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Ein Mantra mit Problempotenzial: Muss der Zweifelnde auch an eigenen Zweifeln zweifeln?

CCC-Kongress

Niemals mit dem Zweifeln aufhören

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Seit Mittwoch tagt die Hackerszene in Leipzig - sie sorgt sich um den Datenschutz und die Freiheit im Internet. Auch Edward Snowden schaltet sich als Sprecher zu.

Wie verknotete Wurzelstränge liegen die unzähligen Kabelhaufen auf den Tischen. Stecker, Adapter, Laptops, Lötkolben, Schalter, Platinen, dazwischen angeknabberte Brote, Chips, aufgerissene Schokokekspackungen, leere Club-Mate-Flaschen und Sandwichtoaster. Vor den unzähligen Tischreihen beugen viele Männer mit langen Bärten und in Kapuzenpullovern ihre Köpfe über die Tastaturen. Das Licht ist gedämpft, an einigen Tischen blinken Lämpchen, rattern Geräte und ruckelt ein Bass, grinst ein überdimensionaler Pacman. Nur wenige Frauen sind dabei.

Es surrt und fiept, wohin man auch hört. Stimmengewirr hallt durch die Halle, hoch oben an der Decke werden per Druckluft kleine Plastikkapseln als Rohrpost ans andere Ende der Halle gepresst. Seidenstraße heißt das Rohrgebilde hier auf dem Chaos Communication Congress – kurz CCC – in Leipzig. Eine Anspielung auf die Darknet-Plattform „Silk Road“, auf der im Internet Drogen und Waffen angeboten wurden.

Rund 15.000 Besucher sind in diesem Jahr auf dem 34. Chaos Communication Congress (34c3), dem größten Hackertreff Europas. Hier begegnen sich Computerfreaks und Netzaktivisten, Technikfans und Digitalexperten, IT-Spezialisten und Bürgerrechtler.

CCC will staatliches Handeln transparent machen

Das Publikum ist jung. „Abitur 2017“, steht auf den Pulli eines jungen Mannes. Hier kommt vor allem die Generation zusammen, die nicht nur mit dem Netz aufgewachsen ist, sondern es erschafft, lebt, weiterentwickelt und schützen will. Die nächste Generation krabbelt schon im Kinderspace unter Planeten, düst mit getunten Bobbycars um die Wette oder lernt bei „Jugend hackt“ programmieren. Viel Aufwand hat der CCC betrieben, um die sterilen Messehallen in Leipzig für die Szene gemütlich zu gestalten. Die Location erinnert optisch an eine Mischung aus Elektrofestival und Raumschiff-Schaltzentrale.

Manche Gäste liegen eingekuschelt auf Matratzen und beobachten Metalltier-Roboter, die dem letzten Mad Max entsprungen sein könnten, der Kinderwagen steht daneben. Andere schlafen kurzerhand samt Rechner auf dem Schoss auf einem der Sofas ein. Nachts liegen die Erwachsenen im Bällebad und in den Hängematten und schlafen sich aus. Der Kongress schließt nicht, manche Teilnehmer bleiben rund um die Uhr in den Hallen – von Mittwoch bis Samstag.

Denn es gibt eine wichtige Mission. Der Kongress dreht sich vor allem um die Themen IT-Sicherheit und Datenschutz. Der CCC will staatliches Handeln transparent machen – so wie kürzlich, als die IT-Experten Fehler in der Wahlsoftware zur Bundestagswahl entdeckten. Sie wollen auch auf die Gefahren von Überwachung und Kontrolle aufmerksam machen – und ihre Daten und die Freiheit zur Selbstentfaltung im Netz schützen.

Edward Snowden auf der Leinwand

Und so gehört auch Edward Snowden zu den Sprechern in diesen Tagen. Wer am Donnerstagabend in die Borghalle kam, war froh, einen Platz zu ergattern. Kurze Zeit später lächelte der ehemalige US-Geheimdienstmitarbeiter von der Leinwand und bat um Unterstützung für die Menschen, die ihn 2013 in Hongkong versteckten. Er fand bei der Familie Unterschlupf, nachdem er 2013 mit seinen Enthüllungen tiefe Einblicke in die weltweiten Überwachungs- und Spionagepraktiken von Geheimdiensten gab.

Die Familie werde bestraft und lebe in Armut, sagte Snowden. Staatliche Unterstützung sei ihnen gestrichen worden, die Wohnung hätten sie verloren. „Diese Familie braucht unsere Hilfe. Das sind die besten Menschen, die ich je getroffen habe. Sie haben alles riskiert, obwohl sie mich nicht kannten“, so Snowden. Er appellierte an die Hacker des Kongresses, niemals mit dem Zweifeln aufzuhören. Dieses Jahr habe gezeigt, wie wichtig das sei.

„Wir müssen daran zweifeln, dass das System so funktioniert, wie uns erzählt wird. Niemand kann das besser als ihr“, sagte Snowden, „weil ein Hacker jemand ist, der zweifelt.“

Peter Schaar, ehemaliger Bundesbeauftragter für Datenschutz und Informationsfreiheit, übte deutliche Kritik an den verabschiedeten Sicherheitspaketen und Forderungen der großen Koalition: Ausweitung der Vorratsdatenspeicherung, intelligente Videoüberwachung, Erfassung von Reisebewegungen oder die Ausweitung von DNA-Analysen. Man brauche berechtigte Sicherheitspakete, aber die Freiheit zur individuellen Entfaltung müsse gewährleistet bleiben, betonte Schaar. Gesetze schafften nicht mehr Sicherheit. Man müsse genau schauen, was wirklich effektiv zur Terrorismusabwehr getan werden kann, so Schaar.

Dabei sind es gar nicht allein die Sprecher, die das IT-Event ausmachen, sondern vor allem die Besucher selbst, wie zum Beispiel der Chaos-Treff C3RE aus Recklinghausen. Die knapp 30 Mitglieder tüfteln mit Licht. Draußen scheint an diesem Freitagmittag die Sonne, hier in der Halle ist es finster. Eine große Ampel liegt auf den Tischen, die Farbe wechselt. Die Gruppe hat die Ampel auseinander- und Leuchtdioden hineingebaut. Das sei viel günstiger, erklärt Stephan von C3RE.

Einmal in der Woche treffen sich die Mitglieder in ihrer „Hackerhütte“ wie sie ihren Hackerspace im Ruhrpott nennen und werkeln, löten, basteln. Die Gruppe ist zum zweiten Mal auf dem Kongress. „Eine verrückte Welt ist das hier. Ein Ausbruch aus dem Alltag“, sagt Stephan. Manche Nerds sehen in diesen Tagen kein einziges Mal das Tageslicht.

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