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"Die jungen Leute wollen weg aus den alten Dorfstrukturen. Da draußen passiert etwas, denken sie wohl." Schülerinnen in Mali.

Afrika

"Ohne Afrika wird es keine Zukunft geben"

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Buchautor Stephen Smith über einen Kontinent, auf dem 40 Prozent der Menschen jünger als 15 Jahre alt sind. Sie wollen sich nicht mehr von alten Männern regieren lassen und brechen nach Europa auf.

Herr Smith, Sie warnen in Ihrem neuen Buch vor dem Zusammentreffen zweier Faktoren: Wenn die demographische Entwicklung – vierzig Prozent der Afrikaner sind weniger als 15 Jahre alt – anhält, der Lebensstandard weiter wächst, dann werden immer mehr genug Geld haben, um den Weg nach Europa zu wagen.
Sie sagen, ich warne. Ich fühle mich nicht als Kassandra. Ich versuche, möglichst klar zu sagen, was ist und was ich kommen sehe. 1930 lebten 150 Millionen Menschen in Afrika. Heute sind es 1,3 Milliarden und 2050 werden es 2,5 Milliarden sein. Das ist das gewaltigste Bevölkerungswachstum, das es jemals in der Weltgeschichte gegeben hat, sagen manche Demographen. Dennoch geht es mir in erster Linie nicht darum. Bevölkerungswachstum führt nicht per se zur Migration. Es ist die so entstehende Jugendlichkeit der Bevölkerung, die uns zum Nachdenken zwingt. Wir sprechen viel über die Notwendigkeit von Demokratie. Aber die Altersstruktur sorgt dafür, dass von vornherein mehr als fünfzig Prozent der Bevölkerung vom demokratischen Prozess ausgeschlossen sind. Die erste demokratische Reform in Afrika wäre eine Senkung des Wahlalters.

Eine riskante Angelegenheit.
Sicher. Aber Demokratie darf kein altersbedingtes Privileg sein. Man muss nach Wegen suchen, die jungen Leute zu beteiligen. Umso mehr, als in Afrika so viele Prozesse, die bei uns aufeinander folgten, jetzt gleichzeitig bewältigt werden müssen. Das Herrschaftsprinzip der Seniorität ist da genau das Falsche. Alte Herren haben in Afrika das Prestige, die Autorität, das Geld, die Sippschaft, wenn ich das mal so sagen darf, um einflussreich zu sein. Als junger Mann haben Sie da wenig Chancen und schon ganz und gar nicht als junge Frau. Sie dürfen einen wichtigen Punkt nicht übersehen: Die jungen Leute fliehen das Land und fahren in die Städte, nicht weil sie dort Milch und Honig erwarten. Zwei Drittel der Städte sind Slums. Die jungen Leute wollen weg aus den alten Dorfstrukturen. Sie fliehen. Sie wollen raus. Da draußen passiert etwas, denken sie wohl.

Es geht auch um Gefühle?
Wir haben eine zu ökonomistische Sicht auf die Immigration. Die Jungen brechen auf. Sie brechen vielleicht nicht einmal mit den Alten. Sie sagen ihnen womöglich: Wir kommen wieder. Aber sie wollen erst einmal weg. Wie Jugendliche überall auf der Welt. Die neuen Medien spielen dabei sicher auch eine Rolle. Seit es Handys und WhatsApp gibt, kann man leichter weg, weil man leichter in Kontakt bleiben kann. Vor dreißig Jahren war die Immigration innerafrikanisch. 95 Prozent blieben auf dem Kontinent. Heute verlassen dreißig Prozent von viel mehr Immigranten Afrika. Wie geht das weiter? Wir kennen die Zukunft nicht. Aber man kann mit Sicherheit sagen, wenn eine erste Prosperitätsschwelle überschritten wird, die bei etwa 20 Dollar pro Tag liegt, also verhältnismäßig niedrig ist, dann hat man eine Aussicht, schon einmal die Einlage zu finanzieren, um sich auf den Weg zu machen. Die liegt bei zwei- bis dreitausend Dollar. Die Reise selbst ist damit noch nicht finanziert. Aber ein Anfang wäre gemacht. Es sind vielleicht nicht die Besten, die sich auf den Weg machen, aber es sind die Dynamischsten. Sie haben sich aus der Armut schon etwas herausgeschafft. Das sind heute etwa 150 Millionen. In den nächsten dreißig Jahren, sagt die Weltbank, wird sich diese Zahl vervierfachen. Ich weiß nicht, ob das so kommen wird. Aber ich denke, wer heute Politik machen möchte, der muss eine Vorstellung davon haben, welche Möglichkeiten vor ihm liegen.

Da ist von Kriegen wie 2015 noch gar nicht die Rede.
Ich spreche von strukturellen Problemen, die sich aus demographischer und wirtschaftlicher Entwicklung ergeben. Selbst die Klima-Entwicklung habe ich erst einmal außen vor gelassen. Aber schon die beiden von mir betrachteten Faktoren zeigen, dass wir uns auf gewaltige Herausforderungen gefasst machen müssen. Ich plädiere dafür, sich die Lage anzuschauen und zu überlegen, wie man sie – zusammen mit Afrika – verbessern kann. Europa wird afrikanischer werden. Da gibt es keinen Zweifel. Ich sehe das alles nicht so dramatisch. Aber wir sollten uns darauf vorbereiten. Das ist keine Rechenaufgabe. Wir werden keine klaren Zahlen bekommen, die uns sagen, wie eine Immigration aussehen muss, die unsere Renten finanziert. Und nun gar angesichts der Automatisierungs- und Computerisierungsprozesse. Wie will man das alles miteinander verrechnen? Will man mehr Diversität oder will man weniger? Ich habe da kein Urteil. Ich komme aus den USA, einem traditionellen Einwanderungsland, dessen Präsident das ändern möchte. Japan hat sich nie als Einwanderungsland gesehen. Ich will da niemandem Vorschriften machen. Aber ich finde, die Europäer sollten sich klar darüber werden, was auf sie zukommt und was sie tun wollen.

Sie wollen keine Vorschriften machen. Aber am Ende Ihres Buches entwerfen Sie fünf mögliche Szenarien: Von einer dem Modell der USA folgenden großen Aufnahmebereitschaft über die „Festung Europa“, über die mafiöse Verbindung internationaler Schleppernetzwerke bis zur neokolonialen Einrichtung von „Protektoraten“ auf dem afrikanischen Kontinent. Mir erscheint am wahrscheinlichsten das von Ihnen skizzierte fünfte Szenario einer Mischung der verschiedensten Maßnahmen. „Sammelsuriumpolitik“ heißt es in der deutschen Übersetzung.
Ich dachte dabei an Spanien. Ich habe Hochachtung vor ihrem Mut, sich durchzuwursteln. Mal hier ein wenig mehr Öffnung, mal dort ein wenig weniger Repression. Mir gefällt auch, dass sie es hinnehmen, dass nicht alles so klappt mit der säuberlichen Trennung von legaler und illegaler Immigration. Ich halte das für eine sehr menschliche und daher realistische Politik.

Sie glauben nicht an den großen Wurf?
Nein. Schon gar nicht bei etwas, das so sehr in Bewegung ist wie die Migration. Natürlich ist eine vernünftige Grenzsicherung nötig. Sie ist aber nur ein Teil der Lösung. Sie ist nicht die Lösung. Man braucht Einwanderungsgesetze. Aber auch sie sind nicht die Lösung. Es ist Blödsinn, das eine gegen das andere auszuspielen. Genauso braucht man die Zusammenarbeit mit den afrikanischen Staaten. Die wird sehr unterschiedlich ausfallen müssen. Nicht nur, weil es sich um ganz unterschiedliche Staaten handelt, sondern weil auch die europäischen Staaten dort ganz unterschiedliche Interessen haben. Man wird auch Modelle zeitlich begrenzter Immigration ausprobieren müssen.

Und ein Gesamtkonzept?
Das wird es nicht geben. Es ist noch nicht einmal erstrebenswert. Man wird mit Halb-, mit Viertel- und Achtellösungen vorlieb nehmen müssen, um überhaupt agieren und reagieren zu können. Vor allem aber: Man muss die Zivilgesellschaft mit einbeziehen. In Afrika und in Europa. Gerade hier in Deutschland geschieht das doch beeindruckend viel. Sprachkurse, Hilfe bei der Wohnungssuche. Es wäre ganz falsch, alles den Behörden zu überlassen. Die Menschen müssen selbst erfahren, wie schwierig es ist, aus einem Ausländer ein Mitbürger zu werden.

Sie belächeln nicht den guten Willen?
Oh doch. Ich tue das oft. Er kommt mir so naiv vor. Aber ich weiß natürlich auch, dass ohne ihn nichts geht. Erst er ermöglicht die Lernerfahrungen, die alle – wir Eingeborenen und die Immigranten – brauchen. Wenn Sie das erste Mal von einem jungen Mann, einer jungen Frau hören: Ich kann meinem Vater doch nicht widersprechen, das gehört sich einfach nicht, dann erst begreifen Sie, was mit patriarchalischer Struktur gemeint ist. Es ist kein Wort mehr aus einem Soziologieseminar.

Ein langer Prozess.
In Europa und in Afrika. Es wird sehr lange dauern, bis Afrika seiner Jugend die Möglichkeiten bieten kann, die Europa nicht mehr als Alternative aufdrängen. Es geht dabei nicht nur um Geld, sondern auch um persönliche Freiheiten. Die Afrikaner erleiden die Globalisierung, sagen wir. Aber das heißt doch auch, dass sie viel stärker von ihr geprägt sind als wir. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, dieses Zusammentreffen von Allermodernstem mit ältesten Strukturen, das gibt vielen von ihnen eine Flexibilität, wie wir sie bei weitem nicht erreichen.

Das beginnt mit der Sprachfertigkeit.
Wer sich auch nur im selben Staat frei bewegen will, muss in Afrika vier, fünf Sprachen sprechen. In Europa gilt das als polyglott.

Dazu kommt die Altersstruktur der afrikanischen Gesellschaften.
Es gibt immer weniger Ältere, die die Traditionen noch kennen, geschweige denn durchsetzen können. Afrika ist dabei, sich neue Regeln zu geben. Das werden zum guten Teil die Regeln globalisierter Jugendlicher sein. Es ist Zeit, dass wir begreifen: Ohne Afrika wird es keine Zukunft geben.

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