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Nicht gerade Architektur

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In Hundertwassers Essener "Ronald McDonald Haus" (mit Mitteln der McDonald?s Kinderhilfe erbaut) wohnen Bäume und Menschen.
In Hundertwassers Essener "Ronald McDonald Haus" (mit Mitteln der McDonald?s Kinderhilfe erbaut) wohnen Bäume und Menschen. © DAM

Die schiefe Welt des Friedensreich Hundertwasser im Deutschen Architektur Museum in Frankfurt

Von SILKE HOHMANN

Im Roman Menschenflug von Hans-Ulrich Treichel musste ein herzkranker verzweifelter Mann auf Reisen unerwartet in Norddeutschland umsteigen, und es war keine Freude. Die Unterführung glich einem Höhlengang, es gab tropfende, krumme Wände, und Gras wuchs in den Nischen. Der angeschlagene Protagonist erriet, hier sei wohl seit dem Krieg nichts mehr gemacht worden - auch der Fußboden war so krumm, dass er selbst "ins Schwanken geriet".

Nach der Theorie des Friedensreich Hundertwasser hätte es dem Kranken augenblicklich besser gehen müssen, so außerhalb der Diktatur der Lotrechten. "Die gerade Linie ist ein wahres Werkzeug des Teufels", schrieb er in einem Kommentar zur von ihm dekorierten Kirche St. Barbara in Österreich, der er ein fleckiges, durchhängendes Dach verpasste, Säulen ohne tragende Funktion, naiv-figurative Elemente aus allen Weltreligionen und den obligatorisch goldenen Zwiebelturm. Denn auf dem Glatten, so Hundertwasser, rutschten immerzu alle aus, "auch der liebe Gott fällt hin".

Behübscher Hundertwasser versus Vereinigung der Verhässlicher

Das Deutsche Architektur Museum (DAM) wäre demnach eine einzige Gefahrenzone. Hundertwasser selbst verließ das von O. M. Ungers auf dem Prinzip des Quadrates aufgebaute DAM seinerzeit wutschnaubend. Jetzt, fast sechs Jahre nach seinem Tod, ist sein Œuvre ins Haus des Rechten Winkels eingekehrt. Zum Ende der Amtszeit der Direktorin Ingeborg Flagge hat Friedensreich Hundertwasser eine Ausstellung im Deutschen Architektur Museum. Und das ist kein Ort, an dem ihn Architekten gerne sehen, weiß Gott nicht.

Gewiss waren seine von der Malerei inspirierten Werke "als Architektur gemeint", so Matthias Sauerbruch vom Architekturbüro Sauerbruch & Hutton in einer vorzüglichen Interview-Dokumentation, die als die einzige kritische Auseinandersetzung mit Hundertwassers Werk in der Ausstellung bezeichnet werden kann. Als Architektur gemeint ist aber noch lange nicht Architektur, im Gegenteil, will das heißen. Und tatsächlich ist die tiefe Ablehnung, mit der die Fachleute und Hundertwasser einander gegenüber traten, keineswegs nur dem Dünkel der allzu grüblerischen, sinnenfeindlichen Herren Architekten geschuldet. Vielmehr brauchte und provozierte Hundertwasser den tiefen, plakativen Graben zwischen denen mit dem Lineal und seiner Person, dem Menschenfreund.

So machte er den Vorwurf, ein "Behübscher" zu sein, kurzerhand selbstbewusst zum Prädikat - jawohl, ich, Friedensreich Hundertwasser, der Behübscher! Womit seine Gegner indirekt zu Verhässlichern wurden - bittesehr, sie hatten es ja selbst gesagt. Hundertwassers geschicktes Selbstmarketing ist legendär. Er hat auch deshalb so viel Ablehnung und Ausgrenzung hervor gerufen, weil er die Institutionen und ihre Urteils-Hoheit nicht anerkannte. Er brauchte sie einfach nicht. Schaffte er es mit seiner Architekturtheorie doch ohne Umweg durchs Museum direkt in die Massenmedien - zum Beispiel, weil er sie nackt vortrug. Seither beißt sich die Architektenschaft an der Vorhaltung die Zähne aus, ein Hundertwasser-Haus werde von den Menschen gemocht, wohingegen ein noch so konsequent durchgeführter Konstruktions-Ethos dagegen nie und niemals mit einem Lächeln belohnt werde.

Mein Freund, der Baum: Zwangsehe in bester Wohnlage

Die Ausstellung besteht aus sechs großen Modellen, des Hundertwasser-Hauses in Wien von 1986 zum Beispiel, seinem ersten Bauwerk. Es sind keine branchenüblichen Modelle, die eine Grundidee wiedergeben und auf Details verzichten. Das würde nicht gehen, denn die Details sind bereits die Grundidee. Es sind die bunt geränderten Fenster, funkelnden Steinchen, aus den Fenstern wachsenden Bäume, die ganzen Kleinigkeiten, die zum Wiedererkennen seiner Architektur nötig sind. Darum müssen Hundertwasser-Modelle eine fest verklebte Welt sein in dem einmal gefassten und nie wieder losgelassenen, starren Schema "grenzenloser Phantasie", die keine eigenen assoziativen Leistungen zulässt, genau so wenig wie seine Gebäude es tun.

Hundertwasser wollte Mitbestimmung für die Menschen, sofern sie Komplizen waren. Im "Fensterrecht" erließ er, jeder Bewohner dürfe seine Außenwand aus seinem Fenster heraus, so weit sein Arm reiche, selbst rosa anmalen. "Damit auch von der Straße aus sichtbar wird: Hier wohnt ein Mensch!" Aber wer denn auch sonst, könnte man fragen. Doch bei Hundertwasser hätte es halt ebenso gut ein Baum sein können. Sein fest auf Wohnflächen verpflanzter "Baummieter" ist nur eine der vielen Ideen zum Nachweis ökologischer Kompetenz, allerdings aus Sicht des Freundes Baum gewiss die ungüngstigste.

Vielleicht hätte man ihn, den beherzten Kunstgewerbler, einfach bauen lassen, wenn er etwas davon verstanden hätte. Doch Hundertwasser-Bauten sind, sofern sie von ihm selbst geplant wurden, qualitativ bestenfalls bescheiden zu nennen. So ist es kein Zufall, dass kein einziger Grundriss in der Ausstellung zu sehen ist und Innenansichten aus seinen Wohnprojekten fehlen. All die kleinen krummen Fenster, tanzten sie von außen betrachtet auch noch so antihierarchisch und lustig durcheinander, lassen eben verflucht wenig Licht in die Bude, wo dann der Mensch sitzen muss, neben einer im Mietpreis enthaltenen klumpigen Säule aus Keramik. Hundertwasserwohnen mag außen spektakulär sein, innen haust das Schuhschachtel-Grauen von Suburbia. Wer einmal in einer Hundertwasserwohnung wie der Darmstädter Waldspirale stand, weiß das.

Die Lächler, die Bewunderer, die täglich den Reisebussen entsteigen, sie wissen es nicht. Sie lächeln, weil sie etwas wiedererkennen. Etwas, das sie auf Postkarten gesehen haben. Das ist der Sinn von Reisebustouren, das Wiedererkennen von erlernten Motiven, und das ist der Grund, warum die Menschen lächeln, wenn sie vor einem Hundertwasser-Haus stehen - eine Art Feedback aus dem Souvenirkatalog in die Welt hinein und zurück. Sie haben es erkannt. In umgekehrter Reihenfolge - zuerst das seltsam geschwollene Haus gesehen zu haben und dann die Postkarte - hätte es sie tief verstört und verunsichert. So erging es dem Romanheld aus Treichels Menschenflug, der in die Ladenpassage flüchten musste, weil er fürchtet, von den schiefen tropfenden Wänden und den mutmaßlich darin hausenden Affen und Papageien körperlich beeinträchtigt zu werden. Am Postkartenständer fand er dann die Erklärung: "Hundertwasserbahnhof Uelzen".

Frankfurt, Deutsches Architektur Museum, bis 5. Februar, www.dam-online.de.

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