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Shinjuku Tiger, der Progatonist aus der gleichnamigen Dokumentation, fällt selbst im Gewusel Tokios auf.

Nippon Connection

Exzentrisch und unnahbar

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Die Frankfurter Nippon Connection zeigt Filme über Außenseiter.

Hiroshi ist irgendwie anders. Der junge Mann spricht fast nie, und wenn doch, dann ohne eine einzige Gesichtsregung. Seine Arbeitskollegen wundern sich über das distanzierte Verhalten, wissen nicht recht, wie sie mit ihm umgehen sollen. „Er hat viel durchgemacht“, heißt es dazu lediglich vom Chef der kleinen Firma. Das ist zwar richtig, wie die geschickt eingearbeiteten Rückblenden zeigen. Das wirkliche Ausmaß des Dramas beschreibt diese Aussage jedoch nicht einmal annähernd. Als Jugendlicher erlebt Hiroshi, ein Mobbing-Opfer, wie eine Mitschülerin von zwei Klassenkameraden vergewaltigt wird. Einige Jahre später treffen die drei Jungen sich auf einem Klassentreffen wieder – und die Situation eskaliert.

Der Film „Sea“, der beim 19. Nippon Connection Festival in Frankfurt internationale Premiere gefeiert hat, ist das beeindruckende Porträt eines Einzelgängers, der versucht, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Das Debüt des 1996 geborenen Regisseurs Kensei Takahashi wirkt nach – wegen der Fragen nach Schuld und Sühne, die es aufwirft, und auch wegen der beklemmenden Atmosphäre, die Takahashi vor allem durch dunkle Bilder erzeugt.

Außenseiter wie Hiroshi stehen im Fokus der diesjährigen. Nippon Connection, dem nach Angaben der Veranstalter größten japanischen Filmfestival weltweit. Im Vergleich zu westlichen Gesellschaften ist die japanische sehr kollektivistisch geprägt. Wer anders ist oder sich nicht anpassen will, hat es schwer. So geht es vielen Protagonistinnen und Protagonisten in den Geschichten, die die Filme erzählen.

Doch nicht alle leiden unter ihrem Anderssein, manche haben es selbstbewusst gewählt. So wie Shinjuku Tiger. Tiger ist 71 und lebt in Tokios Stadtteil Shinjuku, daher der erste Teil seines Namens. Der zweite Teil rührt von seinem Erscheinungsbild her: Tiger, der sein Geld als Zeitungzusteller verdient, trägt stets eine Tigermaske, dazu eine wilde pink-rote Perücke und knallbunte Outfits. Jeden Tag ist er in seinem Bezirk unterwegs, besonders gerne in einer Straße mit vielen Kinos. Filme sind seine Leidenschaft – im Kino sitzt er immer in der ersten Reihe –, neben schönen Schauspielerinnen, von denen einige zu seinem Freundeskreis gehören. „Movies, beauties and a dream“ ist denn auch sein Lebensmotto.

Melancholisch: „And Your Bird Can Sing“.

Warum er seit 45 Jahren diese Maske trägt, das kann (oder will) Shinjuku Tiger selbst nicht so genau erklären. Umso mehr versucht es die gleichnamige Dokumentation von Yoshinori Sato. Die Kamera begleitet den quirligen Exzentriker zu langjährigen Wegbegleitern. Und während sich der Film der Motivation Tigers für sein skurriles Auftreten zu nähern versucht, vermittelt er gleichzeitig ein Stück lokaler Geschichte.

Auch Yura gehört irgendwie nicht dazu. Davon erzählt Hiroshi Okuyama in seinem Langfilmdebüt „Jesus“. Yura, ein schüchterner Junge, zieht mit seiner Familie von Tokio aufs Land – und findet sich dort in einer christlich geprägten Gegend wieder. In Japan, wo sich nur rund ein Prozent der Bevölkerung zum Christentum bekennt, ist das selten. Doch Yura hat keine Wahl, er muss die christliche Schule besuchen. Dort kommt er zum ersten Mal mit der Religion in Kontakt. Er ist verwirrt, aber bereit, sich dem Neuen zu öffnen – was sich zunächst auch materiell auszahlen soll. Eines Morgens schleicht er in die Kapelle, klettert auf die Kanzel und betet: „Lieber Jesus, ich hoffe, ich finde Freunde auf dieser Schule. Amen.“

Plötzlich schwebt – zu einer digital bearbeiteten Version von „Gloria in excelsis Deo“ – ein fingergroßer Jesus aus der Bibel empor Richtung Himmel. Die Figur wird fortan Yuras Begleiter und erfüllt ihm Wünsche. So scheint es zumindest. Denn trotz der Komik, insbesondere bedingt durch Jesus’ amüsante Performance, etwa joggend auf einer sich drehenden Schallplatte, hat der Film eine zutiefst traurige Komponente, die durch eine tatsächlich unerwartete Wendung zutage tritt.

Der vielleicht beste Spielfilm des Festivals erzählt ebenfalls vom Anderssein – und gleichzeitig davon, wie es ist, stets im Hier und Jetzt zu leben, um bloß nicht erwachsen zu werden. In Sho Miyakes „And Your Bird Can Sing“ geht es um drei junge Menschen: Boku, der sich mit einem Job in einem Buchladen über Wasser hält; Sachiko, seine Kollegin; und Bokus Mitbewohner Shizuo, der keinen Job hat und einfach nur rumhängt. Alle drei haben den Ernst des Lebens nicht wirklich begriffen und das wollen sie eigentlich auch nicht.

Warum auch? Lieber ziehen sie durch die Clubs, leben in den Tag hinein und zögern jedwede Entscheidung hinaus – sei es die, was sie mit ihren Leben eigentlich anfangen wollen, oder die, wie es mit der Ménage-à-trois weitergeht, die sich zwischen ihnen entwickelt. Diese „Stress mich nicht“-Mentalität wird auch deshalb so treffend abgebildet, weil Miyake die harte Realität, die natürlich trotzdem stattfindet und mit der man sich als erwachsener Mensch früher oder später nun mal abfinden muss, subtil in die Geschichte einwebt – etwa durch Bokus Stress mit seinem Chef oder Shizuos kranke Mutter.

Über 106 Minuten baut Miyake zunächst langsam, dann immer eindringlicher eine melancholische Stimmung auf, die so authentisch ist, dass man sich ihr nicht entziehen kann – und sich irgendwann, genau wie das durch die Clubs driftende Trio, anfängt zu fragen: Was ist das eigentlich für ein Leben? Muss es da nicht noch mehr geben als das ziellose Treiben durch eine Welt, in der man sich irgendwie fremd fühlt? Und wenn ja: Lohnt es sich, das auszuprobieren? Im Gegensatz zu den Fragen, die er aufwirft, bleibt der Film bei den Antworten vage. Und das ist gut so.

Nippon Connection Festival Frankfurt: bis 2. Juni, www.nipponconnection.com

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