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Georg Wilhelm Friedrich Hegel, 1831 gemalt von Jakob Schlesinger.
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Georg Wilhelm Friedrich Hegel, 1831 gemalt von Jakob Schlesinger.

Hegel-Jahr

Noch einmal Hegel?

Vor 250 Jahren geboren, stellt sich im Jubiläumsjahr besonders die Frage nach der Aktualität seiner Philosophie. Eine Antwort darauf findet sich im Verhältnis von subjektiver und objektiver Vernunft. Von Herbert Schnädelbach.

Das zu Ende gehende Hegel-Jahr hat es erneut bestätigt: Hegel ist präsent, aber ist er auch aktuell? Dafür scheint die beständig anwachsende Hegel-Literatur zu sprechen, an den Universitäten finden unablässig Hegel-Veranstaltungen statt, und doch: Es gibt keine Hegelianer. In der Regel geht es in den vielen Hegel-Seminaren nur darum festzustellen, ob man ihn richtig verstanden hat, aber wenn die Frage aufkommt, ob er recht hat, wird die meist als „ungebildet“ abgewiesen, wenn nicht gar mit Schweigen quittiert.

Ich kenne niemanden, der bereit wäre, Hegels Lehre gemäß ihrem Wortlaut als wahre und für unser Selberdenken verbindliche Philosophie zu vertreten; und doch möchte man sein System, wie das anderer großer Denker, nicht einfach in die Philosophiegeschichte entlassen. Für Hegel-Freunde ist offenbar der Gedanke unerträglich, Hegels Werk könnte nur noch von historischem Interesse sein; also muss es in ihm etwas geben, was unverändert aktuell ist.

Um das herauszufinden, hat es an hermeneutischen Anstrengungen nicht gemangelt; es lag nahe, sich dabei auf Hegels „Wissenschaft der Logik“ zu konzentrieren, sollte sie doch das Fundament seines philosophischen Riesengebäudes bereitstellen. Die Stoa als die wichtigste der spätantiken Philosophenschulen hatte die Philosophie eingeteilt in Logik, Physik und Ethik. Hegel war diesem Vorbild gefolgt und hatte in seinem System die Systemteile Wissenschaft der Logik, Naturphilosophie und Philosophie des Geistes unterschieden. Bekanntlich zerfiel die Hegel-Schule nach dessen Tod in mehrere Fraktionen. Die berüchtigte Naturphilosophie ließen die Hegel-Schüler und schon sehr bald fallen, während man die Philosophie des Geistes dadurch rettete, dass man sie zu Gründungstexten der entstehenden „Geisteswissenschaften“ erhob, also der modernen Geschichts- , Sozial- und Kulturwissenschaften.

Seine Rechtsphilosophie hatte Hegel schon 1820 in einer eigenen Monographie erscheinen lassen, so dass sie eine selbstständige, von der Rezeption des übrigen Systems weitgehend unabhängige Wirkungsgeschichte entfalten konnte; sie wurde zum Grundtext des konservativen Hegelianismus des letzten Jahrhunderts. Was aber sollte nach all dem mit der Wissenschaft der Logik geschehen ?

Ihren Lesern wird schnell klar, dass er es nicht mit einem Logik-Lehrbuch im üblichen Sinn zu tun bekommt; es geht um nichts Geringeres als die Verteidigung der „Intellektualansicht des Universums“. Was dieser Ausdruck bedeutet, kann man erläutern anhand von Hegelschen Formeln wie „Wer die Welt vernünftig ansieht, den sieht sie auch vernünftig an“ oder „Etwas vernünftig erkennen heißt, es als vernünftig zu erkennen.“ Wer Hegel zufolge die Welt „intellektuell“, d.h. denkend anschaut, vermag einzusehen, dass die Vernunft keine bloß subjektive Fähigkeit des Denkens und Erkennens ist, sondern dass sie objektiv existiert und als solche von uns erkannt werden kann.

Diese objektive Vernunft hatte die Stoa nach vorsokratischem Vorbild als den lógos bezeichnet und ihn als Substanz und Bewegungsgesetz der gesamten Wirklichkeit verstanden. Die christliche Theologie deutete diesen lógos dann als die Vernunft des Schöpfergottes, und genau dieses lógos-Modell legt Hegel seiner Wissenschaft der Logik zugrunde: Er präsentiert sie als Wissenschaft vom lógos als der göttlichen Weltvernunft, in der alles Wirkliche gründet und die alles Werden und Vergehen bestimmt, allerdings nicht mehr in theologischer Gestalt. Freilich schreibt er: „Man könnte sich deswegen ausdrücken, dass dieser Inhalt (der Wissenschaft der Logik- H.S.) die Darstellung Gottes ist, wie er in seinem ewigen Wesen vor der Erschaffung der Welt und eines endlichen Geistes ist (Hervorhebungen von Hegel – H.S.)“, aber das ist eben nur eine theologische Ausdrucksweise für das, was seine Logik als Philosophie zu sein beansprucht: die rein gedankliche Gestalt der „Intellektualansicht des Universums“, und die ist nur als Wissenschaft möglich.

Dass unsere richtig gedachten Gedanken nicht nur subjektive Denkbestimmungen seien, sondern zugleich objektive Bestimmungen des Wirklichen, war die Grundüberzeugung dessen gewesen, was man in unserer Denktradition „Metaphysik“ genannt hatte. Dazu sagt Hegel, dass dasjenige, was einmal „Metaphysik hieß, … sozusagen mit Stumpf und Stiel ausgerottet worden und aus der Reihe der Wissenschaften verschwunden“ sei. So hätten die „Wissenschaft und der gemeine Menschenverstand sich in die Hände gearbeitet, um den Untergang der Metaphysik zu bewirken“, und dies verbunden mit dem „sonderbaren Schauspiel…, ein gebildetes Volk ohne Metaphysik zu sehen.“ Hegels unternimmt somit nichts Geringeres als den Versuch, mit seiner Wissenschaft der Logik dem deutschen Volk die Metaphysik zurückzugeben, denn unter „Logik“ versteht er nichts anderes als Metaphysik, und die ist ihm zufolge „Wissenschaft der Dinge, in reinen Gedanken“ erfasst.

Den Grund für jenen Metaphysikverlust sucht Hegel in den Grundüberzeugungen der neuzeitlichen Philosophie – insbesondere seit Descartes und bei Kant – dass die Vernunft ein bloß subjektives Denkvermögen sei; der Gedanke einer objektiven Vernunft fiel damit der modernen Metaphysikkritik zum Opfer, die schließlich in Kants Kritik der Gottesbeweise ihren Höhe- und Endpunkt erreicht hatte. Allerdings gab es hier für Hegel kein einfaches „Zurück“; Kants Metaphysikkritik war zu respektieren, aber man konnte die doch selbst kritisieren, und dadurch vielleicht über Kant hinausgelangen. Dass unsere Vernunft als Erkenntnisvermögen in die Grenzen möglicher Erfahrung eingeschlossen sei, hatte Kant ständig mit seiner Rede von den unerkennbaren „Dingen an sich“ betont, aber das galt schon für Fichte und den jungen Schelling als eine dogmatische, d.h. unkritische Behauptung, und Hegel stimmte ihnen zu.

Zwei seiner kantkritischen Argumente seien hier wenigstens erwähnt: Zum einen, dass das Ding-an-sich ein „Gespenst“, ein „Gedankending … der leeren Abstraktion“ sei, und er fügt hinzu: „Man muss sich hiernach nur wundern, sooft gelesen zu haben, man wisse nicht, was das Ding-an-sich sei, und es ist nichts leichter, als dies zu wissen.“ – Das andere Argument Hegels gegen Kant besteht in der Behauptung, eine Grenze zu ziehen, setze stets voraus, über sie schon hinausgegangen zu sein, und darum sei die Rede von unübersteigbaren Grenzen der Erkenntnis unsinnig.

Die philosophische Nachwelt ist mit ganz wenigen Ausnahmen solchen Einwänden nicht gefolgt; sie hat die Wiederaufrichtung der Metaphysik durch Kritik der Metaphysikkritik nicht für möglich gehalten, und doch wollte man die Wissenschaft der Logik nicht einfach fallenlassen oder gar als irrationalistisch abtun. Jetzt begann das große „Eigentlich“. Konnte man Hegels Logik nicht so verstehen, wie er sie selbst verstanden hatte, so könnte man sie vielleicht besser verstehen, als ihm dies selbst möglich gewesen war. Nun stellten sich die Hegel-Freunde sich hinter Hegel auf, um ihm über die Schulter zu blicken und ihm und uns darüber aufzuklären, was er „eigentlich“ gemeint habe, dies aber aus mancherlei Gründen nicht selber einzusehen vermochte.

Für die Hegel-Marxisten war Hegels Dialektik „eigentlich“ eine in Lettern des Himmels geschriebene Gesellschafstheorie, was deutlich würde, wenn man mit Feuerbach und Marx dieses Gedankengebäude vom Kopf auf die Füße stellt. Das hinderte Friedrich Engels aber nicht daran, Hegels Logik als „eigentliche“ Grundlage einer materialistischen „Naturdialektik“ zu präsentieren, die freilich nur als Bestandteil des dogmatischen Marxismus-Leninismus überleben konnte. Andere bemächtigten sich der Wissenschaft der Logik mit der These, sie sei „eigentlich“ eine Theorie der Sprache, oder noch genauer: eine systematische Bedeutungstheorie.

Es bleibt die Frage: Was macht es uns unmöglich, einfach bei Hegel zu bleiben und seine „Intellektualansicht des Universums“ zu teilen ? Dafür gibt es mindestens zwei Gründe. Zunächst ist es ihm nicht gelungen, diese „Weltanschauung“ in seinen materialen Systemteilen zu konkretisieren; seine Versuche, die Wirklichkeit des objektiven lógos in der Natur und der Menschenwelt nachzuweisen, sind gescheitert.

Hegels berühmte Generalthese „Was vernünftig ist, das ist wirklich, und was wirklich ist, das ist vernünftig“, erwies sich schließlich als leere Formel.- Zum anderen war es ihm nicht möglich, seine Schüler und Leser in überzeugender Weise in sein System einzuführen; hier hatte er drei verschiedene Ansätze verfolgt, und das belegt nur die Vermutung, dass die ihn selbst nicht ganz befriedigten. Schließlich beließ er es bei dem Appell, „Mut zur Wahrheit“ zu fassen und mit dem Philosophieren in seinem Sinn zu beginnen.

Was uns von Hegel trennt, hat einen tieferliegenden Grund. Mit seinem System geht eine große Denktradition zu Ende – die des metaphysischen Rationalismus mit seiner Überzeugung, der Grund und das Wesen der Welt seien vernünftig und unserer Vernunft zugänglich. Obwohl diese Denkbewegung das abendländische Denken seit den Anfängen bestimmte, kann man nicht sagen, damit sei die Metaphysik schlechthin zu ihrem Ende gekommen; insofern ist die Rede vom „nachmetaphysischen Zeitalter“ (Habermas) irreführend.

Denn es gab eine damit ständig konkurrierende, aber deutlich schwächere Denktradition – die des metaphysischen Irrationalismus; der glaubt, dass die Welt in ihrem Kern und ihrer objektiven Struktur vernunftlos, vernunftfeindlich und undurchdringlich sei. Der antike Hauptvertreter dieses Denkens war Epikur, und in theologischer Gestalt bestimmte es die voluntaristische Gotteslehre des Spätmittelalters. Der zufolge ist Gott souverän und in seinen Willensentscheidungen nicht an seine Vernunft gebunden ist; deswegen hätte er die Welt auch ganz anders erschaffen können, als er dies tat, und so lässt sich in ihr auch keine objektive Vernunft wiedererkennen.

1807 erschien eines der maßgeblichen Werke Hegels.

Vor allem der Protestantismus lehrte dann den „verborgenen“, durch unsere Vernunft nicht erkennbaren Gott, dem gegenüber alles auf Gnade und Glauben ankommt.- Der metaphysische Irrationalismus gewann in Deutschland nach dem Ende der Hegel-Ära um 1850 die Oberhand – in Gestalt der Philosophie Arthur Schopenhauers. Sie lehrte, dass der Grund und das Wesen der Welt der „Wille“ sei, d.h. ein dunkler, blinder, zielloser Drang, der alle seine „Objektivationen“ beherrscht. Zu ihnen gehört nach Schopenhauer auch die menschliche Vernunft, aber sie gilt ihm nur als Werkzeug des „Willens“ zum Zweck der Selbsterhaltung der Gattung ‚Mensch‘. Diese Willensmetaphysik sollte Friedrich Nietzsche dann weiterdenken in seiner Lehre vom „Willen zur Macht“ als dem Prinzip alles Geschehens in der Welt.

Zur Person:

Herbert Schnädelbach, geb. 1936, ist emeritierter Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin und Präsident der Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie. Auf die Frage „Warum Hegel?“ ist er im Laufe seiner wissenschaftlichen Laufbahn immer wieder zurückgekommen und hat dadurch intensive Debatten angeregt. Schnädelbach hat zu Hegels Werk maßgebliche Kommentare und Einführungen veröffentlicht.

Die Ausstrahlung dieses metaphysischen Irrationalismus in die verschiedensten Bereiche der modernen Welt ist kaum zu überschätzen – man denke nur an die Psychoanalyse Sigmund Freuds, und sie hält bis heute an. Seitdem gilt der herkömmliche Glaube an die Vernunft als oberflächlich und lächerlich, und nur die Vernunftskepsis als tief und wohlbegründet. Es fehlte sogar bis vor wenigen Jahren nicht an Stimmen, die die Vernunft für alle Übel in der Welt verantwortlich machten; gleichwohl hat doch der radikalste Vernunftkritiker gar nichts anderes als seine kleine, subjektive Vernunft.

Wir können einfach nicht mehr davon ausgehen, dass uns im Umgang mit der inneren oder äußeren Natur eine Hegelsche objektive Vernunft entgegenkommt; darum suchen wir nicht länger einen höheren Sinn in der Natur, sondern versuchen, sie durch Wissenschaft technisch zu beherrschen: Auch das ist Metaphysik. Wir leben nicht in einem post-metaphysischen, sondern in einem alternativ-metaphysischen Zeitalter, dem des Irrationalismus, und deswegen können wir keine Hegelianer sein.

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