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Blick auf die Comcast-Zentrale, Philadelphia.
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Blick auf die Comcast-Zentrale, Philadelphia.

Comcast und Netflix

Nicht besonders netzneutral

  • VonDaniel Haufler
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Kurze Meldung, weitreichende Folgen: Der größte Kabelnetzbetreiber der USA, der Medienkonzern Comcast, einigt sich mit Internet-Videoverleiher Netflix, damit dessen Filme künftig in konstant guter Qualität zu den Kunden gelangen können.

Kurze Meldung, weitreichende Folgen: Der größte Kabelnetzbetreiber der USA, der Medienkonzern Comcast, einigt sich mit Internet-Videoverleiher Netflix, damit dessen Filme künftig in konstant guter Qualität zu den Kunden gelangen können.

Es war eine unscheinbare kleine Meldung: Der größte Kabelnetzbetreiber der USA, der hier weitgehend unbekannte Medienkonzern Comcast, hat mit dem führenden US-amerikanischen Internet-Videoverleiher und Streamingdienst Netflix eine Vereinbarung getroffen, damit dessen Filme künftig in konstant guter Qualität zu den Kunden gelangen können. Die Details des Deals sind unbekannt, doch laut „New York Times“ zahlt der Streamingdienst an Comcast etliche Millionen Dollar für die „direktere Verbindung“. So wird das etwas wolkig in der Presseerklärung von Netflix genannt.

„Das Wasser im Keller des Internetindustrie“

Diese Vereinbarung stieß sofort auf heftige Kritik. Experten sahen darin das Gebot der Netzneutralität verletzt, das Internet-anbieter dazu verpflichten soll, sämtliche Datenpakete in gleicher Qualität und gleicher Geschwindigkeit zu transportieren, unabhängig von Absender, Empfänger, Größe und Inhalt. Konzerne wie Netflix oder Youtube dürften demnach nicht besser behandelt werden als kleine Organisationen. Tim Wu, New Yorker Rechtsprofessor und Erfinder des Begriffs „Netzneutralität“, fürchtet jedoch, dass der Netflix-Deal „das Wasser im Keller des Internetindustrie“ ist. Denn nun werde, so Wu, eine Flut solcher Vereinbarungen folgen – zum Schaden der Bürger.

Die Unternehmen behaupten zwar, dass Netflix-Daten nicht vorrangig behandelt würden, sondern lediglich statt anderer Provider – die auch schon bezahlt wurden – nun Comcast direkt den Transport übernimmt. Auf die Datenströme im Comcast-Netz habe das keinen Einfluss. Doch daran sind durchaus Zweifel angebracht, wenn man berücksichtigt, dass Kunden von Netflix in den vergangenen Monaten Schwierigkeiten beim Streamen ihrer Filme hatten.

Vor allem bei Comcast, aber auch bei anderen Kabelnetzbetreibern hatte sich das Tempo bei der Datenübertragung um mehr als 25 Prozent reduziert. Die Ursache dafür ist nicht ganz klar. Auf jeden Fall spielen zwei Faktoren eine wichtige Rolle: erstens die höhere Auflösung der Videos und zweitens die rapide steigende Zahl der Nutzer.

Netflix hatte großes Interesse daran, seinen Kunden wieder ein ruckelfreies Filmvergnügen zu verschaffen. Der Vertrag mit Comcast ergäbe daher nur dann wirklich einen Sinn, wenn die Videos daraufhin wieder ein wenig flotter transportiert würden – was wiederum zulasten anderer Datenpakete gehen müsste. Zumal der Streamingdienst schnell wächst und schon jetzt zu Spitzenzeiten etwa 30 Prozent des Downstream-Datenverkehrs in Nordamerika verursacht.

Das Geschäft zwischen Netflix und Comcast ist in jedem Fall richtungsweisend, weil immer mehr Menschen, in den Vereinigten Staaten, aber auch in Europa, Dienste wie Netflix in Anspruch nehmen und weniger auf klassische Weise fernsehen.

Ideal des freien und gleichen Netzes

Auch in Europa wird das Thema Netzneutralität derzeit verstärkt diskutiert, da die EU-Kommission eine Verordnung vorgeschlagen hat, die es erlauben würde, bestimmte Inhalte gegen Gebühren schneller zu übertragen. Anfang dieser Woche äußerten mehrere Europa-Abgeordnete die Befürchtung, dass Telekom-Konzerne eine Zwei-Klassen-Gesellschaft der Internet-Geschwindigkeit etablieren und Internetunternehmen wie Google oder Amazon stärker zur Kasse bitten, wenn diese Dienste mit höherem Tempo anbieten. Von Nachteil wäre das für einzelne Bürger, vor allem aber für Start-ups, die einem großen Streamingdienst wie Netflix in den USA oder Watch-ever in Europa keine Konkurrenz machen könnten, wenn ihre Datenpakete tatsächlich langsamer transportiert würden.

Das Prinzip der Netzneutralität ist offenkundig zunehmend in Gefahr. Die Interessen der Kabelnetzbetreiber und die Wünsche der Content-Anbieter stehen gegen die Ideale des freien und gleichen Netzes. Und es sieht so aus, als ob die mächtigen ökonomischen Interessen sich nun endgültig durchsetzen würden. Zwar reden Politiker in Deutschland und Europa gern von der Netzneutralität, und US-Präsident Barack Obama preist das offene Internet als wichtige Voraussetzung für den freien Informationsfluss sowie für Innovationen und die ökonomische Produktivität, doch mehr passiert bislang nicht.

Im Gegenteil. Es kann gut sein, dass der Vorschlag der EU-Kommission eine Mehrheit findet. In den USA wiederum hat kürzlich ein Bundesgericht die FCC-Vorgaben zur Netzneutralität auf Klage von Kabelnetzbetreibern wie Verizon gekippt. Das Weiße Haus bedauerte das, da das Prinzip der Netzneutralität jedem Amerikaner die gleiche Chance gebe, sich an der Gesellschaft und der Wirtschaft zu beteiligen.

Unternehmen will Obama aber nichts. Womöglich wird die Netzneutralität also schneller beerdigt, als es sich manche vorstellen – am besten in einer unscheinbaren kleinen Meldung.

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