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Lotte Schubert, Mark Tumba und eine Welt von Akten. Jessica Schäfer
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Lotte Schubert, Mark Tumba und eine Welt von Akten.

Schauspiel Frankfurt

„NSU 2.0“ von Nuran David Calis in Frankfurt: Mit kalten Fischaugen

  • VonMarcus Hladek
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Nuran David Calis’ Stückentwicklung „NSU 2.0“, nun live im Schauspiel Frankfurt

Mit ästhetischen Reizen geizt das Auftragswerk „NSU 2.0“ von Nuran David Calis, das jetzt live in den Kammerspielen des Frankfurter Schauspiels Uraufführung hatte, schon aus Genregründen. Schließlich handelt es sich bei der neuen Arbeit des Mittvierzigers mit armenisch-jüdischen Wurzeln in der Türkei um klassisches Dokumentartheater. Ganz kunst- und schmucklos ist es aber doch nicht, und nicht nur dank der (bis auf einen längeren Textpatzer) hoch konzentrierten, fesselnden Darsteller: Torsten Flassig, Lotte Schubert und Mark Tumba. Anna Sünkel (Kostüme) steckt die Männer in fast übermäßig tadellose Anzüge und Schubert ins kleine Schwarze, wenn sie sich nicht just die Ärmel hochkrempeln oder eine Polizeischutzweste überstreifen.

Quadratisch, bürokratisch, gut ist die Raumlösung von Anne Ehrlich, die mit vier je beweglichen Spielflächen in Doppelreihe die Bühne zustellt oder sie, bei Drehung aus der Sichtachse, öffnet. Nur das Viertel vorn links birgt den unpersönlichen Amtsraum eines Ermittlers nebst halbverspiegeltem Fenster, die übrigen offenbaren nach und nach eine Kloschüssel (Untergrund-Tristesse) sowie Tatorte mit Beweistäfelchen und minimaler Requisite.

Kameras zeigen das Geschehen multiperspektivisch auf Monitoren seitlich der Bühne und Szenewänden. Zusätzlich zum Sprechtext aus Gerichtsdokumenten, Bekennerschreiben, Ermittlereinschätzungen und Dialogen laufen eigens aufgenommene Statements von Politikern, die bereit dazu waren: Grüne, SPD, Linke. Schön, wie Cem Özdemir das horrende Unwissen bestallter Gutachter zur Neonazi-Szene geißelt. Vivan Bhattis Musik gleicht klagenden Walgesängen.

Wer immer darauf verfiel, den Darstellern Augen auf die Lider zu malen, fügte der szenischen Nachverfolgung (1. Eisenach 2. Kassel 3. Hanau) einen sinistren Unterton hinzu, der eigener Deutung bedarf.

Während wir von der NSU-Terrorzelle Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt, Beate Zschäpe und dem doppelten Uwe-Selbstmord im Camper nebst Brandstiftung und Selbstenttarnung (ca. 1999-2011) voranschreiten zum Mord an Regierungspräsident Walter Lübcke (Kassel 2019) und dem Hanauer Neonazi-Gemetzel (2020, neun Tote), ohne groß überzeugt werden zu müssen, dass die Drohschreiben vom „NSU 2.0“, der suspekte Verfassungsschutz und Neonazi-Mitläufer unter Frankfurter Polizeibeamten aktive rechtsterroristische Netzwerke vermuten lassen, erzählen diese kalten Fisch- und toten Mumienaugen eine hoffnungsvollere Geschichte.

Offene und heimliche Nazis mögen sich als Butzemänner aufspielen und Angst verbreiten wollen, während sie ihre Wannsee-Träume von „Sonderbehandlung“ alles Fremden träumen. Trotzdem ist ihr Zugriff auf die „deutsche Volksseele“ und Naherwartung der Macht so erstunken und erlogen wie der gemalte Augen-Blick im Kammerspiel und macht wie dieser alle Schotten dicht vor der Realität. Denn achtzig Prozent der Bevölkerung sind partout nicht infizierbar, sondern halten Nazis, kerndeutsch mit „Das Boot“ gesagt, für die Sackratten der Nation und eine Schande, die als einzige der Sonderbehandlung bedarf: indem man dem Lausepack Wahlstimmen und das Element der Angst entzieht. Auslachen und lächerlich machen ist ein gutes Rezept.

Schauspiel Frankfurt: 9., 14. Juli. www.schauspielfrankfurt.de

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