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Nils Wogram, Joe Sachse „Freies Geröll“: Freies Handwerk

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Von: Hans-Jürgen Linke

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Nils Wogram und Joe Sachse. Foto: Corinne Hächler
Nils Wogram und Joe Sachse. Foto: Corinne Hächler © Corinne Hächler

Helmut „Joe“ Sachse, Nils Wogram und ihr bemerkenswertes Duo-Album „Freies Geröll“

Wie machen die beiden das nur: Dass die Kombination von Posaune und Gitarre so selbstverständlich klingt, also sei sie gar keine Konfrontation, sondern ein zweifach gut sitzender Anzug? Dass beide Musiker sich gegenseitig ständig zu überraschen wie auch permanent einander zuzuarbeiten scheinen? Dass sie daherkommen, als wären sie aus einem Holz geschnitzt, obwohl sie doch in zwei verschiedenen Welten aufgewachsen sind und zwei verschiedenen Generationen angehören?

Sie haben viel gemeinsam

Helmut „Joe“ Sachse war als Gitarrist schon eine der überragenden Figuren des freien Jazz in der DDR, als Nils Wogram – heute einer der großen Posaunisten des europäischen Jazz – ein Stück weiter westlich gerade geboren wurde. Jenseits dieser große biografischen Differenz habe die beiden offenbar so viel miteinander gemeinsam, dass sie seit mehr als einem Jahrzehnt immer wieder als Duo arbeiten und jetzt ihr zweites gemeinsames Album eingespielt haben. Das erste, „Free and Tremendous“, entstand als Live-Mitschnitt eines recht spontanen Konzerts in Leipzig. Für ihr zweites Album sind sie mit eigens angefertigten Kompositionen ins Studio gegangen. Dennoch spielt auch diesmal im Titel „Freies Geröll“ die Freiheit wieder eine wichtige Rolle.

Durch Sachses Veröffentlichungs-Biografie zieht sich ein Hang zu Blechbläsern. Er hat mit Posaunisten wie Albert Mangelsdorff, George Lewis und Paul Rutherford gearbeitet, es gab das erstaunliche Quartett „Doppelmoppel“ mit dem Gitarristen-Kollegen Uwe Kropinski und den Posaunisten Konrad Bauer und dessen Bruder Johannes. Und vergessen wir nicht den großen Spaß eines Jimi-Hendrix-Hommage-Albums mit Pinguin Moschner an der Tuba.

Das Album:

Joe Sachse, Nils Wogram: Freies Geröll. nWog Records / Edel.

Jenseits der Materialität der Instrumente aber ist ein tiefer gegenseitiger Respekt konstitutiv für die Zusammenarbeit. „Er ist“, sagt Nils Wogram über Joe Sachse „im besten Sinne ein Unikat. Was er macht, ist sehr eigen und sehr originell, und es klingt immer nach Gitarre, nie nach Effekten.“ Sachse selbst beschreibt seine Auffassung von improvisierter Musik als lebendigen Widerspruch: „Ich liebe es, frei zu spielen, aber ich lege auch großen Wert auf das Konventionelle und das Handwerk. Das haben wir gemeinsam.“

Das Material, das sie für ihr neues Album gesammelt und geschrieben haben, bildet also eine Art Geröll, das sich immer ein bisschen bewegt und durch das und über das hinweg sie ihre Wege finden – mit großem Geschick, mit der zweifachen Erfahrung eines musikalischen Lebens mit der Jazz-gestützten Improvisation, ohne vorgegebene Leitplanken.

Beide fühlen sich dem jeweiligen Instrumentalklang, dem Beherrschen des klassischen Handwerks, dem Puls und dem Melos verpflichtet. Spieltechnische Eigenwilligkeiten und Eskapaden, die beide in Fülle beherrschen und anwenden, sind nie Show-Einlagen oder Selbstzweck, alles geschieht für den Klang. Beide verfügen über anvancierte Personalstile, die keine Beschränkungen auferlegen: Beide können einfach alles spielen, was sie spielen wollen, und immer auf ganz eigene Weise.

Irgendetwas, was beide gemeinsam haben, hat dazu geführt, dass über dem Album etwas wie ein alter Märchenduft schwebt – vage, oft kaum wahrnehmbar, aber fast immer präsent: der Blues. Eine Erinnerung daran, wie alles anfing, in der DDR und weiter westlich.

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