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Die nicht-arische Faust

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Von: Christian Schlüter

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Hitler hat er schon am Schlafittchen, jetzt fehlt Superman nur der andere Großverbrecher - Stalin.
Hitler hat er schon am Schlafittchen, jetzt fehlt Superman nur der andere Großverbrecher - Stalin. © Jüdisches Museum

Nur bedingt lustig: Comics als "Medium der jüdischen Erinnerung".

Dass Comics nicht nur der Unterhaltung dienen, sondern auf mehr oder minder unterhaltsame Weise auch der Belehrung, ja sogar der wissenschaftlichen Unterrichtung - das hat sich immer noch nicht herumgesprochen. Dabei ist spätestens mit der Veröffentlichung von Art Spiegelmans "Maus - Die Geschichte eines Überlebenden" (1986) der Beweis erbracht worden, wie ernsthaft und eindringlich in diesem Medium die Auseinandersetzung mit politischen und historischen Themen sein kann. Geht es hier doch um den Holocaust.

Selbstverständlich finden sich Spiegelmans bahnbrechende Arbeiten auch in der Ausstellung "Superman und Golem" des Frankfurter Jüdischen Museums. Sie widmet sich dem Comic "als Medium jüdischer Erinnerung" und versammelt eine erstaunliche Zahl jüdischer Zeichner. Denn neben den eher bekannteren Klassikern wie Spiegelman, Will Eisner ("The Spirit"), Hugo Pratt ("Corto Maltese", Robert Crumb ("Fritz the Cat"), Harvey Kurtzman ("MAD") oder ganz zeitgenössischen Künstlern wie Mira Friedmann, Rutu Modan und Alexis Martinez werden auch die Werke aus der Frühzeit des Comics gezeigt.

Vor allem die 1930er und -40er Jahre, die große Zeit der amerikanischen Superhelden, beeindruckt nachhaltig. Eine ganze Reihe dieser Fabelwesen wurde von jüdischen Zeichnern erschaffen. Die Erfinder von Superman etwa, Joe Shuster und Jerry Siegel, ließen ihren Helden gegen Adolf Hitler antreten: Am 27. Februar 1940 im "Look Magazine" kämpft der Übermensch mit der "nicht-arischen Faust" gegen die Wehrmacht, nimmt neben Hitler gleich noch den anderen Großschurken Josef Stalin gefangen und übergibt beide einem Tribunal, damit es über ihre Untaten richte. Eine historische Fantasie mit visionärer Kraft. Und eine Provokation, die von der NS-Postille "Das schwarze Korps" kurz darauf mit einer ganzseitigen Attacke gegen Jerry Siegel, "einem geistig und körperlich Beschnittenen", beantwortet wurde.

Nicht weniger politisch gibt sich auch eine Episode aus Will Eisners "Spirit" aus dem Jahre 1941, in der ein verkleideter Hitler in der New Yorker Bronx auf Wählerfang geht. Auch in den USA liefen dem Nationalsozialismus viele Anhänger zu. In dem Comicstrip allerdings bleiben Hitlers Versuche, die Arbeiter zu agitieren, erfolglos. Der Diktator trifft schließlich auf den jüdischen Spirit und lässt sich von diesem bekehren; zurück in Deutschland, wird er daraufhin von Goebbels umgebracht und durch ein Double ersetzt.

Durch die historische Fiktion im Comic findet die politische Gegenwart Eingang in die Populärkultur. Mehr noch als den anderen Massenmedien gelingt es dem Comic allerdings, auf die bildhaften Stereotype aufmerksam zu machen, die nicht nur unsere politischen, sondern auch die historischen Selbstverständigungsroutinen beherrschen. Nicht nur in der "jüdischen Erinnerung" spielen beispielsweise Ikonen wie Leichenberge, Stacheldraht, ausgemergelte Leiber oder die Kamine der Verbrennungsöfen in Auschwitz eine zentrale Rolle, um dem Menschheitsverbrechen in seiner Unvorstellbarkeit überhaupt eine sinnliche Gestalt zu geben. Comics reflektieren diese Bildstrategien.

Das geschieht durchaus in kritischer Absicht, wie die Arbeiten Spiegelmans zeigen: Nicht alles, was man sieht, ist allein deswegen wahr, weil es einem bekannt vorkommt. Gerade im Comic, diesem seiner bildhaften Mittel bewussten Medium, gelingt es häufig sehr viel genauer, die für die historiografischen Erzählformen unvermeidlichen Stereotype zu visualisieren und im Zusammenhang ihrer Verwendung zu kritisieren.

Jüdisches Museum Frankfurt, bis zum 22. März.

www.juedischesmuseum.de

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