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Vielleicht müssen die, die Terror aushalten können, ein öffentlicheres Leben führen, damit das irgendwann für alle möglich wird? 
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Vielleicht müssen die, die Terror aushalten können, ein öffentlicheres Leben führen, damit das irgendwann für alle möglich wird? 

Update

Öffentlich privat

  • Kathrin Passig
    vonKathrin Passig
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Ich stelle nach wie vor persönliche Daten ins Netz - aber so wohl wie einst fühle ich mich dabei nicht.

Ende der 1990er Jahre stand meine Telefonnummer in diversen Büchern, in Kleinanzeigen und im Netz als Kontakttelefonnummer für „BDSM Berlin“, eine Anlaufstelle für Menschen, die sich im weitesten Sinne für sadomasochistische Sexualpraktiken interessierten. Wir wollten alle nicht gern unsere Telefonnummern dafür hergeben, sicher würde man von früh bis spät Stöhnanrufe bekommen. Aber es ging nicht anders, 90 Prozent der Bevölkerung hatten noch keinen Zugang zum Internet.

Die Anrufenden erwiesen sich als ganz normale, höfliche Menschen. Manchmal rief jemand Verwirrtes an und wollte „einen Termin für eine Behandlung“ vereinbaren, aber es gab ja auch noch kaum Informationsangebote und damit allen Grund zur Verwirrtheit. Bis zum Entstehen der Wikipedia und des Wikipediaeintrags über BDSM waren noch einige Jahre zu überbrücken. Ich verwendete die Geschichte danach noch lange als Beispiel dafür, dass man privatsphärentechnisch bedrohlich Wirkendes ausprobieren sollte, um herauszufinden, ob es vielleicht ganz folgenlos bleibt.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de

Zur gleichen Zeit war es noch begründungsbedürftig, wenn man sich mit Menschen treffen wollte, die man im Netz kennengelernt hatte. Diese zweifelhaften Gestalten mit ihren merkwürdigen Pseudonymen galten als potenzielle Verbrecher. Wer Privates ins Netz stellte, musste sich Exhibitionismus vorwerfen lassen oder sich anhören, das alles interessiere doch niemanden. Was ein naheliegender Vorwurf war, denn es konnten ja auch wirklich nur wenige das so Veröffentlichte überhaupt betrachten, und Geld war damit nicht zu verdienen. Das allgemeine Misstrauen gegen das Netz war so groß, dass ich es wichtig fand, eine Gegenposition zu vertreten. Wenigstens die, die es sich leisten konnten, sollten Privates öffentlich machen, fand ich, „damit die anderen sehen, dass da gar nichts Schlimmes passiert“. 20 Jahre später sind große Teile meines Lebens so detailliert im Netz nachlesbar, dass ich vermutlich alle weiteren Lebensäußerungen auf dieser Datenbasis automatisieren und mich zur Ruhe setzen könnte.

Meine Haltung hat also historische Gründe, ich fühle mich aber immer unwohler mit ihr. Es passiert ja schon viel Scheußliches, nur eben nicht mir. Der Buchhändler Linus Giese beschreibt in seinem gerade erschienen Buch „Ich bin Linus“ den Hass und die Angriffe im Netz, zu Hause und am Arbeitsplatz, denen er seit Jahren ausgesetzt ist, weil er von seinen Erfahrungen als trans Mann berichtet.

Vielleicht müssen die, die Terror aushalten können, ein öffentlicheres Leben führen, damit das irgendwann für alle möglich wird? Aber wer sollte das sein? Ich glaube mittlerweile nicht mehr, dass man so ein dickes Fell haben kann, wie es dafür nötig wäre. Ich hätte es nicht. Ich neige nicht zu Angst und Sorge, habe keinen Arbeitsplatz, an dem man mich aufsuchen kann, keine Kinder, die man bedrohen, keinen einzelnen Arbeitgeber, über den man mich unter Druck setzen könnte. Aber ich habe schon robuster wirkende Geschöpfe als mich verzweifeln, aufgeben und sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen sehen.

„Wenn ich von dem erzähle, was mir in den sozialen Netzwerken passiert“, schreibt Linus Giese, „ist eine der häufigsten Reaktionen: Dann melde dich doch ab! So ähnlich lautete lange auch das Fazit der Polizei: Wer sich in die Öffentlichkeit begibt, der muss mit Reaktionen rechnen.“ Dabei brauchen die privaten Daten noch nicht einmal im Netz zu stehen. Der „NSU 2.0“ verschickt seit zwei Jahren Drohschreiben an Menschen, die sich gegen Rassismus und Rechtsextremismus einsetzen, und verwendet dafür Adressen, die nicht öffentlich bekannt waren und nachweislich aus Computern der Polizei abgerufen wurden.

Dass ich mir Offenheit im Netz leisten kann, ist zu einem kleinen Teil glücklicher Zufall: Niemand stalkt mich, um mir aus privaten Irrsinnsgründen das Leben schwer zu machen (wie es übrigens auch Männern passieren kann, ich kenne mehrere). Zu einem größeren Teil liegt es schlicht daran, dass ich politisch nicht wesentlich aktiver bin als eine Tube Zahnpasta.

Ich veröffentliche weiterhin Details im Netz und in Printmedien, die es Böswilligen sehr leicht machen würden, mir Schwierigkeiten zu bereiten. Aber mir ist die Unbefangenheit abhandengekommen, mit der ich dabei früher dachte: „Schau her, Welt, so geht’s! Es passiert gar nichts, da könnt ihr mal sehen!“ Inzwischen fühle ich mich dabei eher wie jemand, der sich öffentlich auf seiner Luxusyacht räkelt und dabei denkt: „Wenn ich es nicht tue, wer denn dann? Nur so erfahren doch die anderen, dass Luxusyachten existieren!“

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