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„Niemandsland des sozialen Lebens“

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Das „tote Gehäuse der Schwerindustrie“, so Stadtforscher Mike Davies: Ruinen der Autoindustrie in Detroit.
Das „tote Gehäuse der Schwerindustrie“, so Stadtforscher Mike Davies: Ruinen der Autoindustrie in Detroit. © AFP

Von Detroit bis Pittsburgh: Den Abstieg der urbanen Regionen des amerikanischen „Rust Belt“ haben Stadtforscher schon vor Jahrzehnten erwartet.

Von Reinhart Wustlich

Als der Schriftsteller John Steinbeck sich 1960 auf einer langen Reise durch die Staaten den Wunsch erfüllte, eine ganz persönliche „Suche nach Amerika“ zu unternehmen, führten ihn die ersten Etappen an der Atlantikküste entlang nach Neu-England und Maine. Und danach, am Sankt-Lorenz-Strom und den Großen Seen entlang – in den Mittleren Westen. Unterwegs in einem komfortablen „Mobile home“ (Rosinante genannt, nach dem berühmten Klepper des Don Quijote), ganz auf sich gestellt, nur von seinem Hund Charley begleitet, ließ er sich auf den damals neu aufkommenden Lebensstil vieler Amerikaner ein, die begannen, die Ungewissheit der Arbeitsverhältnisse mit Mobilität zu beantworten.

In besagtem Jahr, notierte Steinbeck, „sei jede vierte neue Wohneinheit im ganzen Land ein ,Mobile home‘ gewesen“. Ergebnis einer überaus pragmatischen Grundeinstellung, die lautete: „Wenn ein Werk oder eine Fabrik schließt, sitzt man nicht mit einem unverkäuflichen Eigentum da. Angenommen, ein Familienvater hat einen Job und baut sich ein Haus, und dann wird er entlassen. Das Haus verliert rasch an Wert.“

Die elegischen Industrielandschaften des Mittleren Westens, als Rust Belt der Vergessenen weiterhin in aller Munde, vermittelten auf Steinbecks Tour de force eine andere Atmosphäre. Zwar waren auf den Routen zwischen den Industriezentren bereits zahlreiche dieser „Mobile homes“ unterwegs, Vorzeichen des einsetzenden Umbruchs. Doch Steinbecks unmittelbare Eindrücke auf den Straßen, in Städten wie Youngstown (Ohio), in der Nähe des Stahlzentrums Pittsburgh (Pennsylvania), in Cleveland und Toledo (Ohio) – an die südlich die Kohlereviere der Appalachen angrenzten („Trump digs coal“, Trump setzt auf die Kohle) – in Detroit (Michigan), in Pontiac (Michigan), South Bend und Gary (Indiana), dann in Chicago (Illinois) waren eher überwältigend.

Zunächst konstatierte er die „enorme Bevölkerungszunahme“ seit seinem letzten Besuch. Aus Dörfern waren Städte geworden, und Städte waren zu Großstädten angewachsen. „Der nächste Eindruck war der einer Art elektrischer Energie, einer Kraft, ja geradezu eines Kraftstroms von Vitalität, der so mächtig war, dass er geradezu betäubend wirkte. Gleich ob aufs Gute oder aufs Böse gerichtet, die Vitalität war überall.“ Steinbeck, ergriffen von den „großen bienenstockartigen Industriezonen“, mit allen Sinnen und Gedanken „frappiert von den riesigen Ausmaßen und der gewaltigen Energie dieser Produktion“, nahm deren Erscheinungsbild als ein kompliziertes Gewirr auf, das „zwar chaotisch aussah, es aber nicht sein kann“.

Raubbau an menschlichen Ressourcen

Und doch war die Struktur der Energie- und Stahllandschaft des damaligen „Manufacturing Belt“, dieses bis in die Mitte der 1970er Jahre vermeintlich so starke industrielle Kraftzentrum Amerikas, in seiner DNA bereits auf späteren Verfall programmiert. Nicht nur durch die Spätfolgen der Globalisierung, sondern bereits durch den kräftezehrenden Grundwiderspruch von technischer Struktur und Stadtstruktur, vom nicht zu heilenden Raubbau an menschlichen, materiellen und natürlichen Ressourcen.

Zwar wurden die überformenden Kräfte der Globalisierung während der jüngsten Präsidentschaftswahlen in Amerika als Verursacher der Misere von Land und Leuten ausgegeben. Aber der Abstieg der klassischen Industrieregionen und der Arbeiter begann fünfzig Jahre zuvor. Detroit, das war 1967, als Constantinos Doxiadis’ Plan für die Urban Detroit Area (UDA) scheiterte. Youngstown, das war 1995 als Bruce Springsteens Ballade „Youngstown“ so legendär war wie Herbert Grönemeyers Vorläufer, das „Bochum – Tief im Westen“ (1984): „Du bist keine Schönheit – vor Arbeit ganz grau – liebst dich ohne Schminke“ – eine Ansage, die schon auf die jahrzehntelange Verwaltung des Mangels im Ruhr-Revier hindeutete.

Noch während sich John Steinbeck von der Vitalität des industriell überformten Raumes beeindrucken ließ, wenngleich mit dem ungewissen Gespür des Guten wie des Bösen, stellte sich für einen anderen Beobachter, den großen Stadttheoretiker Lewis Mumford („Die Stadt“), die Lage 1961 dramatisch anders dar: „In der neuen Welt wurden noch 1906 (Gary, Indiana) Städte gebaut, bei denen man nur auf den Standort der Industriewerke Rücksicht nahm und sonst auf gar nichts.“ Auch noch spätere Industrieanlagen, beispielsweise in Detroit, so Mumford, haben nichts aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt: „Hat nicht Henry Ford erklärt, Geschichte sei Humbug?“

Es könnte ein Diktum Donald Trumps sein. So standen die Fabriken, die gemäß modernster Erfahrungen der Ingenieurskunst errichtetet wurden, laut Mumfords schonungsloser Bestandsaufnahme, „inmitten eines städtischen Chaos – klassische Beispiele städtischer Desorganisation und technischer Unfähigkeit“. Das Zeitalter, das sich seiner maschinellen Triumphe und seiner wissenschaftlichen Weitsicht rühmte, so Mumford, „überließ seine gesellschaftliche Entwicklung dem Zufall, als ob sich die wissenschaftliche Geisteshaltung an den Maschinen erschöpft hätte und sie nicht mehr fähig wäre, mit der menschlichen Wirklichkeit fertig zu werden.“

Schritt halten mit der Baulust

Die gesellschaftliche Entwicklung, auf Resträume der Industrialisierung verwiesen, dort dem Zufall überlassen, war über Jahrzehnte wesentlich durch Immigration geprägt. Denn hart, wie die Bedingungen waren, wirkten sie dennoch auf das ferne Europa wie Magnete – für billige Arbeitskraft-Ressourcen aus Irland, Deutschland, Österreich oder Polen.

Erich Mendelsohn (Bildband „Amerika“), deutscher Architekt, kommentierte auf einer Reise in den 1920er Jahren seine Detroiter Beobachtungen: „Hochhäuser, plötzlich aufgerichtet, isoliert, ohne Mitwissen, ohne Teilnahme ihrer Nachbarn. Wirrwar-Kolosse, wo eine zügige Hand Massen zusammenhangsvoll, donnernd hochwälzen könnte. Detroit rotiert, hat sich in vier Jahren vervierfacht. Unmöglich also, auch nur entfernt Ordnung zu erwarten. Schritt halten mit der Baulust ist hier die Hauptsache. Büros von 300 Architekten, Ingenieuren, Kaufleuten und Mechanikern, – 100 allein für Ford – organisiert wie er (Ford) selbst.“

Lewis Mumford nannte das Ergebnis „ein Niemandsland des sozialen Lebens“: „Diese neuen Städte waren größtenteils nicht nur außerstande, Kunst, Wissenschaft oder Kultur hervorzubringen; sie vermochten diese zunächst nicht einmal aus älteren Städten zu importieren“.

Der Stadtforscher Mike Davis nutzte 1990 die Folie der vom Manufacturing Belt zum Rust Belt gewandelten, aufgegebenen Zonen für seine Reportage „City of Quartz“, um die alternative, kleinteilige Wandlung in den alten Industriebereichen von Los Angeles zu beschreiben: „Anders als in Detroit oder Youngstown wurde der herrenlose industrielle Kern von L.A. nicht einfach aufgegeben. Fast genauso schnell, wie die großen Konzerne ihre Werke in L.A. schlossen, waren lokale Kapitalisten zur Stelle, um die billige Pacht, die Steueranreize und die reichlich vorhandenen mexikanischen Arbeitsimmigranten im Südosten für sich zu nutzen. Im toten Gehäuse der Schwerindustrie entstand eine neue Sweatshop-Ökonomie.“

Polizeiliche Willkür, schwarze Militanz, ökonomische Ungleichheit

Wie sollte sich in Detroit, der Metropole im unendlichen „Niemandsland des sozialen Lebens“, in einer Region des „shit job“ und des „miserable life“, in dem die gesellschaftliche Entwicklung dem Zufall überantwortet worden war, ein neues Gemeinwesen bilden? Reichte für Detroit das geduldige Klein-Klein des strukturellen Stadtumbaus – wie später in Los Angeles? Oder ging im Lande Fords nur das Groß-Groß? Bereits 1965 beginnend, legte ein von der Detroit Edison Company beauftragtes städtebauliches Gutachten, der als langfristige Perspektive konzipierte Doxiadis Plan für die Urban Detroit Area (UDA), kaum verhüllt nahe, die industriellen Kerne der alten Metropole und die benachbarten Areale aufzugeben und die neue Stadt selbst nordöstlich der City, zwischen Lake St. Clair und Lake Huron neu aufzubauen. Doch in der Mitte des planerischen und politischen Konzeptionsprozesses erlebte Detroit die „Major Riots“ von 1967, tagelange, gewaltsame Unruhen, die sich an den aufgestauten politischen, ökonomischen und sozialen Spannungen entluden. Polizeiliche Willkür, schwarze Militanz, ökonomische Ungleichheit und rapide Ghettobildung in den Nachbarschaften der Stadt wurden als Ursachen genannt. Sie waren zugleich das „Waterloo für Doxiadis“ (Lefteris Theodosis).

Die Stadt, die in den 1950er Jahren mit 1,85 Mio. Einwohnern ihre größte Bevölkerungszahl erreicht hatte, erlitt so massive Abwanderungsverluste, dass die Zahl bis 2000 unter eine Million sank. Und sich bis 2015 weiter auf 675 000 reduzierte, nachdem Detroit 2013 Insolvenz hatte anmelden müssen. Leerstände, Verwüstung der Bausubstanz, Brände in Stadtquartieren, Abriss auf großen Flächen prägten das Bild der Stadt. Der gesamte „Rust Belt“, bezogen auf die Städte Cleveland, Detroit, Buffalo und Pittsburgh hatte zwischen 1970 und 2006 fünfundvierzig Prozent seiner Bevölkerung verloren. In Cleveland und Detroit büßten die privaten Haushalte um die dreißig Prozent ihrer Einkommen ein. Vor dem Hintergrund dieses jahrzehntelangen Abstiegs war es eher erstaunlich, dass der „Rust Belt“ als Hochburg der Demokraten, als blaue Barriere, so lange durchhalten konnte.

John Steinbeck konnte 1960, in der guten alten Zeit, nach der Durchquerung des Manufacturing Belt auf Wisconsin zuhalten, weiterhin auf der „Suche nach Amerika“: „Das Land“, konnte er noch staunen, „troff vor Reichtum“. 1995 sang Bruce Springsteen in Youngstown („Well daddy worked the furnaces – Kept ‚em hotter than hell“): Nun, mein Vater arbeitete an den Öfen, hielt sie heißer als die Hölle. „The story’s always the same – Seven hundred tons of metal a day – Now sir you tell me the world’s changed – Once I made you rich enough – Rich enough to forget my name.“ Die Geschichte ist immer dieselbe. 700 Tonnen Eisen am Tag. Sie sagen, Sir, dass sich die Welt verändert hat. Damals machte ich Sie reich genug, um meinen Namen zu vergessen.

Wie auch immer es ausgehen wird bei den jetzt zum Teil angefochtenen Stimmenauszählungen: 2016 gewann Donald Trump in Pennsylvania mit einem Vorsprung von gerade 75 000 Stimmen, in Michigan hauchdünn mit 11 500, in Wisconsin mit 73 000 Stimmen. Illinois (mit der demokratischen Bastion Chicago) ging mit einem Vorsprung von 855 000 Stimmen an Hillary Clinton, Ohio mit 460.000 und Indiana mit 523 000 an Donald Trump.

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