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Jede Generation wandert auf ihre Weise durch Hölle und Himmel, Dante tat es vor 700 Jahren.
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Jede Generation wandert auf ihre Weise durch Hölle und Himmel, Dante tat es vor 700 Jahren.

Dante

Nichts vergeht

Nicht Liebe, nicht Leid und keine große Literatur. Von Dantes „Commedia“ gibt es jetzt zwei neue Übersetzungen.

Von Dirk Pilz

Nicht Liebe, nicht Leid und keine große Literatur. Von Dantes „Commedia“ gibt es jetzt zwei neue Übersetzungen.

Es ist knapp 700 Jahre her, dass Dante Alighieri seine „Commedia“ abgeschlossen hat, jenes Weltbuch, das seit dem 16. Jahrhundert „Divina Commedia“, die „Göttliche Komödie“ genannt wird. Es ist über dieses Buch viel gerätselt und noch mehr vermutet worden. Dass Dante, der 1265 in Florenz geborene, hochrangige Politiker seiner Heimatstadt, es 1307 im Exil zu schreiben begonnen hatte, wo er sich nach einer Machtverschiebung zugunsten der papstfreundlichen Schwarzen Guelfen seit 1302 aufhielt, also in fremder, wahrscheinlich oberitalienischer Umgebung, hat oft Anlass gegeben, in der „Commedia“ nach biografischen Spuren zu suchen.

Man findet sie, aber man weiß damit wenig, weil der Kurzschluss vom Leben aufs Werk im besten Falle einiges über Dante, aber nichts Wesentliches über die „Commedia“ aussagt. Und dass Dante an der Seite des römischen Großdichters Vergil, später auch Statius’, durch die jenseitigen Welten von Inferno, Purgatorio und Paradiso reist, ließ Unmengen an philosophisch-theologischen Feindeutungen entstehen.

Dantologie

Inzwischen hat die Geistesgeschichte ein beeindruckendes Hochgebirge an Zweit- und Drittliteratur errichtet, genügend Forschungsstoff, um problemlos einen Studiengang namens Dantologie einrichten zu können. Für deutschsprachige Anwärter wäre im Nebenfach dringend die dantologische Übersetzungswissenschaft zu empfehlen, schließlich hat es die „Commedia“ auf inzwischen gut 80 Übertragungen ins Deutsche gebracht; spätestens seit der Romantik wird ohn’ Unterlass Dantes Jenseitsreise verdeutscht. Jede Generation ist auf ihre Weise durch Hölle, über den Läuterungsberg und ins Paradies gewandert. Das hat sich bis heute nicht geändert

Vor zwei Jahren bereits erschien in italienisch-deutscher Ausgabe der erste Band (Inferno) einer Prosaübersetzung des Trierer Romanisten Hartmut Köhler, der zweite (Purgatorio) folgte im vergangenen Frühjahr, auf das „Paradies“ darf man sich im April freuen. Jetzt liegt daneben die Übertragung des Philosophiehistorikers und Mittelalterspezialisten Kurt Flasch vor, in zwei großformatigen, herrlich gestalteten Bänden. Der schmalere von beiden, für Flasch aber offenkundig wichtigere ist eine „Einladung, Dante zu lesen“, ein Buch nicht für Kenner, sondern für „Dante-Freunde und solche, die prüfen, ob sie es werden wollen“, wie es im ersten, programmatischen Satz heißt.

Liebe als Passion

Es ist viel zu lernen aus dieser „Einladung“, über Dantes Sprache und seine Beziehung zu Boccaccio, über sein Frauen- und Gottesbild, die Rezeptions- und Übersetzungsgeschichte. Wer noch kein Dante-Freund war, hat beste Aussichten, es nach der Lektüre zu sein. Denn so voraussetzungsreich und anspielungsdicht die „Commedia“ auch sein mag, für Flasch zeigt sie immer „die großen Realitäten, die unser Leben bestimmen“, und zu diesen „Weltmächten“ gehöre vor allem die „Liebe als Passion“. So ist es.

Merkwürdigerweise ist Flaschs Übersetzung aber wie von Trockenstaub überzogen, obwohl sie betont geradlinig, ungeschönt sein will (merda ist bei ihm, was es dem Worte nach meint: Scheiße). Gerade im Vergleich zu Hartmut Köhlers Übertragung wirkt sie papiern, seltsam seelenlos.

Anderes sprachliches Klima

Es ist der Ton, das sprachliche Klima, das den Unterschied macht, an semantischen Nuancen zu erkennen. Im Fünften Gesang der Hölle etwa ist zu erfahren, dass Dante mit seinem Begleiter Vergil vom ersten in den zweiten Kreis hinuntersteigt; dort treffen sie auf den knurrenden Minos, orribilmente nennt Dante ihn. Flasch übersetzt mit „grauenhaft“, Köhler liest „schauerlich“. Dante schaut nun zu, wie die verdammten Seelen herbeischreiten, an einem Ort, wo es laut Köhler „braust wie Meer bei Gewitter, wenn widrige Winde toben“, während Flasch ein „dumpf brüllendes“ Meer hört, „das widerstreitende Stürme zerreißen“.

Der „große Achilles“ tritt auf, der bei Flasch am Ende seines Lebens schlicht „aus Liebe kämpfte und verlor“, während er sich bei Köhler, weitaus dramatischer, „am Ende bei der Liebe verkämpfte“. Lauter Schatten sieht der Erzähler, „die alle durch Liebe aus unserem Leben gerissen wurden“ (Köhler). Mitleid überkommt ihn, „ich geriet wie außer mir“ berichtet er bei Flasch, „ich war wie von Sinnen“ lässt Köhler ihn sagen. Und wenn danach Francesca auftritt, die ihren Liebsten verlor, aber nicht aufhören will und kann, ihn zu lieben, ist bei Köhler die Liebe eine Macht, die sich im Herzen „verfängt“, bei Flasch etwas, das ein Herz „erfasst“.

Köhler spielt mit Dantes Text

Immer wählt Köhler die sinnenvollere, gleichsam Leib und Seele umfassendere Übersetzungsvariante; er lässt den Versen ihre innere Dramatik, eine Kopf und Herz erfassende Aufgewühltheit, die einem gleichzeitig sehr nahegeht und doch Distanz schafft. Sein Umgang mit dem Text ist von einer spielerischen Natur, die darum weiß, dass sich der historische Abstand nicht einholen lässt, ohne fürchten zu müssen, dass Dichtung damit an Vielstimmigkeit verlieren würde.

Dieses Nähe-Ferne-Spiel erstreckt sich bis in die oft mit leiser Ironie verfassten, ausgiebigen Fußnotenkommentare; zu Cerberus etwa vergisst Köhler nicht anzumerken, dass es ein weltweit tätiges Fonds-Management-Unternehmen gibt, „das mit seiner Namenswahl offenkundig anzeigen will, dass es sich als besonders 'gefräßig' versteht“. Auch nicht die Black-Metal-Gruppe gleichen Namens aus Solingen.

Liebe als Begriff

Flaschs Übersetzung mag klarer sein, aber die „Commedia“ verliert bei ihm an sprachlicher Schönheit und sinnlicher Fülle. Sie liest sich wie ein bloßer Kommentar, als hätte man es mit Dantes „Convivio“, seiner philosophischen Erörterung eigener Kanzonen zu tun, die Dante noch vor der „Commedia“ im Exil geschrieben hat. Für Flasch ist alles erklärbar, als ließe sich der Zauber des Dichtwerks in historischen und semantischen Verweisen einfangen. Es ist fast, als wolle er seinen Dante überholen, ohne ihn einzuholen. Schönheit ist hier lediglich ein Name, Liebe nichts als ein Begriff, Leiden nur ein Lexikoneintrag – und Literatur kaum mehr als Geistesgeschichte in Versform.

Dantes Reise durch Hölle und Himmel beweist das Gegenteil: Nichts vergeht, nichts lässt sich wegerklären, nicht die Liebe, nicht das Leid, nicht die Literatur. Immer bleibt etwas, das sich dem Kopf und den Begriffen entzieht.

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