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Leipzig, 9. Oktober 2018: Menschen erinnern an den Beginn der friedlichen Revolution.

Ost- und Westdeutschland

Über den deutsch-deutschen Krieg

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Der Schriftsteller Christoph Hein spricht in der FR über den Eliteaustausch von 1990 und die unterschiedliche Wahrnehmung der deutschen Wiedervereinigung. 

Christoph Hein, auf der Leipziger Buchmesse kurz vor Ihrem 75. Geburtstag werden Sie mit drei neuen Büchern präsent sein…
Na ja, eines ist eine Übersetzung.

Doch es ist genauso ein neues Buch, das wie die beiden anderen soeben erschienen ist. Bei Philipp Lyonel Russells Roman „Am Ende ein Blick aufs Meer“ steht auf dem Titel: Übersetzt von Christoph Hein. Um so eine deutliche Platzierung kämpfen viele Übersetzer vergeblich.
Mir war das gar nicht so wichtig, vom Verlag ist das natürlich freundlich gedacht.

Dann gibt es mit „Alles, was du brauchst“ nach vielen Jahren wieder ein Kinderbuch von Ihnen, eine herzerwärmende Sammlung kleiner Texte. Da treffen Sie den Kern der Dinge, wenn Sie erzählen, warum ein Freund oder eine Katze, ein Fahrrad oder ein schönes Kleid so wichtig im Leben sind. Für Furore wird das dritte Buch sorgen: „Gegenlauschangriff. Anekdoten aus dem letzten deutsch-deutschen Kriege“. Wie sehen Sie dem entgegen?
Ach, ich bin ganz gespannt. Das sind einfach ein paar Geschichten aus meinem Leben. Auf den Untertitel meines Buches reagierte man, wie von mir erwartet. Ich bin nicht so gut in Geschichte, sagte man zu mir, helfen Sie mir nochmal, wann war der.

Das könnte schon die nächste Anekdote ergeben.
Aber Friedrich Dieckmann, den ich gerade traf und fragte, ob er wüsste, wann dieser Krieg war, sagte: Ich weiß nur, der letzte begann 1990.

Kein Wunder, der saß wie Sie nach dem Mauerfall in Kommissionen über das Procedere der deutschen Vereinigung. Das Buch aber setzt früher ein, mit dem Kalten Krieg.
Ja, das stelle ich im ersten Satz klar: der seinerzeit als kalter geführt wurde. Es sind Anekdoten aus der Zeit der Teilung, der Wende und auch der letzten Jahre.

Möglicherweise könnte es eine Autobiografie in Häppchen sein.
Nur dann, wenn ich bei diesen Kriegsgeschichten involviert war. Beginnend damit, dass ich aus einem Pfarrhaushalt komme, gab es dafür häufig genug Anlass. Weil ich in der DDR nicht auf die Oberschule durfte, bin ich mit 14 Jahren allein nach West-Berlin gegangen, dann wurde ich mit dem Mauerbau wieder eingefangen. Da hatte ich schon früh Erfahrungen im deutsch-deutschen Kriege. Ich habe sechs verschiedene Staatsangehörigkeiten erlebt.

Sie selbst?
Ja, und meistens nicht mit einem Ortswechsel verbunden. Begonnen habe ich als Bürger des Dritten Reiches, dann kam die Sowjetische Besatzungszone, die DDR, West-Berlin, dann wieder in der DDR, schließlich wurde ich Bundesbürger.

Als ich die letzte Anekdote las, in der sich Frauen über ihre Lektüre unterhalten und gefragt werden, ob sie auch Bücher ostdeutscher Autoren kennen, dachte ich: Was für eine Frage. Man würde sich doch auch nicht nach westdeutschen Autoren erkundigen.

Der geschätzten Dame aus Flensburg, die sehr belesen ist, fiel auf: Im belauschten Gespräch spielten Ost-Autoren gar keine Rolle.

Spätestens als „Der fremde Freund“ beziehungsweise „Drachenblut“ erschien, wurden Sie auf beiden Seiten der Mauer anerkannt, als deutsch-deutscher Autor sozusagen.

Christoph Hein.

Na ja, am Anfang, als Dramatiker hatte ich das noch nicht so erlebt. Die ersten Stücke wurden verboten. Das war mit der Prosa anders. Mein erster Erzählungsband „Einladung zum Lever Bourgeois“ erschien auch im Westen, „Der fremde Freund“ wurde ein internationaler Erfolg.

An der Geschichte „Mein Leben, leicht überarbeitet“ hat sich jetzt so etwas entzündet, was man kurz nach dem Mauerfall „Literaturstreit“ nannte. Sie berichten von einer Begegnung mit Florian Henckel von Donnersmarck und Ihrem Erstaunen darüber, wie der Film „Das Leben der Anderen“ Intellektuelle in der DDR zeigte. In der Auseinandersetzung geht es damals wie heute eher um politische Standpunkte. Als Christa Wolfs „Was bleibt“ erschien, warfen FAZ und „Zeit“ ihr vor, die Stasi zu verharmlosen, nun behauptete Andreas Platthaus in der FAZ, Sie verharmlosten die DDR. Was sagen Sie zu dieser Parallele?
Ich habe mit Vergnügen die Antwort von Adam Soboczynski in der „Zeit“ gelesen, der davon sprach, dass auch eine Diktatur eine Geschichte hat. Die fünfziger und sechziger Jahre der DDR sahen völlig anders aus als die achtziger Jahre. Davon handeln ja einige Anekdoten auch.

Die „Zeit“, die 1987 Ihre Rede auf dem DDR-Schriftstellerkongress gegen die Zensur druckte, verteidigt Sie. Ärgert Sie nicht, wenn man geschichtsvergessen gerade Ihnen vorwirft, „frivol“ eine relativierende Pose gegenüber der DDR einzunehmen?
Ich sehe das, bin erstaunt, aber kann und will dazu nicht mehr sagen. Mein Bühnenverleger hat einen längeren, ruhigen Antwortbrief geschrieben, das reicht.

Haben Sie Donnersmarcks Film „Werk ohne Autor“ gesehen?
Nein.

Das wollten Sie sich ersparen.
Nein, das hat einfach damit zu tun, dass es in dem schönen Städtchen, in dem ich wohne, in Havelberg, kein Kino gibt. Um aber für einen Film ins Kino nach Berlin zu fahren, muss er mich schon sehr interessieren.

Nehmen Sie durch den Umzug aus Berlin die Probleme des Ostens stärker wahr?
Nein, der große Vorteil besteht darin, dass ich dort ohne große Ablenkung 360 Tage im Jahr arbeiten kann.

Interessiert Sie, wie die Provinz abgehängt ist vom Leben in Großstädten?
Ich glaube, dafür bin ich zu alt. Die prägenden Erlebnisse hat man doch früher. In einer Kleinstadt, Bad Düben, hatte ich schon die Kindheit erlebt und das für mehrere Bücher verarbeitet. West-Berlin habe ich in meiner Jugend kennengelernt, später das östliche Berlin. Das Leben in Havelberg jetzt beunruhigt mich nicht so stark.

Bedauern Sie manchmal, dass sich die Rolle des Schriftstellers gewandelt hat? In der DDR erwartete man doch von Autoren wie Ihnen, dass sie aussprechen, was nicht in der Zeitung steht.
Ich empfand das eine Überforderung. Es ging dabei nicht um Literatur. Es ging darum, dass jemand, der etwas geschützter war, etwas ausdrückt, was anderen nicht möglich ist. Natürlich bin ich auch ein Zoon politikon, ein Bürger des Staates. Aber mit der eigentlichen literarischen Arbeit hatte das nichts zu tun. Das ist jetzt vorbei, das nehme ich erleichtert hin.

Die Bevölkerung verändert sich gegenwärtig, weil Deutschland durch Zuwanderung wächst und weil ein Teil sich deutlich dagegen wendet. Sieht man diese Unzufriedenheit auch in Havelberg?
Ich denke, das sind verschiedene Dinge. Die Ostdeutschen akzeptieren sich heute mehr als Ostdeutsche. Es gab eine Zeit, da versuchten viele Leute das zu verbergen. Da sagte ein Ost-Berliner nicht, er komme aus Ostberlin oder aus der Hauptstadt der DDR, da gab er sich lediglich als Berliner zu erkennen. Inzwischen gibt es da ein anderes Selbstbewusstsein. Aber das rührt auch fatale Geschichten auf. Immer sind es die Armen, die auf die Ärmsten einschlagen, das ist eine uralte Erfahrung. Und die AfD macht sich das zunutze. In Havelberg liegt die Partei auch etwa bei 25 Prozent. Was dabei vergessen wird: Fast das gesamte Führungspersonal dieser Partei stammt aus dem Westen.

Eine bewegende Geschichte in dem Buch handelt davon, wie Sie 2004 beinahe Intendant des Deutschen Theaters geworden wären. Der aus dem Osten stammende Kultursenator Thomas Flierl wollte den Schriftsteller Christoph Hein auf diesen Posten bringen, doch der westdeutsche Kulturbetrieb wusste dies zu verhindern. Sitzt die Kränkung noch tief?
Das Wort Kränkung trifft es nicht, das käme mir nicht in den Sinn. Ich habe nur ziemlich minutiös aufgeschrieben, was damals passiert ist – ohne Emotionen. Ich ließ mir Zeit, um es gelassen zu schildern. Das ist doch eine für diesen deutsch-deutschen Krieg sehr bezeichnende Geschichte. Es gibt ein paar Highlights im Osten, das Deutsche Theater gehört dazu. Diese herausragenden Einrichtungen, nicht nur die Theater, auch die Universitäten, sind heute fast alle in westdeutschen Händen. Ich beklage es nicht, sondern stelle es fest. Das ist dem Friedensvertrag geschuldet – den Regeln des Einigungsvertrags.

Sie hätten das alles auch anders aufschreiben können, in Erzählungen, Romanen. Warum haben Sie die kurze Form gewählt?
Ich hatte einmal für meinen Freund Hans-Eckardt Wenzel, den Liedermacher, zwei Anekdoten für ein Bühnenprogramm geschrieben. Da merkte ich, dass ich in dieser heiteren, zuweilen bösen Form ein paar von den Geschichten aus dieser Zeit erzählen kann, die ich genau wahrgenommen habe. Relativ locker kann ich alles erzählen, weil es mir besser ergangen ist als vielen meiner Kollegen. Viele Autoren verloren mit der Wende ihre Verlage, die standen auf der Straße – so wie die Arbeiter, deren Betriebe zumachten. Was ja gar nicht immer den Betrieben anzulasten ist, denen die Treuhand den Zuschlag gab. Die Firmen im Westen hatten natürlich meistens das bessere Know-how, die besseren Kontakte in die Welt. Um das Niveau anzugleichen, hätte es Jahre gebraucht.

Aber diese Zeit wollte man ihnen nicht geben.
Nein, das war die Situation damals. Daran ist auch nicht Helmut Kohl schuld, wie heute einige sagen. Kohl stellte Anfang 1990 noch einen Plan vor, in dem von drei Jahren Einigungsprozess die Rede war. Die DDR-Bevölkerung wollte jedoch die schnelle Einheit. „Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, gehn wir zu ihr“, wurde gerufen, als die Grenzen offen waren. Diese Geschwindigkeit ist den Politikern aufgenötigt worden. 

Die Umbrüche der neunziger Jahre sind kaum zu Literatur geworden. Es gibt Romane aus dem Alltag wie beispielsweise Ingo Schulzes „Simple Storys“, den „Zimmerspringbrunnen“ von Jens Sparschuh, es gibt Ihren „Willenbrock“. Aber so eine Erzählung wie „Die hellen Haufen“ von Volker Braun, in der es um das Ende für eine ganze Industrieregion geht, steht recht allein da. Warum?
Weil es vier Fünftel der deutschen Bevölkerung nicht interessiert. Und wofür kein Interesse da ist, das drucken die Verlage auch nicht. Sie müssen bedenken: Für das westliche Deutschland verliefen die Wende und die Vereinigung ganz anders. Ich hörte gerade im Radio einen Professor über jene Zeit sprechen. Er sagte, er hätte Ende der Achtziger mit vierzig anderen Privatdozenten in München gesessen, ohne Aussicht auf eine Anstellung. Dann sagte er wortwörtlich: „Es war ja die Zeit vor der Wende. Da wussten wir ja noch gar nicht, dass plötzlich mehrere Hochschulen dazukommen würden.“ Wie er es sagte, könnte man vermuten, 1990 wären in der Bundesrepublik mehrere Universitäten und Hochschulen gebaut und eröffnet worden.

Das ist ein Aspekt, der bei den Gedenkfeiern nie eine Rolle spielt. Man spricht vom Geschenk der Freiheit für den Osten und von den Belastungen für den Westen. Sollte der Westen die Einheit stärker auch als Geschenk sehen?
Ja, es gab einen Eliteaustausch: Tausende Hochschullehrer wurden entlassen, und ein Nachwuchs, der eben noch chancenlos war, kam auf hohe und höchste Positionen. Einen solchen Elitewechsel gab es in der Bundesrepublik 1945 nicht, das hatte man vermieden. Der letzte Elitewechsel, der tausende und zehntausende Hochschullehrer betraf, erfolgte im Januar 1935 als das „Gesetz zum Neuaufbau des deutschen Hochschulwesens“ wirksam wurde und Juden, Sozialdemokraten und Kommunisten aus den Universitäten entfernt wurden. Diesen Elitewechsel von 1935 kann man überhaupt nicht mit dem von 1990 gleichsetzen, das wäre Geschichtsklitterung. Vergleichbar ist freilich der völlige Mangel an Empathie für die Ausgewechselten in diesen Jahren: Man ließ die Hinausgeworfenen gehen, verhöhnte sie und erfreute sich der sich plötzlich auftuenden Aufstiegschancen.

Bald wird des 30. Jahrestags des Mauerfalls gedacht. Haben Sie Vorschläge dafür?
Ich werde in diesem Jahr 75 und werde drei eigene Bücher und eine Übersetzung präsentieren. Ich versuche zu arbeiten. Ich möchte in keine Kommissionen mehr.

Drei eigene Bücher? Ich weiß nur von zweien.
Das dritte erscheint im Herbst, wenn Michael Faber den Verlag Faber & Faber wiederbelebt, den er mit seinem Vater in Leipzig gegründet hatte.

Mit Elmar Faber, dem langjährigen Aufbau-Verleger, der vor anderthalb Jahren gestorben ist. Der kommt ja ebenfalls im Buch vor, mit der schönen Geschichte um den geheimen Druck Ihres Romans „Horns Ende“. Vielleicht sollte jetzt, zum Jahrestag, Ihr Vorschlag vom 4. November 1989 aufgegriffen werden, dass Leipzig den offiziellen Zusatz „Heldenstadt“ erhält.

Am Tag nach der großen Demonstration tauchte wirklich dieser Zusatz unter dem Ortseingangsschild auf.

Aber inzwischen ist er längst weg. Und das geplante Freiheits- und Einheitsdenkmal ist in Leipzig ebenfalls nicht realisiert worden. Immerhin ist dort ein Platz im Stadtzentrum dafür frei. Berlin ringt immer noch um sein Denkmal.

Ich habe das Modell für das Berliner Einheitsdenkmal gesehen. Eine Wippe. Die ist mir sehr rätselhaft. Kann man damit an diese Ereignisse erinnern? Wen will man auf diese Weise ehren? Die Demonstranten? Die Politiker? Ich brauche so ein Denkmal nicht.

Ihr Anekdoten-Buch kann man jedenfalls auch nicht als Festschrift sehen. Dafür ist es viel zu frech. Haben Sie über die Kriegsmetapher im Titel lange nachgedacht?

Das war meine tiefe Verbeugung vor dem hochgeschätzten Heinrich von Kleist. Deshalb ist auch das angehängte -e bei dem Kriege so wichtig, wegen Kleists „Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege“. Er schrieb die schönste deutsche Prosa. Der Verlag hat dann aus meinem Titel einen Untertitel gemacht. Der neue geht auf eine List von Manfred Krug zurück, wie er auf die Wanzen mit eigenen Mikrofonen reagierte – mit einem „Gegenlauschangriff“.

Interview: Cornelia Geißler

Zur Person

Christoph Hein wurde als Sohn eines Pfarrers am 8. April 1944 in Heinzendorf in Niederschlesien (heute Jasienica) geboren. Aufgewachsen in der sächsischen Kleinstadt Bad Düben, besuchte er das Gymnasium in West-Berlin. Er war Montagearbeiter, Buchhändler, Kellner, Regieassistent. Von 1967 bis 1971 absolvierte er ein Studium der Philosophie und Logik in Leipzig und Berlin und arbeitete dann als Dramaturg und Autor an der Volksbühne Berlin. Seit 1979 ist er freischaffender Schriftsteller. Er lebt seit zehn Jahren in Havelberg.

Christoph Hein.

Von einer „Kulturdebatte in Deutschland“ war kürzlich in der „Neuen Zürcher Zeitung“ die Rede, die das auch an einer Auseinandersetzung um Christoph Hein festmachte. Worum geht es? Um eine Jahre zurückliegende Begegnung mit dem Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck, lautet die einfache Antwort. Die schwierige: Um die Deutung der Rolle von Intellektuellen in der DDR. Die „Süddeutsche Zeitung“ hatte einen Text Heins gedruckt, in dem er Donnersmarcks Oscar-prämierten Film „Das Leben der Anderen“ als Gruselmärchen bezeichnet, „das in einem sagenhaften Land spielt, vergleichbar mit Tolkiens Mittelerde“. Die Reaktionen blieben nicht aus. Nun kann man den Text „Mein Leben, leicht überarbeitet“ im neuen Hein-Buch „Gegenlauschangriff“ im Zusammenhang lesen.

Foto: epd

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