+
„Fluctuat nec mergitur“ – „Sie wankt, aber sie fällt nicht“: Das Stadtmotto von Paris gilt am Tag nach dem großen Feuer auch für die Kathedrale.

Feuer

Notre drame

  • schließen

Ein Ort wie gebaute Musik: Das Feuer in der Kathedrale von Paris bedeutet eine Katastrophe für jene, denen das Herz noch nicht zu Stein geworden ist. Eine Verneigung.

„Die Kathedralen“, so beginnt Auguste Rodin sein Buch über die französischen Dome, „rufen ein Gefühl von Zuversicht, Vertrauen, Frieden hervor. Wodurch? Durch ihre Harmonie.“

Eben diese Gefühle, ob man nun religiös ist oder katholisch oder auch beides nicht, sind durch das verheerende Feuer von Notre-Dame angegriffen worden. Sicher, man muss einräumen, dass der Körperkünstler, der Maler und Bildhauer Rodin nicht über das Pariser Bauwerk schrieb, als er 1914 von der Baukunst der französischen Kathedralen sprach. Wie auch immer, jenseits andächtiger Gedanken wies Rodin auf die „Harmonie eines lebenden Körpers“ hin – und ein solcher Körper, Baukörper, ist jetzt ausgebrannt. Es ist eine Tragödie, Notre drame.

Wären es nur die Connaisseurs der Meisterleistungen der Architektur, reihten sich gewiss nicht täglich Zehntausende in die Schlange auf dem turbulenten Domvorplatz ein. Und wenn man sich in diesem Gewusel nicht ablenken ließ, wenn man zur Ruhe gekommen war im Gewühle, so konnten auch wir aufschauen. Weißt du noch? Die stämmigen Nordtürme, dazwischen aber der filigrane Dachreiter. Die Wasserspeier, die die Massen während des Mittelalters in Furcht und Schrecken versetzten und moderne Lyriker inspirierten. Nicht zu vergessen die enorme Skulpturengalerie, bei der es nicht nur Kirchenleuten so ergangen ist, dass sie die menschliche Vielfalt in der Einheit behaupten.

Der Ohrwurm unter den Bauwerken

Wenn Architektur gelegentlich als so etwas wie gebaute Musik empfunden wird, dann zählt Notre-Dame zu so etwas wie einem Ohrwurm. Man brauchte dazu nicht die Einflüsterungen von Fachleuten – aber wenn man es sich von jemandem, der sich ein wenig auskannte, erläutern ließ, war es nicht verkehrt.

Der Grundstein für Notre-Dame wurde auf der Ile de la Cité 1163 im Zuge eines Papstbesuchs gelegt, nach 30 Jahren fehlten nur noch die westlichen Joche des Schiffs und die Westfassade, bereits um 1250 standen die Westtürme. Wenn man „bereits“ sagt, zeigt das, welch ungeheuren Aufwand eine Kathedrale mit solchen Ausmaßen kostete. Zugleich vertraute sich der Mittelaltermensch bei dem Bau dieses Raumwunders der Zeit an. Das Ich, eine Chimäre im Unendlichen.

Lesen Sie auch: „Sie wankt, aber sie fällt nicht“

Notre-Dame bedeutete einen Wendepunkt, das Bauwerk war in der gotischen Baukunst wahrhaftig ein Maßstabssprung. In Laon, aus derselben Zeit, hatte man ein Mittelschiff von 21 Metern bewerkstelligen können, in Paris wurde die Höhe auf 33,5 Meter getrieben. In Paris entstand zudem eine Emporenkirche, auch das war neu, ebenso um 1180 bereits wurden Strebebogen an den Seitenschiffen errichtet – auf jeder Fahrt auf der Seine eine besondere Attraktion aus der Untersicht. Wer war das noch, der von einem Wald aus Stein sprach? Erinnerst du dich? Wer, der wegen dieses Zauberwalds nah am Wasser gebaut war?

Es gibt Kathedralen mit einem viel komplexeren Bauplan, bei der doppelschiffigen, kreuzförmigen Basilika wurde – zunächst – auf Kapellen verzichtet. Es war eine äußerst bewusste Entscheidung zu einer Raumeinheit, einem Einssein, bei dem die hochmittelalterliche Philosophie ein erhebliches Wort mitsprach. Nicht Additives mehr, wie in der Romanik, sondern die gebaute Synthese. Ja, der Bauplan von Notre-Dame, Mittelalterhistoriker wie Georges Duby oder Erwin Panowsky haben es gern betont, ist häufig aus der spirituellen Klarheit des scholastischen Denkens erklärt worden. Bei dieser Klarheit aber ist es nicht geblieben, es wurden Veränderungen vorgenommen, um durch Öffnungen mehr Licht ins dunkle Innere zu bringen.

Die Rosette ist ein besonderer Verlust

Mehr Licht! Nicht nur durch solche Bravourstücke wie die Fensterrosen geschah das, auch die Wandflächen wurde von den Meistern des Mittelalters geradezu aufgelöst. Täglich Zehntausende haben das wahrgenommen. Weißt du noch? Gedämpftes, buntes Licht inhalieren. Zwölf Meter misst die Rosette mit ihrem strahlenförmigen Maßwerk. Welch ein Verlust, dass allein diese filigranen Kostbarkeiten, Beispiele für den „style rayonnant“, verloren gingen, wie auch andere Fensterrosen. Ein Zusammenklang an Farben, wer erinnert sich nicht, auch an den vorherrschenden Blauton. Architektonisch ist Notre-Dame für viele Finessen verehrt worden, die atemberaubenden Strebebogen des Chors, so graziös wie belastbar.

Lesen Sie auch: Notre-Dame soll in fünf Jahren wieder aufgebaut sein

Experten begutachten am Dienstag auf dem Dach der Kathedrale die Schäden.

Was auch immer jetzt zu der Katastrophe geführt hat, auch Notre-Dame wurde im Laufe ihrer Geschichte Veränderungen und massiven Eingriffen ausgesetzt, darunter nicht nur durch einen Kapellenkranz. Es gab Abbrüche, es regierte eine harte Hand. Es gab böse Entstellungen, gar viele Glasmalereien wurden im 18. Jahrhundert, im Zeitalter der Aufklärung, durch farbloses Glas ersetzt. Und die Transzendenz, die Mystik? Die Türpfeiler des mittleren Portals wurden im 17. Jahrhundert herausgerissen.

Dass während der französischen Revolution eine Mimin sich eine phrygische Mütze aufsetzte, um so, ausgerechnet als Göttin der Vernunft, aufzutreten, war der Auftakt, um Glocken, Leuchter, Chorgitter und Reliquiare der Schmelze zu übergeben. Zum Bildersturm gehörte, dass die 28 Kolossalstatuen der Könige Israels vom Mob (und seinen intellektuellen Einpeitschern) für die Darstellungen der Könige von Frankreich gehalten wurden, so dass die aus den Nischen gezerrten Skulpturen unter Gejohle und Jubel auf dem Pflaster zerschellten. Ignoranten oder gar Hartherzige werden nie verstehen. Kein Wunderwerk für sie, bloß totes Zeugs. Gegen Notre-Dame richtete sich die Aggression.

Ebenso haben die Franzosen nicht vergessen, dass ihr Napoleon die Kathedrale zur Plünderung freigab, auch Notre-Dame wurde dem Bildersturm überantwortet – um nur wenige Jahre nach dieser Schmach 1804 als Krönungsort zu dienen, bei dem sich Bonaparte in Anwesenheit des Papstes selbst die Kaiserkrone aufsetzte. Notre-Dame hat in der Kirchengeschichte Frankreichs stets zwei große Konkurrentinnen gehabt, Reims als Königskathedrale und St. Denis, vor den Toren von Paris, als Grabstätte. Kirchengeschichte war zwingend Nationalgeschichte, und zwischen den „drei Rivalinnen“, so Frankreichs Mittelalterkapazität Jacques Le Goff, herrschten seit dem 13. Jahrhundert erhebliche Eifersüchteleien.

Victor Hugos effektvolle, auch grausige Geschichte

Trotz dieser und in dieser Konkurrenz hat Notre-Dame immer den Platz der prima inter pares im nationalen Gedächtnis bewahrt. Das kulturelle Gedächtnis verbindet mit Notre-Dame Victor Hugos effektvolle, auch grausige Geschichte vom buckeligen Glöckner und seiner Liebe zu Esmeralda. Die Schönheit und die bucklige Kreatur, der es gelingt, die Verehrte vor der Hinrichtung zu retten, um ihr in Notre-Dame Kirchenasyl zu ermöglichen.

Geliebtes Motiv, ob in Farbe oder Schwarz-Weiß: Maler vor Notre-Dame im Juli 1945.

Jenseits der Gewaltgeschichte, die auch durch Notre-Dame geschrieben worden ist, bedeutet der Brand eine Katastrophe für diejenigen, denen das Herz noch nicht zu Stein geworden ist. Zwischen den ausgebrannten Mauern kein Echo mehr. Für die Gläubigen kein Gewölbe mehr für Gebet und Gesang. Für jeden Besucher kein Raumgefühl mehr, das die Lungenflügel geweitet hat. Man kann ein solches Monument, bei aller Geschmeidigkeit im Detail, nicht ohne Pathos verstehen, schon wegen der ungeheuren Wucht. Bei Notre-Dame ging es dem Baumeister, der wahrhaftig ein Meister war, ja nicht nur darum, die Horizontale, die breit gelagerten Bauwerke der Romanik zu überwinden. Angestrebt war der Triumph, der Sieg der Vertikale über die Horizontale. An Notre-Dame ist dieser Zwist ablesbar, denn bei allem Emporstreben der Gotik lagert der Baukörper durchaus noch „romanisch“.

So zu sehen auch vom Vorplatz – weißt du noch? Unter der überwältigenden Westfassade mit ihren in der Brandnacht doch stehen gebliebenen Türmen waren die Neugierigen mit Handys und Selfies beschäftigt. Einige aber schauten auf, in sich gekehrt, auf sich selbst konzentriert, wie beim Anblick eines Wunderwerks. Und der Anblick hat ihnen vielleicht ein Selbstbild zurückgespiegelt. Pathos, ja, schon wieder. Aber war es nicht der krasse Antipathetiker Gottfried Benn, der in einem Gedicht zum „Verlorenen Ich“ den Stein von Notre-Dame beschwor: „Unendlichkeitschimären / auf deinem grauen Stein von Notre-Dame“.

Doppelter Symbolgehalt, der Gegensatz von Himmel und Hölle

Was diese Chimären angeht, so muss man noch etwas hinzufügen. Auch bei dieser Kathedrale unabweisbar ein doppelter Symbolgehalt, der Gegensatz von Himmel und Hölle. Zur Sphäre des Höllischen gehören die gemeinen Gestalten und Fratzen, die Wasserspeier und Schimären, die diabolischen Zerrbilder. Der Mittelaltermensch sah sich von Dämonen umstellt. Zum Menschenbild des Mittelalters gehörte die Missgeburt.

Die Fratze des Feuers ist ein Eingriff in die Zuversicht, in das Vertrauen, von dem Rodin sprach. Noch Hoffnung? Die nächsten Tage werden eine Ahnung davon geben, welche Zerstörung der Brand angerichtet hat, vom hölzernen Dachreiter über den Dachstuhl aus Holz, einen Wald für sich. Untergegangen unermessliche Schätze. Doch abgestürzt wohl nicht alle Unendlichkeitschimären. Wie auch der Wiederaufbau der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar, und diese Wiederherstellung war auch eine Anstrengung, die man sich in Europa zu eigen gemacht hat, ließe sich auch die Wiederaufrichtung von Notre-Dame als europäisches Projekt begreifen. Notre drame. Denn über nationale Grenzen hinweg hat dieser Brand nicht nur die Seele von Paris angefasst.

Lesen Sie dazu auch:

Nationalversammlung: Wiederaufbau von Notre-Dame beschlossen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion