Ohne Leitbild

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Auf Frankfurts Baustellen wird immer wieder ein Erbe verspielt - erst recht im historischen Zentrum der Global CityRepublikweit berüchtigt ist die Betonplatte, auf der das Gebäude, die Hinterlassenschaft aus dem Barock wie ein fremdes Souvenir wirkt. Die Hauptwache, als Stadtraum mit U- und S-Bahnhof ist ein Vorhof zum Unterirdischen in jedweder Bedeutung.

Wer das Frankfurter Zentrum, den historischen Stadtraum rund um die Hauptwache betritt, möchte nicht lange hinschauen müssen. Republikweit berüchtigt ist die Betonplatte, auf der das Gebäude, die Hinterlassenschaft aus dem Barock, mit Mansarddach und vorgeblendetem Giebel, mit Wappenrelief und Trophäenbesatz, wie ein fremdes Souvenir wirkt. Die Hauptwache, als Stadtraum mit U- und S-Bahnhof, nicht als Postkartenmotiv mit Pfeilerarkade und Quaderlisenen, ist ein Vorhof zum Unterirdischen in jedweder Bedeutung. Darüber ist der ganze Ort zu einer Freifläche des unruhigen Nutzers des Städtischen geworden.

Amnesie im Unruhestandort

Doch nicht allein mit Blick auf die Hauptwache darf man feststellen, dass Raumbildung eine Disziplin ist, die in Frankfurt in den letzten Jahrzehnten kaum einen Halt gefunden hat: mental kaum ein Unterkommen, räumlich selten ein Terrain. Die Wachstumsexzesse und Maßstabsprünge haben im Laufe der letzten fünfzig, sechzig Jahre immer wieder zur Beseitigung von Anhalts-punkten für das Nah- und Ferngedächtnis geführt, zur architektonischen Spurentilgung und zum historischen Gedächtnisverlust. Auch hier, wie andernorts im historischen Zentrum der Stadt, ist Städtebau in den letzten fünf Jahrzehnten Dogmapolitik gewesen. Mal galt das Bekenntnis zur autogerechten Stadt, dann das der Verkehrsberuhigung. Es wurde in Sekundärtugenden des Planens investiert - nicht in ein Leitbild, wenn man darunter den Gedanken an urbane Raumbildungen versteht, die einer sozialen, funktionalen und ästhetisch-historischen Raumidee folgen.

Ein Leitbild wäre umso wichtiger angesichts der Planungsvorhaben und -offensiven, wie sie sich seit Jahren anderen Quartieren der Global City zuwenden, etwa hinter der Messe, entlang des Mainufers, im Bankenviertel oder auch auf dem ehemaligen Telekom-Areal, neben dem Rundschau-Gebäude. Zuletzt ist auf diesem Grundstück der feingliedrige Fernmeldeturm niedergelegt worden, mit ihm verschwand nicht allein eine Architektur, sondern nichts anderes als eine wohlproportionierte Gedächtnisstütze der 50er Jahre.

Amnesie zählt zur Frankfurter Planungsrealität, auch deshalb, weil kommunale Planungsstrategien an erster Stelle in den Unruhestandort Frankfurt investiert haben. Darunter hat der Städtebau in Frankfurt immer wieder gelitten. Anschaulichkeit (Lesbarkeit), Unverwechselbarkeit, Geschichtsmächtigkeit: So sieht der emphatische Blick die europäische Stadt. Von Anschaulichkeit, Unverwechselbarkeit, gar Geschichtsmächtigkeit kann in Frankfurt keine Rede sein, zumal das Frankfurter Planungsdezernat immer wieder neue Baustellen aufreißt. Da plädiert der Planungsdezernent, Edwin Schwarz (dessen Wiederwahl morgen ansteht) für den Abriss der Kleinmarkthalle und deren Verlegung - ohne auch nur einen Gedanken an ein sozial gewachsenes und intaktes Quartier in der Innenstadt zu verschwenden. Für den Danziger Platz, einen Steinwurf entfernt von dem Bauplatz der Europäischen Zentralbank (EZB), möchte Schwarz einen neuen Hochhausstandort ausweisen - trotz des geradezu absurd hohen Büroleerstands in der Stadt.

Unbestritten, dass Frankfurt einen Unruhestandortim globalen Dorf abgibt. Die Metropole, mit all ihren unbehaglichen Eigenschaften der Moderne, produziert den rastlosen User des Städtischen. Frankfurt ist in den letzten 50 Jahren - städtebaulich und architektonisch - die Moderne-Metropole der Republik gewesen. Umso wichtiger wäre es, dass in dieser Boomtown der Unruhe, dieser Kapitale einer - so könnte man es mit Zygmunt Bauman sagen - unablässigen "Selbstentwertung", die historischen Bestände gesichert würden.

Frankfurt ist eine Kommune, die mit sich selbst notorisch unzufrieden ist. Die kleine Großstadt, zwischen Krähwinkel und Metropolis, zeigt sich in psycho-sozialer Hinsicht als Topographie eines beträchtlichen Missmuts, als Resonanzraum einer permanenten Verdrossenheit. Gerade die häufig mutwillig und sinnlos aufgerissenen Frankfurter Baustellen offenbaren ein sprunghaftes Unzulänglichkeitsbewusstsein, mit dem die Stadt sich an ihrem Mittelmaß abarbeitet.

Illoyalität ist eine Frankfurter Mentalität und Planungsrealität angesichts der verbliebenen Traditionsbestände. Diese stehen unter der Vormundschaft einer hitzigen Gegenwartsorientierung - ja: Gegenwartsfixierung. Schon deshalb wäre es angemessen, die historischen Stadträume aufzuwerten: an erster Stelle die Hauptwache oder das Ensemble aus Rathenauplatz, Goetheplatz und Rossmarkt. Doch die Selbstentwertung ist zuletzt fortgeschrieben worden, erst recht am Goetheplatz. Denn auch in der vergangenen Woche hat sich die Frankfurter Planung erneut von der Frankfurter Geschichte freigesagt. Mit dem, was der Planungsausschuss an Maßnahmen verabschiedet hat, hat er erneut in eine an diesem Ort weitgehend tote Vergangenheit investiert. Kein neues, vier- oder fünfgeschossiges Bauwerk, mit dem wenigstens Platzreparatur hätte betrieben werden können, um dem Raum eine Fassung zu geben. Kein Bauwerk, in Materialität, Farbe, Proportionen und Volumen der Umgebung angepasst, um damit in die bisherige innerstädtische Niemandslandschaft mit einem Passepartout des Sinnfälligen einzugreifen. Allenfalls ein paar Vorkehrungen aus dem Geist einer forcierten Stadtmöblierung wurden beschlossen, mit lichten Baumreihen, reimportiertem Goethedenkmal und einem Sprudelbrunnen, in denen an sonnigen Tagen die Kinder toben dürfen.

Verspieltes Ensemble

Damit ist einmal mehr ein Ensemble verspielt worden, mit ihm nichts anderes als ein Erinnerungsraum. Denn auch deshalb möchte man den Glauben an städtische Ensembles nicht aufgeben, da es sich bei ihnen noch stets um Energiefelder der Erinnerung gehandelt hat. Wenn man in die Zukunft schaut, bedeutet der Beschluss ein Versäumnis auf Jahre. Wenn man gar in die Vergangenheit Frankfurts blickt: einen Verlust auf Jahrzehnte und mehr. Die Gleichgültigkeit gegenüber dem Erinnerungsraum Stadt zeigt sich in Frankfurt am Main als monströse Vedute. Auch darüber befindet morgen das Viererbündnis aus CDU, SPD, FDP und Grünen bei ihrer Wahl für das Amt des Frankfurter Planungsdezernenten.

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