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Auch diese Skulptur wurde durch das Blei, das der Brand schmelzen ließ, in Mitleidenschaft gezogen.

Notre-Dame

Selbstherrlich oder für alle herrlich

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Das französische Parlament debattiert über die Restauration der Pariser Kathedrale.

Die Eintracht Frankreichs nach dem Dachbrand der Notre-Dame hat weniger als einen Monat gewährt. Nicht ganz überraschend gehen die Meinungen über das zukünftige Antlitz des Pariser Wahrzeichens bereits weit auseinander. Die französische Urdebatte zwischen „Anciens“ (Traditionalisten) und „Modernes“ lebt wieder auf: Die Ersteren verlangen eine originalgetreue Restauration der zerstörten Bausubstanz; Letztere sind offen für Neues und wollen die Gelegenheit nutzen, den 800 Jahre alten Bau fortzuentwickeln.

Der Disput ist nicht nur kunsthistorischer oder ästhetischer Natur: Im Hintergrund geht es auch um die sehr politische Frage, ob Notre-Dame als Symbol der Christenheit zu bewahren und zu beschützen sei – oder ob sie selber mit der Zeit gehen soll. Entsprechend hoch wogt die Debatte über ein Spezialgesetz, das am heutigen Freitag vor die Nationalversammlung kommt. Es erlässt zum einen 75 Prozent der Steuern auf Spenden bis zu tausend Euro.

Zentraler sind zwei andere Gesetzesbestimmungen. Die in Staatsbesitz befindliche Kathedrale erhält ein öffentliches Gremium vorgestellt, ein „établissement publique“, das finanzielle und andere Frage klären soll. Dazu soll die Regierung das Recht erhalten, auf dem Ordonnanzweg – das heißt ohne Parlamentsvotum – „Ausnahmen“ von den geltenden urbanistischen und kunsthistorischen Normen zu erlassen.

Die Opposition wirft Emmanuel Macron vor, er wolle mit diesen zwei Bestimmungen das Zepter der Notre-Dame-Renovierung an sich reißen. Die kommunistische Abgeordnete Marie-George Buffet erklärte, die zwei bereits bestehenden Notre-Dame-Gremien – auf die der Staatschef weniger Einfluss hat – genügten vollauf. Die konservativen Republikaner verdächtigen Macron megalomaner Absichten: So wie Georges Pompidou das gleichnamige Kulturzentrum, Valéry Giscard d’Estaing das Musée d’Orsay, François Mitterrand die Bastille-Oper und Jacques Chirac das Völkerkundemuseum Branly gebaut hätten, wolle der aktuelle Präsident der neuen Notre-Dame seine eigene „Handschrift“ aufdrücken. Will er ein modernes, progressives Zeichen setzen, wie es seinem politischen Credo gegen die „rückwärtsgewandten“ Populisten entspricht? Macron hat bereits erklärt, er könnte sich beim Wiederaufbau des abgebrannten Dachreiters – dem zentralen Objekt des Wiederaufbaus – gut eine „zeitgenössische Geste“ vorstellen, also eine moderne Version der filigranen Turmspitze. Diese Bemerkung ist nicht unbeachtet geblieben. Die Republikanerin Constance Le Grip versuchte deshalb in der vorberatenden Kommission, das Adjektiv „identisch“ vor das Wort „Restauration“ zu setzen. Die Macronisten lehnten dies aber ab.

In die gleiche Richtung zielt die Kritik, Macron handle übereilt, um sich mit der vollendeten Renovierung einen Platz in den Geschichtsbüchern zu sichern. Schon im April hatte er erklärt, der Wiederaufbau solle „binnen fünf Jahren“, also rechtzeitig für die Olympischen Spiele von Paris 2024, beendet sein.

Ein Schuss vor den präsidialen Bug ist auch eine Petition von 1170 französischen und internationalen Konservatoren, Architekten und Kunstexperten. „Herr Präsident, lassen Sie nicht die Kulturerbe-Experten beiseite“, lautet ihr Titel, gefolgt vom Ratschlag: „Nehmen wir uns die Zeit, den richtigen Weg zu finden.“ Unverhohlen werfen die Spezialisten Macron vor, er opfere die „Komplexität des Denkens“ der „zur Schau gestellten Effizienz“.

Kulturminister Franck Riester beschwichtigt, Frankreich kenne strikte Regeln für den Schutz historischer Güter. Dass aber gerade die Möglichkeit vorgesehen ist, sich darüber hinwegzusetzen, ließ er unbeantwortet. Dank seiner absoluten Mehrheit dürfte Macrons Regierungslager keine großen Probleme haben, die Sondervollmacht für die Regierung – das heißt den Präsidenten – in der Nationalversammlung durchzubringen. Schwieriger dürfte es sein, die öffentliche Meinung auf seine Seite zu ziehen.

Wiederaufbau: Vorschläge für das Dach

Gläserner Dachreiter Die Vorschläge für die Renovierung der beschädigten Kathedrale schießen ins Kraut. Dem Architekten Jean-Michel Wilmotte schwebt zum Beispiel ein Dachreiter aus Glas vor. Jean Nouvel meint hingegen, die ins Mittelschiff gestürzte Turmspitze gehöre zu den „unberührbaren Aspekten“ der Kathedrale und müsse unverändert wiederaufgebaut werden.

Gläsernes Dach Ein brasilianisches Büro schlägt ein neues Dach einzig aus Kirchenfenstern vor, ein russischer Architekt ein durchsichtiges Glasdach. Ein Pariser Designer stellt sich eine riesige goldene Flamme auf dem restaurierten Dachrücken vor, ein slowakisches Büro eine weiße Turmspitze, die sich per Lichtstrahl in den Himmel verlängert.

Der Wald Dass das eingestürzte Hochgebälk von Experten „la forêt“ (Wald) genannt wurde, inspirierte mehrere Zeichner. Die einen siedeln, ökologisch verbrämt, Bäume über dem Kirchenschiff an, andere zumindest ein Biotop unter einem halb offenen Dachstock – ein so genannter „Hafen des Friedens“. Ein verärgerter Traditionalist fragte sarkastisch, ob man nicht gleich Sonnenkollektoren auf dem Dach installieren wolle, um im Innern mit künstlichen Kerzen ein Christus-Hologramm zu beleuchten. Der Architekt Alexandre Chassang antwortete, ein identischer Wiederaufbau sei so unmöglich wie die Erstellung einer Kopie nach der Beschädigung des Mona-Lisa-Gemäldes. Antwort aus dem Netz: „Vielleicht eine Mona Lisa mit Piercing und Haarbleiche?“

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