche Hirn unvermeidlich metaphysische Ideen hervor. Wir können eine Welt ohne Anfang und Ende, ohne Ursache und Wirkung nicht denken. Also erfindet unsere Fantasie einen ewigen Schöpfer, der alles begonnen hat. Wir brauchen keinen Gott, um zu wissen was moralisch gut und richtig ist. Allerdings bleibt ein Problem: Moralische Pflicht verleiht Würde, sie macht aber nur selten glücklich. Daher sind wir anfällig für die Vorstellung eines metaphysischen Beobachters, der dereinst die moralisch Guten belohnt.

Karl Marx (1818 bis 1883), Philosoph und Ökonom, entwickelte zusammen mit Friedrich Engels den Marxismus. Religion entspringt für ihn aus gesellschaftlichem Elend und ist ein Mittel zur Unterdrückung.

Marx  (nuschelt in seinen Bart): Unsinn! Man kollektiviere die Produktionsmittel und auch die nachrangigen Widersprüche werden sich auflösen.

Kant: Wie bitte?

Marx: Ach nichts, mein Lieber. Die Theorie des historischen Materialismus würde jetzt zu weit führen. Wahrscheinlich würde ein Liberalist wie Sie sich auch querstellen.

Feuerbach: Lassen Sie mich einen Kompromissvorschlag formulieren, liebe Kollegen. Ob ein reiner Atheismus zu erreichen ist, sei dahingestellt. Doch ganz im Sinne der Aufklärung wäre bereits eine Annäherung an dieses Ziel wünschenswert. Ich spreche von Erziehung und Bildung des Menschen. Es geht um die Entwicklung wahrer Persönlichkeiten, die keines Fetischs bedürfen, um die eigene Vergänglichkeit zu akzeptieren. Menschen, die ihren Trost und ihre Freude darin finden, zu einer humanistischen Entwicklung der Gattung beizutragen.

Marx: Revolution, es bedarf einer Revolution!

Kant: Vielleicht genügt schon eine Revolution im Geiste. Hierfür müsste der Einfluss der Religionen auf Gesellschaft, Bildungssystem und Politik allerdings radikal zurückgedrängt werden. Sapere aude! (Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!).

Feuerbach: Genau das meine ich. Lassen Sie auch mich Goethe nutzen, um unser Gespräch zusammenzufassen: „In Moral und Politik, da misch dich bitte nicht mehr ein./Wer es braucht, dem spende Trost im stillen Kämmerlein./Dort bist du Gott, da darfst du’s sein!“

Marx  (zynisch): Halleluja!

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