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Ein Detail von Alfred Hrdlickas "Mahnmal gegen Krieg und Faschismus" in Wien.

Nationalsozialismus

Österreich stilisiert sich zum ersten Opfer Hitlers

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Rot-Weiß-Rot bis in den Tod: Erinnerungen an den Ausverkauf der Nation vor 80 Jahren.

Achtundsechzig fand in Österreich 86 statt. Die Causa Waldheim, die mögliche Beteiligung des Bundespräsidentenkandidaten Kurt Waldheim an NS-Kriegsverbrechen, zerstörte vor allem bei Jüngeren die Lebenslüge, Österreich sei das erste Opfer Hitlers gewesen.

Waldheim wurde dennoch gewählt, weil man sich Einmischungen aus dem Ausland verbat, auch der Aufstieg der Freiheitlichen war dem weit verbreiteten Gefühl zu verdanken, man solle einen Schlussstrich unter eine Aufarbeitung ziehen, die nach 1945 rasch versandet war.

Die Opfertheorie, die in der Moskauer Deklaration der Alliierten von 1943 begründet und in der Unabhängigkeitserklärung 1945 und im Staatsvertrag zur Neutralität 1955 verankert wurde, war dennoch nicht länger zu halten. Selbst Waldheim räumte das am Ende seiner Amtszeit ein und rief zu einem gemeinsamen Geschichtsverständnis auf. 

Darum bemüht sich einer seiner Nachfolger, der Sozialdemokrat Heinz Fischer, in seiner aktuellen Position als Koordinator des Gedenkjahres 2018, zumal selbst die Freiheitlichen angekündigt haben, ihre Vergangenheit durch eine Historikerkommission prüfen zu lassen. Die deutsch-nationalen, oft auch antisemitischen Burschenschaften, die den geistigen Nährboden der FPÖ bilden, waren besonders aktive Protagonisten des „Anschlusses“. Fischer zieht deswegen eine Linie vom „Anschluss“ Mitte März 1938 zu den Revolutionen von 1918 und 1848, zurück zur Entstehung und Institutionalisierung des republikanischen Gedankens, der lange vor dem „Anschluss“ im katholischen Ständestaat widerrufen wurde und heute, mit der Wiederkehr eines autoritären Nationalismus in Österreich und um Österreich herum, erneut als gefährdetes Gut erscheint.

Tausende jubelten Hitler zu

Am 15. März 1938 jubelten Tausende Österreicher Hitler zu, einer davon war Franz Murer. Er trat in die bis dahin illegale NSDAP ein und wurde in einer Ordensburg zum strammen Nazi erzogen. 1941 bis 1943 in der litauischen Stadt Vilnius zuständig für „jüdische Angelegenheiten“, dezimierte er im „Jerusalem des Nordens“ die Zahl der Juden von 80.000 auf 600. Wegen seiner Beteiligung am Holocaust wurde der für seine Brutalität bekannte Murer 1947 festgenommen, an die Sowjetunion überstellt, da Vilnius unterdessen zur Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik gehörte, und im Oktober 1948 zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. 

Als Murer 1955 an Österreich übergeben wurde, verfolgte ihn die dortige Justiz zunächst nicht weiter. Ein neuer, 1962 nach Intervention Simon Wiesenthals angestrengter Prozess artete eher in ein Tribunal gegen überlebende jüdische Zeugen aus und endete zur Genugtuung von weiten Teilen der österreichischen Öffentlichkeit mit einem Freispruch. Der exemplarische Täter lebte bis zu seinem Tod unbehelligt als Großbauer und Bezirksbauernvertreter der ÖVP in der Steiermark, sein Sohn, der FPÖ-Abgeordnete Gerulf Murer, bemühte sich um die Reinwaschung seines Vaters. 

Dass man sich in Gaishorn am See immer noch gegen die angeblich „unhaltbaren Anschuldigungen“ stellt, erfuhr der Historiker Johannes Sachslehner bei Recherchen für das Buch „Rosen für den Mörder“. Darauf beruht die filmische Dokumentation des Falles („Murer – Anatomie eines Prozesses“) von Christian Frosch, mit der gestern das diesjährige Diagonale-Festival in Graz eröffnet wurde. 

In Ewald Palmetshofers Stück „Die Unverheiratete“, das am Samstag am Vorarlberger Landestheater Premiere hatte, geht es nicht um die ersten, sondern die letzten Tage der NS-Diktatur. Der in Jamben gehaltene Text rekonstruiert einen realen Denunziationsfall: Auf dem Postamt belauscht eine junge Frau einen Soldaten, der am Telefon über seine mögliche Fahnenflucht spricht. Sie denunziert den Soldaten, der daraufhin verhaftet und hingerichtet wird. Die Denunziantin, die weder Schuldbewusstsein noch Reue zeigt, kommt selbst vor Gericht und wird zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Der oberösterreichische Dramatiker will zeigen, wie sich Schuldgefühle und Verdrängung transgenerationell in ein Familienleben hineinfressen. 

Sein Drama unterscheidet sich von Literatur und Kunst, die sich in der Waldheim-Ära zum politischen Gesamtkunstwerk fügte und die Republik verändert hat. Der Bildhauer Alfred Hrdlicka schuf ein vier Meter hohes trojanisches Holzpferd als „Denkmal gegen den Gedächtnisschwund“ in Anspielung auf Waldheims Zugehörigkeit zur Reiter-SA. Elfriede Jelinek schrieb das Dramolett „Präsident Abendwind“, Thomas Bernhard den legendären „Heldenplatz“, George Taboris Inszenierung von Franz Schmidts Oratorium „Das Buch mit sieben Siegeln“ wurde 1987 bei den Salzburger Festspielen abgesagt. 

Auch Falco und die Gruppe Erste Allgemeine Verunsicherung (Österreich) thematisierten die Affäre. Das waren Sternstunden der Kunstopposition, die sich schon bei der ersten schwarz-blauen Koalition zehn Jahre später nicht wiederholen ließen. Am haltbarsten erwiesen sich Josef Haslingers Essay „Politik der Gefühle“ (1986) und Armin Thurnhers Kolumnen in der Wiener Stadtzeitung „Falter“, die er in diversen Büchern ausgearbeitet hat. 

Ein interessantes digitales Erinnerungsprojekt hat eine Gruppe von Historikern und Filmemachern entwickelt: unter www.Zeituhr1938.at können Nachgeborene die Dramatik jener Transition nachvollziehen, bis um drei Uhr früh, als Österreich sich dem Führer ergeben hatte. Für Heidemarie Uhl von der Wiener Akademie der Wissenschaften ist das Projekt ein Angebot, sich Geschichte mit historischen Quellen neu anzueignen; es soll weder Opfer- noch Täterthese untermauern, sondern „Grauzonen“ aufdecken: „Es gab an diesem Tag keinen Masterplan, aber Stufen der Eskalation. Es war ein Anschluss von außen, von innen und von unten – das macht es spannend.“ Die Spannung rührte nicht zuletzt aus der Positionssuche der untergegangenen Monarchie. 1918 waren so gut wie alle politischen Lager der Ersten Republik für eine großdeutsche Lösung, eine rot-weiß-rote Identität hatten eher die Austrofaschisten aufgebaut.

Spannend ist heute, welche Rückschlüsse die abermalige Aufarbeitung dieser Geschichte für die Deutung der Gegenwart bietet, die in Österreich von einer Regierung bestimmt wird, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk unverblümt angreift und mit vielen kleineren und größeren Provokationen den ungarischen Weg der illiberalen Demokratie betreten hat. Die Vorgeschichte des Anschlusses ist voller widersprüchlicher Signale, wie man eine heraufziehende Gefahr bewerten kann, deren aktuelle Variante Thurnher versuchsweise als „Feschismus“ tituliert. 

Gespenstisch aktuell war die Rezitation von Texten von Carl Zuckmayer und anderen über die rasante Verwandlung der Illegalen in Legale (und umgekehrt) bei einer Burgtheater-Matinee. Dort verglich eine junge Politologin die Lage der Demokratie nicht nur in Österreich mit der Apathie des Hummers, der in kaltes Wasser geworfen wird und anfangs kaum merkt, wie es aufgeheizt wird. Der Sinn von Gedenktagen besteht darin, an den Unter- und Übertreibungen früherer Generationen die Urteils- und Widerstandskraft zur heutigen Situation zu stärken.

Der Autor ist Professor für Politikwissenschaft und Inhaber der Ludwig-Börne-Professur an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. 

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