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In den historischen Räumen des Umsturzversuches vom 20. Juli 1944 beschäftigt sich die Dauerausstellung mit dem Kampf gegen die Nazi-Diktatur.
In den historischen Räumen des Umsturzversuches vom 20. Juli 1944 beschäftigt sich die Dauerausstellung mit dem Kampf gegen die Nazi-Diktatur. © dpa

Früher heikel, heute beflissen: Die neue Dauerausstellung in der Gedenkstätte zum Deutschen Widerstand im Berliner Bendlerblock soll luftig und einladend wirken.

Von Dirk Pilz

Es hat die nationalsozialistische Diktatur gegeben, weil es genügend Menschen gab, die sie stützten. Die Mehrheit gehörte zu den Tätern, zumindest zu den Mitläufer. Nur wenige waren zum Widerstand bereit, zwei bis drei Prozent der Deutschen, höchstens. Das vorweg.

Jahrzehntelang war das Thema deutscher Widerstand gegen das NS-Regime heikelstes Geschichtsgelände. Lange wurden die Widerstandstatsachen verdrängt, lange auch zentrale Figuren wie Claus Schenk Graf von Stauffenberg oder Georg Elser als Vaterlandsverräter diffamiert. Später wurden einzelne Widerständler glorifiziert, andere marginalisiert, immer im Streit darum, welchen Platz sie in der deutschen Erinnerungsgeschichte einnehmen sollen.

Zum dritten Mal überarbeitet

Das ist vorbei. Der deutsche Widerstand ist fester Bestandteil der Erinnerungsarbeit, längst auch der Lehr- und Unterrichtspläne. Die Dauerausstellung im Bendlerblock hat daran erheblichen Anteil. Seit 1968 ist sie an der Stauffenbergstraße eingerichtet, auch darüber wurde gestritten. Darf diese Schau ausgerechnet am Ort des Umsturzversuches vom 20. Juli 1944 beheimatet sein? Sollte sie es? Und welchen Platz muss in ihr der kommunistische Widerstand einnehmen? Eines der Lieblingsdebattenthemen in der alten Bundesrepublik, aber auch das ist gottlob vorbei.

Jetzt wurde diese Dauerausstellung von den Historikern Peter Steinbach und Johannes Tuchel zum dritten Mal überarbeitet. Seit 1989 hat es, abgesehen von einigen moderaten Änderungen, keinen Neuentwurf gegeben. Diesmal jedoch wurde grundlegend umgebaut, weniger inhaltlich, dafür räumlich. Im Zentrum stehen zwar weiterhin die früheren Dienstzimmer von Stauffenberg und seines Vorgesetzten, Generaloberst Friedrich Fromm. Aber es wurden niedrig abgehängte Decken rückgebaut, Wände durchbrochen, die Eingangsbereiche erweitert – alles soll luftig, fast heiter, in jedem Fall einladend wirken.

Die insgesamt 18 Ausstellungsräume auf 1400 Quadratmetern sind farblich voneinander abgesetzt, verbunden durch ein gedecktes Grau in den Gängen. Viele Spotlights, viele Touchscreens an den Wänden.

Der Historiker Ian Kershaw hat in seiner maßgeblichen Hitler-Biographie vor 14 Jahren Karl Marx zitiert: „Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber (...) nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.“ Das galt für Hitler, das galt auch für den Widerstand gegen seine Diktatur – und es gilt für diese neue Dauerausstellung. Prononcierter noch als ihre Vorgänger betont sie, dass es keinen einheitlichen Widerstand gegeben hat, weder weltanschaulich noch den jeweiligen Zielen und Hoffnungen nach. Widerstand zeigt sie „als Handlung des Einzelnen vor dem Hintergrund weitgehender gesellschaftlicher Anpassung“, wie es im Katalog heißt.

Also wurden hier vor allem Fotografien Einzelner samt Kurzbiographien an die Wände gehängt, daneben viele Dokumente, aber keine Gegenstände, kein Stauffenberg-Schreibtisch, kein Telefon, keine Uniform. Stattdessen wurde, wie schon zuvor, peinlich darauf geachtet, keinen Widerstandsaspekt auszulassen. Es gibt den Raum „Georg Elser und das Attentat vom 8. November 1939“ (Grundfarbe: hellgrün), einen zum „Widerstand von Künstlern und Intellektuellen“ (türkis), einen zum „Widerstand aus christlichem Glauben“ (hellblau). Es wird der Roten Kapelle und der Weißen Rose gedacht, an den Widerstand von Juden und aus der Arbeiterbewegung erinnert, alles mit gleichschwebender Achtsamkeit.

Nur Stauffenberg und dem Attentat vom 20. Juli 1944 wird eine gesonderte Aufmerksamkeit geschenkt, begreiflicherweise – eine Ausstellung im Bendlerblock ist einem der herausragenden Ereignisse dieses Ortes verpflichtet.

Zudem bildet dieses Widerstandsereignis nach wie vor einen Kristallisationspunkt in der Erinnerung. Zum 70. Jahrestag am 20. Juli 2014 spricht der Bundespräsident im Bendlerblock, zur Ausstellungseröffnung in der vergangenen Woche erschien die Kanzlerin. Es ist auch der Staatsöffentlichkeit wichtig, den deutschen Widerstand zu würdigen. Gut 3,8 Millionen Euro haben der Bund und das Land Berlin für den Umbau ausgegeben, 1,7 Millionen davon für die Überarbeitung der Ausstellung.

Ja, man erfährt viel hier. Und ja, der Widerstand wird in seiner sozialen, geistigen und politischen Breite abgebildet. Aber es sind doch viele, sehr viele Texte, die gelesen werden wollen.

Liest man sie, erfährt man oft nur Stichpunkte. Name reiht sich an Name, Datum an Datum, und weiter geht’s zum nächsten Touchscreen und zu weiteren Namen, Fingerzeigen. Konzeptionell ist diese auf Breitbandformat angelegte Ausstellung durchaus gelungen, pädagogisch in ihrem Versuch, an Einzelbiographien die Grenzen und Chancen von Widerstand generell aufzuweisen, auch. Aber ihr Aufzählungs-charakter, die beflissene Namens- und Textdichte bleibt nicht ohne Ermüdungseffekte – eine seltsame Begleiterscheinung für eine Schau, die sich mit dem Warnruf, wachsam zu bleiben, an jene Generationen richtet, die den direkten Erinnerungskontakt zum NS-Regime verloren haben.

Die auch heute noch brisante Frage der Rezeption des deutschen Widerstands in der alten Bundesrepublik und in der DDR wurde übrigens ausgeklammert. Sie soll aber, so versprechen die Ausstellungsmacher, künftig auf weiteren Flächen im Bendlerblock behandelt werden.

Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Bendlerblock, Berlin. www.gdw-berlin.de

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