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Wer Prognosen abgibt, verschätzt sich oft.
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Wer Prognosen abgibt, verschätzt sich oft.

Update

Normalvorhersagen

  • Kathrin Passig
    vonKathrin Passig
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Wer Prognosen abgibt, verschätzt sich oft. Was kann man für das nächste Mal daraus lernen?

Im Dezember 2019 oder Januar 2020 nahm ich an einer Umfrage teil, wie viele Opfer diese gerade in China neu aufgetauchte Infektionskrankheit insgesamt fordern werde. „Unter 1000“ gab ich an, denn schließlich hatte es in den vergangenen Jahren immer wieder mal Alarm wegen irgendwelcher Krankheiten gegeben, von denen man danach nicht mehr viel hörte.

Anfang April sollte ich, wieder im Rahmen einer Umfrage, eine Schätzung abgeben, wie viele Coronafälle Deutschland wohl am Ende des Monats haben werde. Ich rechnete eine Weile herum und trug dann „300 000“ ein, eine Zahl, die erst sechs Monate später erreicht wurde.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de

Beim ersten Mal hatte ich die Sache unterschätzt, beim zweiten Mal überschätzt. Beide Meinungen hätte ich mit Sicherheit vergessen, wenn ich nicht an den jeweiligen Umfragen teilgenommen hätte. Ohne diese konkrete Erinnerung an meine Ansichten wäre ich heute überzeugt, die Gefahr erstens früher als andere erkannt und zweitens richtiger als andere eingeschätzt zu haben.

Eine Meinung aufzuschreiben hilft nicht dabei, realitätsnähere Meinungen zu haben. Es hilft aber immerhin dabei, später zu merken, dass man keine Ahnung hatte, und vielleicht sogar, warum. Meiner ersten Prognose lagen vage Erinnerungen an die SARS-Pandemie von 2002/2003 zugrunde, über die ich eigentlich gar nichts wusste, außer dass sie mich persönlich nicht betroffen hatte. „Bisher ist doch auch immer nichts passiert“, dachte ich, obwohl ich in anderen Kontexten einen so blöden Gedanken weit von mir weisen würde. Bei den Themen Klettern, Bergsteigen, Autofahren, Verhütung, Baden im Meer oder Umgang mit Lawinen habe ich genauer über Risikomanagement nachgedacht und weiß, dass „bisher ist doch auch nichts passiert“ kein gutes Argument ist. Außerdem wollte ich lieber eine gelassene Person sein als eine überbesorgte, obwohl ich weiß, dass die Gelassenen manchmal sterben, weil sie es uncool finden, bei einem Feueralarm das Gebäude zu verlassen.

Der Psychologe Philip Tetlock forscht seit den 1980er Jahren an den Bedingungen, unter denen Fachleute zu richtigeren Zukunftsvorhersagen gelangen. Sein letztes Buch handelt von „Superforecasters“, die mit ihren Prognosen weniger danebenliegen als andere. Die meisten von Tetlocks Ratschlägen sind für den Alltag nicht praktikabel. Hier wäre eher die Fähigkeit zum Normalforecasting gefragt und oft noch nicht einmal die, sondern nur ein halbwegs korrektes Modell der Gegenwart.

Ein auf uns Normalforecasterinnen übertragbarer Tipp ist aber das Führen eines Meinungstagebuchs, in dem man niederschreibt, was man in einer bestimmten Angelegenheit erwartet und warum. Es gibt sogar Vordrucke dafür. In meinem Fall hätte es bei der ersten Corona-Prognose geholfen, wenn ich vor dem Klicken auf die Antwort nicht nur darüber nachgedacht hätte, welche Option am richtigsten wirkte, sondern auch über meinen Gedankengang dahinter.

So ein Tagebuch setzt mehr Disziplin voraus, als ich habe. Aber wenn man sich in sozialen Netzwerken, beim Bloggen, in E-Mails oder im Messenger schriftlich äußert, passiert die Dokumentation dort in Gesprächen ganz von allein. Anders als bei Briefen behält man meistens auch ohne weiteres Zutun eine Kopie des Gesagten für die eigenen Archive.

Eine weitere einfache Möglichkeit sind Wetten. Im September 2013 wettete ich mit einem Freund, dass es innerhalb der nächsten zehn Jahre möglich sein werde, in einer deutschen Stadt ein fahrerloses Auto als Taxi zu rufen. Der Freund hielt das für ausgeschlossen. Ich war selbst unsicher. Damals hatte ich schon genügend falsche Vorhersagen gemacht, um zu wissen, dass ich zwar oft in der Sache richtig liege, mich aber verschätze, wie lange es bis dahin dauern wird. Dabei rate ich immer zu kurz, weil ich einfach nicht glauben will, wie langsam alles geht. Später habe ich mir die Regel notiert: „Es dauert immer alles zwanzig Jahre, außer die Sachen, die noch länger dauern.“ Aber 2013 hatte ich noch nicht eingesehen, dass ich das fahrerlose Taxi für 2033 hätte vorhersagen sollen anstatt für 2023, jetzt wird es allmählich eng für meine Prognose.

Um welchen Preis wir gewettet haben, weiß ich nicht mehr. Darauf kommt es auch nicht an, es war die Wette selbst, die mir als Gedächtnisstütze dient. Wenn man niemanden findet, mit dem man wetten möchte, kann man der Vorhersage ein kleines, symbolisches Aktiengeschäft folgen lassen – vorausgesetzt, das Thema lautet nicht nur „das neue Telefon fällt bestimmt gleich ins Klo“, sondern ist von öffentlichem Interesse. War man im Unrecht, dann merkt man sich einen kostenpflichtigen Fehler leichter und kann aus ihm lernen. Für korrekte Vorhersagen bekommt man Geld. In beiden Fällen ist man hinterher besser dran als vorher.

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