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Neuland ist überall

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Von: Christian Thomas

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Metamorphose am Küstenstreifen von Tel Aviv oder: die künstliche Insel als Diaspora. Andrea Branzi, Gilberto und Lucca Coretti sowie Jacopo Maria Giagnoi im Pavillon Israels.
Metamorphose am Küstenstreifen von Tel Aviv oder: die künstliche Insel als Diaspora. Andrea Branzi, Gilberto und Lucca Coretti sowie Jacopo Maria Giagnoi im Pavillon Israels. © Katalog

Denn nicht nur das Dach ist theorielastig: Die 9. Internationale Architekturbiennale von Venedig steht unter dem schillernden Motto "Metamorph"

Man muss, man darf, man sollte. Denn man muss, und zwar möglichst sofort. Auch darf man, und das am besten alles gleichzeitig. Und dann sollte man auch noch - vor allem nichts verpassen.

Die Architekturbiennale, die in diesem Jahr zum 9. Mal in Venedig stattfindet, bekennt sich zum schwankenen Boden. Doch dessen Fundamente sind längst museumsreif. Und das Biennaledach ist beschwert. Es schwebt nicht mehr, auch wenn es in den Gedanken der Architekturartisten häufig weit übersteht; denn das Dach ist theorielastig.

Ein besonderer Artist unten den Artisten ist auch Peter Eisenman. Auf der Biennale hat der 72jährige einen Goldenen Löwen für sein Lebenswerk erhalten, und in den Pavillons und Kabinetten der Giardini und des Arsenale ist Eisenman mit gleich einem halben Dutzend Projekten vertreten. Im Italienischen Pavillon der Giardini hat Eisenman ein begehbares Modell seiner Theoreme aufbauen lassen. Was da Handwerker zu einem strahlend weißen Labyrinth mit feisten Schweißnähten und notdürftig deckender Farbe zusammengehauen haben, soll an die Anfänge des Architekturattentäters Eisenman erinnern. Eisenman hat in den siebziger Jahren aus seiner Verachtung gegenüber den banalen Funktionen eines Gebäudes nie einen Hehl gemacht. In dem begehbaren Modell führen Treppen vor die Wand, sie sind so wenig nutzbar wie diejenige rote Treppe in seinem Haus VI in Cornwall im amerikanischen Bundesstaat Connecticut. Auch sie hatte keine Funktion außer der Verunsicherung des Architekturpublikums.

In den Kerkern der Dekonstruktion

Eisenmans dekonstruktivistisches Mitbringsel nach Venedig basiert auf Überlagerungen und Überschneidungen, durch die man sich zwängen und schlängeln muss. Dazu liefert die Legende Hinweise zum Anliegen; es besteht in einem Parforceritt durch die Architekturgeschichte, von Palladio über die Kerkerszenen Piranesis bis hin zur Ästhetik Guiseppe Terragnis. Eisenmans Modell ist ein Zwangsraum. Ein ärgerliches Einschüchterungsinstrument, und wer daran glaubt, mag als Biennalebesucher selig werden, auch wenn der einzige Ausblick, den dieser Raum bietet, auf ein monumentales Objekt Massimo Scolaris geht. Angesichts von geborstenen Säulen wird der Gedanke an den gescheiterten Turmbau zu Babel in sichere Bahnen gelenkt.

Jenseits dieser Installation ist Eisenman mit manch anderem Projekt vertreten - und keines darunter, ob nun sein grandioser Wettbewerbserfolg für das galizische Kulturzentrum in Santiago de Compostela oder sein Entwurf für einen Bahnhof in Neapel, bei der Eisenmans philosophisch unterfütterte Splitterästhetik nicht auf einer vorsätzlich herbeigeführten Perfektion basierte. Seine Ästhetik der Differenz und des Solitärs setzt mit jedem Bauwerk die gebaute Skulptur in Szene. Und das alles wäre um so grandioser, wenn man mit Eisenmans Vorhaben für ein Max-Reinhardt-Haus in Berlin auf dieser Architekturbiennale seriös verfahren wäre. Denn die gigantische Spange in der Form eines Moebiusbandes ist ein nicht realisiertes Architekturetwas in den Ausmaßen eines Stadttors. Dass dies in der Schau verschwiegen wird, darf man zu den ganz speziellen Hybridformen einer globalen Architekturschau zählen.

Nun ist es sicherlich nicht so, dass die Biennale allein von den Papierarchitekturen lebte. Der Schweizer Architekturhistoriker Kurt W. Forster hat die diesjährige Leistungsschau kuratiert und unter das Motto "Metamorph" gestellt. Als Biennalebesucher wird man mit Ergebnissen konfrontiert, die diese Perspektive glücklicherweise nicht allein artifiziell verorten, auch wenn einer der zentralen Ausstellungssektionen der Präsentation von Konzerthallen gilt. Im zentralen Pavillon der Giardini werden diese Katalysatoren zukünftiger Stadtentwicklung in Szene gesetzt, wobei die gesamte Prominenz vertreten ist. Kaum ein Entwurf, der nicht die Theaterinszenierungen, wie sie der Barock ins Spiel brachte, in den Schatten stellte. Man schaue sich nur an, wie Dominique Perrault mit seinem Neubau in St. Petersburg das Mariinsky-Theater, gleich nebenan, zum Annex degradiert. Die Kulturbauten als exklusive Akkumulationsmaschinen des Unternehmens Stadt - da ist es kein Wunder, wenn Frank O. Gehrys Walt-Disney-Hall in Los Angeles ein eigenes Kabinett erhält. Aber es ist ein um so größeres Wunder, dass das dänische Büro Plot, keiner darin älter als 30 Jahre, mit ihrem wunderbaren Entwurf für die Konzerthalle im norwegischen Stavanger den Juniorlöwen erhielten. Ihre Schöpfung ist eine Stufenlandschaft, wobei die beiden im rechten Winkel zueinander stehenden Volumen eine Terrasse rahmen, deren Stufen sich zur Fassade auftreppen, so grandios wie die Ränge eines antiken Theaters. Der öffentliche Raum von Stavanger als Inszenierung einer Reminiszenz, deren Ränge sich wie eine zweite Haut über den - man darf wohl sagen - Kulturtempel legen.

Architektur als Raumkunst als Bühnenkunst. Im krassen Gegensatz dazu steht die Entscheidung, den Pavillon Belgiens mit dem Hauptpreis zu küren. In ihm wird die provozierende Frage gestellt, ob eine Stadt ohne Architektur existieren könne? Sie kann. Muss man sich Urbanität als etwas Immaterielles vorstellen? Immerhin, man darf. Nicht die (dekonstruktivistische) Auflösung eines Baukörpers in seine Elementarteile, sondern die (anthropologische) Konkretion liefert der Beitrag "Kinshasa. The imaginary City": Der Fokus gilt dem menschlichen Leib als urbaner Keimzelle schlechthin. Spärlich dazu die Inszenierung, weit entfernt von jedem forcierten Minimalismus. Man mag den Preis für den Belgischen Pavillon als politisches Votum verstehen, auch als Wohlwollen, mit dem der Eurozentrismus Abbitte für die Präsenz der Kolonialvergangenheit tut. Auf einem Monitor tänzeln jugendliche Schwarze, gezeigt wird das Warm-up von gelehrigen Faustkämpfern. Bodybuilding als urbanes Survivaltraining und individuelles Tektonikprogramm. Dennoch, Kinshasa ist eine Agglomeration, in der die materielle Obdachlosigkeit, darauf weisen Schiefertafeln hin, immateriellen Unterschlupf sucht in Religion und tödlichem Okkultismus. Wer diesen Pavillon verlässt, tritt zurück in die Welt der zweiten Haut des Menschen, was vielleicht sogar recht nahtlos gelingt, weil mit dem Spanischen Pavillon, gleich nebenan, umso kraftvollere Architekturen vor Augen gestellt werden. Der Spanische Pavillon ist eine Niederlassung, die, ganz ähnlich wie der zweite Ausstellungsstandort der Biennale, das Arsenale, keine Beirrung kennt.

Parade der kauernden Highlights

Hier, im Arsenale, unter den Satteldächern der historischen Werft, wo die Serenissima einst ihre Kriegsflotte bauen und vom Stapel ließ, hat Forster eine Parade der architektonischen Highlights in gondelartigen Gebilden in Szene gesetzt, wobei dies in der Sektion Topographie am eindrucksvollsten gelungen ist. Hier kauern die gebauten Visionen am Boden, gleichsam wie auf dem Sprung. Sie schmiegen sich an einen Hügel, sie schmeicheln einem Flusslauf - oder sie verschwinden gar ebenerdig. Da ist die Erdkruste dann etwas, das sich der Mythos immer schon als Tarnkappe für seine kühnsten Gedankengebäude gewünscht hat.

Grenzenloser Optimismus, unendlicher Fortschrittsfuror. Sicher, das Tempo, mit denen die elektronisch hergestellten Bilder in den letzten Jahren auftraten, ist erheblich gedrosselt worden. Weniger flimmernde Monitore, trotz eines aus den Bildschirmen schier überquellen "Biomorphismus", zu dessen blubbernden Artikulationsformen auch die Ankündigung gehört, dass es mit den klassischen Geometrien endlich, nach immerhin 2500 Jahren, zu Ende gehe.

So hat Venedig auch in diesem Jahr die Kompetenzteams eines rasanten Enthusiasmus zusammengeführt, mit der sich mancher Fleck auf der Erde nur noch als Spektakelschauplatz identifizieren lässt. Da ist es nur beruhigend, wenn im französischen Pavillon für robuste und nachhaltig belastbare Stadtstrukturen plädiert wird, jenseits eines flotten Solitärwerkelns. Und da ist es erst recht vernünftig, wenn im niederländischen Pavillon der rücksichtlose Flächenfraß thematisiert wird. Was der Besucher hier an Schubladen aufziehen darf (und der niederländische Pavillon ist ein Quellkörper an Schubfächern), dient der Erkenntnis, wie sehr die Zukunft des Städtischen in der Verdichtung ihrer Strukturen liegt.

Es sei denn, man sieht Neuland etwa im Meer. Michael Govs israelischer Beitrag führt vor, dass der spekulative Geist der Architekten sich unmittelbar zur Siedlungspolitik des Staates Israel verhält. Die Vision vor dem Küstenstreifen Tel Avis zeigt eine Metamorphose, doch anders als die Gleichung "Metamorph" = amorph keinen artifiziellen Tatendurst, sondern eine gesellschaftliche Reflexion, durchaus mit Blick auf das Anlanden der Kinder Israels, um einen eigenen Staat zu gründen. Tatsächlich hat sich die Regierung Israels zuletzt mit einer Insel gegenüber von Tel Aviv befasst, vorgelagert dem Strand, den Hochhäusern und dem Gewürfel aus Bauhäusern. Tel Aviv, mit seinen hunderten von Bauhäusern, stellt sich erneut dar als Ort des Experiments, der auf einem der Satellitenbilder mit einer leuchtenden Etikette versehen wurde. Neuland, heißt es da, wie beim Preisschild auf einer Ware. Neuland als Diaspora einer anderen Siedlungspolitik. Man darf diese Metamorphose, hin zum Friedfertigen, nicht nur amorph verstehen.

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