Bau ein neues Haus

Die Gerbermühle am Mainufer in Frankfurt, zeitweilige Herberge Goethes, ersteht wieder

Von DANIEL BARTETZKO

An einen historisch authentischen Ort Hand zu legen ist ein sensibles Unterfangen. Von ihnen gibt es in Frankfurt nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs nicht mehr allzu viele, zumindest wenn man sich am Allgemeinempfinden orientiert. Demzufolge manifestiert sich architektonisches Heimatgefühl vorrangig in Bauten, die vor dem Krieg entstanden und möglichst original zumindest wiederaufgebaut sind.

Die Gerbermühle würde eigentlich durch dieses Raster des Authentischen fallen. Zu oft wurde das Ausflugslokal schon umgebaut und erweitert, im Zweiten Weltkrieg fast vollends zerstört. "Wer auf die Welt kommt, baut ein neues Haus", schrieb Goethe, "Er geht und lässt es einem Zweiten / Der wird sich's anders zubereiten."

Und niemand baut es aus. Der Bau am Mainufer, erstmals im Jahre 1311 schriftlich erwähnt, ist architektonisch ein Konglomerat der Jahrhunderte, geprägt von verschiedenen Nutzungen und Besitzern. Zuletzt präsentierte sich hier ein unspektakuläres, kleinteiliges Ensemble: Reste aus Zeiten der Jahrhundertwende, kombiniert mit einer schlichten, historisierenden Nachkriegsmode, die das allseits bekannte, nach 1800 entstandene Erscheinungsbild der Mühle zitierte.

Doch als der aktuelle Besitzer des leicht heruntergewirtschafteten Gebäudes einen Teilabriss erwog, schlugen die Wogen der Empörung hoch, obwohl das renommierte Büro Albert Speer & Partner für die Planung verantwortlich zeichnete. Denn die Gerbermühle, oder das, was von ihr übrig blieb, ist durch Johann Wolfgang Goethe in den Status der Unantastbarkeit erhoben. Er war mehrfach zu Gast, feierte hier im Jahre 1815 seinen 66. Geburtstag. Damals war das Gebäude Sommersitz des Bankiers Johann Jakob Willemer und dessen Frau Marianne, die beim Dichter mehr als nur freundschaftliches Interesse erweckte. Marianne fand sich wieder in der Suleika der Liedsammlung im West-östlichen Divan. Später war sie bis zu seinem Tod Briefpartnerin. "Von der Ilme bis zum Rheine / Mahlen manche Mühlen / Doch die Gerbermühl am Maine / Ist's worauf ich ziele."

Diese Zeilen Goethes lassen es heute unerheblich erscheinen, wie viel Originales sich im Gerbermühlgebäude des 21.Jahrhunderts verbirgt. Die wörtliche Erwähnung erhebt es unzweifelhaft zum authentischen Ort. Und in irgendeinem Winkel wird sich ein Stein finden, den der Dichter einst selbst erblickte. Die zweite Umbauplanung, nun vom Büro Jochem Jourdan, fand nach langen Diskussionen Zustimmung bei Stadt und Denkmalpflege. So wird emsig gebaut am entkernten Gemäuer, das man um ein Hotel erweitert; Gerade wurde Richtfest gefeiert. Der Betrieb des Gartenlokals findet derweil in Zelten vor der Baustelle statt.

"Wo wir trinken / wo wir lieben / da ist reiche, freie Welt". Wer sich hier zum Schoppen einfindet, wird beim Blick auf den Rohbau historisch eher desillusioniert. Den Verputz hat man bei der bauarchäologischen Untersuchung vorsichtig abgeklopft, und was von außen sichtbar ist, sieht kaum nach 18. Jahrhundert aus: Fensterstürze aus Stahlträgern, Sandsteingesimse der 50er Jahre und maschinell gebrannte Ziegelsteine dominieren.

Man muss schon genau hinsehen, um festzustellen, dass die Suche nach den wirklich alten Teilen nicht vergebens war. Das neue Zentrum des Baus bildet ein nach 1904 abgebrochen geglaubter Treppenturm, der auf den mittelalterlichen Bruchsteinmauern der ursprünglichen Mühle gründet. Diese Mauern werden wie zum Beweis nicht verputzt. Die Barocktreppe, die Willemer einbauen ließ und die Goethe wohl beschritten hat, ist freigelegt und wird restauriert. Mit seinem steilen Spitzgiebeldach hat der Turm in etwa seine alte Höhe zurückbekommen.

Dort wird künftig eine Hochzeits-Suite liegen, das Paar kann dann durch einen modernen Glaserker auf die uralten Kastanien blicken, die die Zeit am unbeschadetsten überdauerten. Der daneben liegende neue Hoteltrakt erhält ein ähnlich steiles Dach wie der auf der anderen Turmseite stehende Altbau, dessen Formen er aufnimmt. Jener erhält durch das rekonstruierte steile Dach seine ursprünglichen Proportionen zurück. Die Fassade scheint das Erscheinungsbild nach 1905 beizubehalten. Und wenn die Zeitplanungen eingehalten werden, hat Frankfurt im nächsten Frühjahr wieder einen bedeutenden Goethe-Ort zurückerhalten. Behutsam und im Erhalt der größtmöglichen Altsubstanz gelungen erneuert. So echt und identitätsstiftend wie das Geburtshaus im Großen Hirschgraben und das Willemer'sche Gartenhäuschen am Mühlberg, in welchem er sich mit der von ihm glücklos begehrten Marianne traf.

Beides sind Rekonstruktionen unter Verwendung jener Originalteile, die die Verheerungen des Zweiten Weltkriegs überdauerten. Wer will einen Zweifel an der Authentizität dieser Orte erheben?

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