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Notre-Dame stand in Flammen, nun gibt es Initiativen zum Wiederaufbau.

Notre-Dame

Teuflische Spender, engelsgleiche Menschenretter?

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Die Rettung von Notre-Dame wird extrem ideologisch diskutiert - und gegen die Bekämpfung von Armut und Kriegen ausgespielt. Eine Kommentar.

Schade also. Könne man schade finden, all die Zerstörungen, so liest man im Internet. Schade um ein kulturell bedeutendes Bauwerk, gemeint ist Notre-Dame. Schade? Um etwas „schade“ zu finden, muss einem nicht einmal der etwas aufwendigere Gedanke „bedauerlich“ zur Verfügung stehen. Oder gar das Wort „beklagenswert“ in den Sinn kommen. Schade, ja, dumm gelaufen.

So ausgeprägt das gleichgültige Achselzucken angesichts der Brandschäden an Notre-Dame – wegen der Initiativen zum Wiederaufbau und vor allem der Spenden war es mit dem Gleichgültigkeit gegenüber der Kathedrale unmittelbar vorbei. Die Investition in Steine wurde angesichts der Nöte in der Welt, des Elends im Jemen oder in Syrien, der Ertrinkenden im Mittelmeer, als Hartherzigkeit hingestellt, als Heuchelei, als Zynismus gebrandmarkt, so auch in der FR.

Ein Denker wie Theodor W. Adorno, der nicht in dem Ruf steht, ein Antihumanist zu sein, der allerdings in den Foren flotter Meinungsbildung wahrscheinlich unter dem Verdacht steht, ein Schwurbler zu sein: Für Adorno war die aufgerichtete Antinomie, hier humane Empathie angesichts von Menschenopfern, dort kunsthistorische Emphase für gefährdete Bauwerke, eine von den „Alternativen, von deren Fruchtbarkeit ich nicht eben überzeugt bin“.

Lesen Sie hier eine andere Meinung: Notre Dame - die Trauer um ein Gebäude ist übertrieben

An der Debatte über eine solche Frontstellung haben sich seit dem Tag nach der soeben noch abgewendeten Katastrophe Zehntausende beteiligt. Nicht auszuschließen, dass bei den ostentativen Millionenspenden in Frankreich der Narzissmus von Milliardären eine Rolle spielt. Dürfen die das überhaupt? Die Debatte wird in Frankreich naheliegenderweise besonders heftig geführt, angeheizt auch von den „Gelbwesten“ und den Gewerkschaften, die den Zwist ins Parlament tragen konnten.

Arbeiter begutachten Notre-Dame, zwei Passanten schauen ihnen dabei zu.

Die Debatte über die Finanzierung des Wiederaufbaus von Notre-Dame steht unter dem Druck der Straße – und der im Internet veröffentlichten Meinung, darunter einer Meinungsmache, die zu dem Zeitpunkt, als die Feuerwehr gegen den Totalverlust eines Weltkulturerbes ankämpfte, bereits das totale Versagen der Einsatzkräfte anprangerte. Für den Mob im Netz galt auch in dieser Brandnacht das Motto: Hauptsache zündeln.

Die böswillige Verleumdung agiert grenzüberschreitend. Die AfD Solingen spekulierte noch in der Brandnacht über und unverhohlen auf einen islamistischen Anschlag. Nicht weniger rechtsextrem getrieben insinuierte die Schweizer „Weltwoche“ am 18. April in ihrem Editorial, beim Brand von Notre-Dame werde „im Moment ein terroristischer und krimineller Hintergrund weitgehend ausgeschlossen“. Im Moment, weitgehend: Hauptsache zündeln. Die Verschwörungshysterie ist kein Privileg von Rechtsaußen. So spreizt sich unter den FR-Onlinekommentaren ein offensichtlich Linksradikaler mit der Erkenntnis, der Brand der Kathedrale habe ihn unmittelbar an den Reichstagsbrand, Ende Februar 1933 erinnert, der Hitler zum Vorwand wurde, gegen die linke Opposition loszuschlagen. Im Folgenden wird darüber schwadroniert, von welchen Einschränkungen der Freiheitsrechte auch die hinter verschlossenen Türen agierende Macron-Regierung angeblich ablenken wolle?

Rettung von Notre-Dame: Geht es den Kritikern wirklich um den Jemen, Syrien und das Mittelmeer?

Geht es den herrisch auftretenden Menschenrechtlern tatsächlich um die humanen Katastrophen im Jemen, in Syrien, auf dem Mittelmeer? In der gezielt aufgeheizten Debatte über die Folgen der Brandnacht geht es um Deutungshoheit, an der sich nicht nur die Infamie intensiv beteiligt. Mit Inbrunst dabei ist auch die Ignoranz. Sicher, man darf vorausschicken, dass weder historische Hintergründe noch religiöse Gefühle erforderlich sind, um vor die Fassade und in das Gebäude treten zu dürfen. Aber bereits im Tympanon könnten all die Weltenrichter der letzten Tage zur Besinnung kommen. Im Tympanon? Im Giebelfeld über dem Portal. Dort der Teufel und ein Engel im Widerstreit, welche Toten in die Hölle kommen, rechts vom Teufel. Und welche in den Himmel, links vom Engel.

Himmel, Hölle, links, rechts. Teuflische Spender, engelsgleiche Menschenretter. Die Weltenrichter der letzten Tage stehen in der Tradition einer stark kirchlich geprägten Frontstellung. Die mittelalterliche Kirche hätte sich für die Kirche entschieden. Ist das heute humane Engagement deswegen so ausgeprägt? Wie auch immer, das durch den Brand aufgerissene Gewölbe nicht als ein Menetekel der Obdachlosigkeit zu sehen, hat mit ausgeprägter Fantasielosigkeit zu tun. Fantasielosigkeit angesichts einer „transzendentalen Obdachlosigkeit“, die sich in den sozialen Medien im Handumdrehen als esoterisches Raunen diskreditieren lässt (aber nur zu!), ein allerdings ingeniöser Gedanke von dem späteren Marxisten Georg Lukacs (nein, nicht mit Blick auf Notre-Dame, bewahre!).

Debatte über die Rettung von Notre-Dame: "Revitalisierung finsterer Mittelaltermentalität"

Dass ein Minimumhintergrund an Kenntnissen notwendig ist, um sich ein Urteil über die kunsthistorische, die stadthistorische, die nationale, die architektonische, die kirchengeschichtliche sowie religiöse Bedeutung von Notre-Dame zu erlauben, wird beiseitegeschoben. Sollte es sich bei der Gleichgültigkeit, den abschätzigen Bemerkungen über „totes Gestein“ oder eine „abgefackelte (!) Notre Damme (!)“ um einen weiteren Aufstand der Affekte handeln? Um eine Empörung gegen eine angebliche Elitekultur unter dem Regime der Affekte? Unter in der Tat nicht wenigen Stimmen der Vernunft verschafft sich eine gereizte Antistimmung gegen (die Spendenwürdigkeit von) Notre-Dame Raum, die den jüngsten Kulturkampfton aufnimmt, bei der Laienmeinung gegen die Expertise auftritt, mit großem Aplomb, aber ohne stichhaltige Argumente.

Einer der ersten hier nach der Brandkatastrophe formulierten Gedanken war, den Wiederaufbau von Notre-Dame als eine europäische Aufgabe zu begreifen. Esoterisches Geschwätz? Es steht zu vermuten, dass in das Desinteresse gegenüber diesem Gedanken so etwas wie nationalistische Ignoranz hineinspielt. Oder gar so etwas wie ein (auch linksextremer) Chauvinismus, der sich auf seine Kenntnislosigkeit etwas einbildet?

Die vielfältige Verbeugung vor Notre-Dame, die historische, kulturelle und religiöse, wird als degoutant verleumdet. Der Elan vitale der Ignoranz ist bestürzend. Weniger emotional, vielmehr historisch angemerkt, sei gesagt: Prangermentalität bedrängt ein mittelalterliches Bauwerk, nicht weil ihr das Monument etwas bedeutete, zum Beispiel als europäischer Erinnerungsort par excellence. Sondern weil in eine furchterregende Revitalisierung einer finsteren Mittelaltermentalität investiert wird.

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