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Eine Stadt, in der selbst der weltgewandteste Europäer sich mitunter hoffnungslos antiquiert und altmodisch empfindet. .
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Eine Stadt, in der selbst der weltgewandteste Europäer sich mitunter hoffnungslos antiquiert und altmodisch empfindet. .

Hongkong

Neun Quadratmeter für jeden Einwohner

  • VonRobert Kaltenbrunner
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Hongkong, der am dichtesten besiedelte Landstrich der Welt, ist eine Stadt, in der alles funktioniert und auf einem Minimum von Platz ein Maximum an Umsatz erwirtschaftet wird.

„Verlegung eines mittleren Reiches“: Was Fritz Rudolf Fries als Titel für eine (Roman-) Fiktion auserkor, wurde für Hongkong vor zwanzig Jahren zur faktischen Wirklichkeit. Als nach fast einem Jahrhundert die Pachtverträge mit Großbritannien ausliefen, hatte das Reich der Mitte sich der Kronkolonie bemächtigt. Doch von der vollzogenen „Verlegung“ unbeirrt wird hier gebaut, transferiert und angelegt, erwirtschaftet und umgeschlagen. Nach wie vor liegt hier der Ort, an dem ungeniert gezeigt wird, dass Ökonomie die Welt regiert. „Work hard, eat well, gamble high“ lautet das allgemeine Motto.

Hongkong ist eine Stadt der Paradoxe. Seit’ an Seit’ steht die glatte, hochmoderne Technik der Gebäude in Central District neben Bambusgerüsten und illegalen Fassaden. Schier erdrückend ist die schroffe Gegensätzlichkeit, die sowohl in der Topographie als auch in der Verteilung des Wohlstandes zum Ausdruck kommt, verblüffend die Geschäftigkeit und Effektivität, mit der in der ehemals britischen Kolonie das chinesische Leben abläuft. Eine Stadt, in der selbst der weltgewandteste Europäer sich mitunter hoffnungslos antiquiert und altmodisch empfindet.

Das Bild der ehemaligen Kronkolonie ist durchaus zwiespältig: Zwar zeigt sich Hongkong als der am dichtesten besiedelte Landstrich der Welt, zwar sind die Methoden der Landgewinnung aus dem Meer für immer weitere Hochhäuser bewundernswert, zwar funktioniert die U-Bahn als pulsierende Verkehrsader vorbildlich, zwar ist die Stadt in unzähligen Glitzer-Arkaden ein wahres Einkaufsparadies, das Singapur und Tokio um Längen schlägt, zwar ist das offenkundigste Elend aus den Arbeits- und Einkaufszentren verbannt. Aber all das ist nur auf Kosten von Atmosphäre, ja Authentizität zu haben.

Durchaus ein Manifest

Zwar sind die Straßen von Hongkong dicht bevölkert. Das Leben aber findet vornehmlich in den künstlich beleuchteten und klimatisierten Malls und Plazas statt, die kilometerlang die Stadt wie ein künstliches Aderngeflecht durchziehen. Riesige Arterien, wie zum Beispiel die Times Square Plaza oder die Harbour City, bieten weit mehr „Freiraum“ als draußen zwischen den Gebäuden noch vorhanden ist. Alles funktioniert, ist ordentlich, sauber, kontrolliert. Lediglich in manchen Gegenden Kowloons verspürt man mitunter etwas von jener eigenwilligen Mischung aus Retortenstadt und ungeordnet-drangvollem Miteinander, vom Reiz des geheimnisvoll-unzugänglichen Ortes, der Hongkong einmal war.

Dabei ist die Skyline ja durchaus ein Manifest. Weil alle kommerziellen Großprojekte auf ihre Wirkung zum Hafen hin entworfen werden, ist es nur folgerichtig, dass sie sich obsessiv in die Höhe entwickeln. Die „Gebäudekrone mit Firmen-Logo“ wird zu einem wichtigen Entwurfselement neben der rein auf Rentabilität ausgerichteten Nutzfläche. Allerdings hat das Stadtbild keine eindeutige Qualität. Und nur wenige Vorzeigebauten schaffen es, sich durch eine identifizierbare Gestalt aus dem Meer der uniformen Hochhaus-Kisten herauszuschälen.

Selbst Norman Fosters „Hongkong and Shanghai Bank“, zur Fertigstellung Mitte der achtziger Jahre ein hochtechnologisches Produkt sondergleichen, und Ieoh Ming Peis prismatisch-kristalline „Bank of China“ gehen im Wolkenkratzermeer fast unter.

Hongkong ist zum Inbegriff dafür geworden, wie mit einem Minimum an Platz ein Maximum an Umsatz erwirtschaftet wird – und der Mensch darin lediglich Verfügungsmasse ist. Nur etwas scheint hier gewiss: So ausgeprägt die Fähigkeit zur baulichen Verdichtung vorhanden ist, so stark ist andererseits die Neigung dazu. Grundstücke werden hier nicht mehr verkauft, sondern von Investoren auf Auktionen zu Höchstmieten ersteigert.

Die Flüchtigkeit architektonischer Formen

Charakteristisch ist die Flüchtigkeit architektonischer Formen, das ständige Sich-Überlagern von Gebäuden, so dass sie weniger als individuelle Projekte denn als Masse wahrgenommen werden: Die Stadt des schnellen Abrisses und Neubaus. Und der stakkatohaften Abfolge der Moden. Hier werden Gebäude nicht für die Ewigkeit geplant. Die eher konservative Haltung der Bevölkerung von Hongkong steht dabei in offenem Widerspruch zu der Geschwindigkeit architektonischer Innovationen.

Aber mit der Ästhetik der Dichte, die so gern für Hongkong reklamiert wird, ist das so eine Sache. Nicht mehr als sieben bis neun Quadratmeter stehen jedem Einwohner durchschnittlich zur Verfügung. Eine abstrakte statistische Angabe, die die tatsächliche Beengtheit aller Individualität wohl kaum wiederzugeben vermag. Bis weit in die fünfziger Jahre setzte man beim Wohnungsbau auf Privatinitiative. In Folge eines verheerenden Brandes in einer Behelfssiedlung in Shep Kip Mei auf Kowloon, der über Nacht 53 000 Menschen obdachlos machte, sah sich die Stadtregierung jedoch gezwungen, ein Notprogramm ins Leben zu rufen, das dann 1961 in eine kohärente Strategie des kostengünstigen Wohnungsbaus einmündete.

Parallel brachte der Bauboom der sechziger Jahre eine immense Verdichtung in den innerstädtischen Bereichen; Hochhäuser mit bis zu 20 Geschossen bildeten die vorherrschende Gebäudeform. Sukzessive und illegal wuchsen auf vielen Dächern dann ganze Dörfer: Labyrinthe aus Korridoren, engen Fluren, Wellblechhütten oder auch schmucken kleinen Ziegelbauten, in denen Migranten – zunächst vom chinesischen Festland, inzwischen aber auch aus dem ganzen asiatischen Raum – unterzukommen suchten. Und als dann seit den siebziger Jahren ein ehrgeiziges staatliches Wohnungsbauprogramm diverse New Towns in den Himmel wachsen ließ, erfuhr auch die Metro-Area, dank veränderter ökonomischer Strukturen, eine grundlegende Metamorphose. Das gilt nach wie vor, wobei heute die gewaltig aufgetürmten Großwohnsiedlungen sogar bis auf die Insel Lantau vorgedrungen sind.

Einwanderer sind prägend für den öffentlichen Raum

Selbst das Shopping ist nicht bloß banales Privatvergnügen, sondern hat eine quasi-öffentliche Funktion. „Die Schaufenster hier sind aber mehr als Behältnisse für die Exponate einer internationalen Glitzerwelt, sie dienen noch einem anderen Zweck als der rein kommerziellen Verlockung: Sie erzeugen die Illusion eines ständig verfügbaren, jederzeit für eine gewisse Zeitspanne in Beschlag nehmbaren Raums hinter der so sauber geputzen Scheibe. Es ist die Gegenwelt zu den bedrängten Verhältnissen der Staunenden, der Ort der Ruhe und der Kontemplation.“ Was der Autor und Sinologe Tilman Spengler notierte, gibt einen Hinweis darauf, wie essentiell so etwas wie öffentlicher Raum in Hongkong ist. Gerade weil er kaum vorhanden ist, muss er geschaffen werden. Ob künstlich oder künstlerisch, ob politisch oder literarisch, ist dann schon fast zweitrangig. Aber eben nur fast.

Die Sonderverwaltungszone am Perlflussdelta ist ein einzigartiges Gebilde, das so tut, als schwebe es im politikfreien Raum und als hätte es eine autonome Regierung; das am Schnittpunkt des Welthandels liegt, einerseits mittelalterlich chinesisch im Denken, andererseits pragmatisch modern. Auf der einen Straßenseite das Unternehmertum, das in kühler Rationalität regiert, und auf der anderen die Stadt der Geister, in der das Böse mit Weihrauch besänftigt oder durch sorgfältig justierte Spiegel, Glockenspiele und „scharfe Gebäudekanten“ abgelenkt wird. Hongkong ist ein perfektes Baalbek, an einem Tag erbaut, am anderen schon verfallen, eine Stadt, von der man nie erwartet, dass sie fertig wird. Die Vergangenheit missachtend, dennoch gläubig die Gesetze des Feng Shui beachtend, der uralten chinesischen Geomantie, nach denen günstige Plätze für Gräber, Wohnhäuser und Geschäfte bestimmt werden. Selbst Börsenspekulanten befragen ihre Wahrsager. Schließlich geht es um Erfolg – und um Heimat.

Wie ein Magnet zieht das prosperierende Hongkong all jene an, die zuhause entweder ihre Ernährung oder aber ihre politische Mitbestimmung nicht sichern können. Auch wenn die Wohnboote chinesischer Flüchtlinge vor Aberdeen mehr und mehr verschwinden: Die Einwanderer sind so prägend für den öffentlichen Raum, dass ihre Erscheinung aus dem Bild der Metropole nicht mehr wegzudenken ist. Drehscheibe zwischen Ost und West, noch immer und zugleich mehr denn je, aufblühend in letzter Schönheit vor dem Untergang?

Diese Unsicherheit steht heute, zwanzig Jahre nach dem „hand over“, nach wie vor im Raum. Die neue Staatsmacht in Peking macht zwar keine Anstalten, die „goldene Gans“ zu rupfen, aber ein freier Auslauf wird ihr nicht gewährt. Und so scheint es sich zu bewahrheiten, dass Hongkong vor allem eines ist: Der Spiegel für Chinas urbane Zukunft.

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