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Warum sollte kein Einhorn-Paar auf der Arche gewesen sein? Kaspar Memberger (gest. 1626) schuf fünf Bilder zum "Auszug aus der Arche".

Infotainment

Die neuen Öffentlichkeiten

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Flugblätter statt Marktschreier: Die Druckerpresse hat den Umgang mit Informationen massiv verändert. Ein Blick zurück mit Aufschlüssen für die Zukunft.

Neil Postman veröffentlichte 1985 „Wir amüsieren uns zu Tode“. Darin kritisierte er die Auflösung der rationalen Auseinandersetzung um politische und gesellschaftliche Ziele zugunsten eines Amüsierbetriebes, in dem nicht der beste Politiker, sondern der beste Unterhalter gewählt werden würde. Postman schrieb das, als der B-Movie-Schauspieler Ronald Reagan im Weißen Haus regierte.

Er glaubte also zu wissen, wovon er sprach. Aber Fox News ging erst elf Jahre nach Postmans Buch auf Sendung, und Donald Trump, der Reality-TV-Star, wurde erst dieses Jahr Präsident der USA. Trump hatte übrigens bereits 1980 – damals war noch Jimmy Carter Präsident der USA – in einem Interview erklärt, er werde wohl niemals US-Präsident werden. Schon weil der Wähler bei der Wahl zwischen einem guten Verstand und einem breiten Grinsen sich stets für Letzteres entscheiden werde.

Infotainment ruiniert die Demokratie, haben wir inzwischen gelernt. Vielleicht stimmt das, vielleicht aber auch nicht. Die Vorstellung, eine Debatte sei nur dann eine, wenn man den Spaß aus der Unterhaltung herausgenommen hat, will mir nicht recht einleuchten. Natürlich ist es gefährlich, wenn man glaubt, alles sei nur ein Witz. Aber ohne Humor ist die Welt schwer zu ertragen. 

Hunger nach Nachrichten gab es schon immer

Wer der Geschichte des Infotainments nachzugehen versucht, der wird darauf stoßen, dass Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung immer wieder neu getrennt und immer wieder neu amalgamiert wurden. Wer das „Hohe Lied“ des Königs Salomo, wie manche Kirchenväter es taten, nur als metaphorische Darstellung der Beziehung zwischen Christus und seiner Braut, der Kirche, liest, der hat sich ganz auf die Seite der tieferen Bedeutung geschlagen und sich so um den Reiz der Sache gebracht. 

Den Hunger nach Nachrichten gab es schon immer und schon immer mischten sich Sachliches und Persönliches. In einer Welt, in der Personen das Sagen hatten, war das keine Spur von frivol, sondern nur vernünftig. Was hilft einem die Kenntnis der Rolle der Institutionen in einem System, in dem alles davon abhängt, wie der Führer entscheidet? Jeder, der in einem Betrieb arbeitet, weiß, wie viel wichtiger es ist, zu verstehen, wer mit wem kann, als die Leiter der Hierarchie hinauf- und hinuntersagen zu können. Für Bundeskanzler Kohl stand sein Ehrenwort, selbst das nur angebliche, über dem Gesetz. Ohne die Psyche des Präsidenten Trump ist die US-Politik nicht zu erklären.

Die „Tagesschau“, mit der ich aufwuchs, war eine Reaktion auf die Propagandaapparate der Nazi-Zeit. Ihre Nüchternheit signalisierte: Hier werden Sie nicht überrollt. Wir sprechen langsam und deutlich, damit Sie genau hinhören können. Der Bundesbürger war ja nicht der Deutsche, den es schon gab.

Der musste erst noch geschaffen werden. Er sollte einer sein, der sich nicht berauschte und nicht berauschen ließ. Der in seinem entwickeltsten Exemplar nicht das Vaterland, sondern seine Frau liebte. Die Medien versuchten sich in Distanz. Das war der Boden, auf dem die „Bild“-Zeitung blühte. Ihr „Seid nett zu einander!“ war jene Emotion, in die ein Volk, das sich von seiner Herrenrassen-Rolle hatte verabschieden müssen, gerne einlullen ließ. Man versteht die Mediensituation eines Landes nicht, wenn man die Medien nicht zusammen und in ihrer Beziehung miteinander versteht.

Dass die reine Nachricht nicht die Bedeutung hat, die sie wohl niemals hatte, die ihr aber in Seminaren und bei Podiumsdiskussionen immer wieder gerne zugeschrieben wird, hängt mit dem gestiegenen – nicht etwa dem gesunkenen – Bildungsniveau zusammen. Jeder weiß heute, dass es die reine Nachricht nicht gibt. Jeder weiß, dass bereits die Auswahl nach Kriterien geschieht, bei denen die gesellschaftspolitische Relevanz nur eines unter einem halben Dutzend ist. Je einheitlicher ein Weltbild ist, desto leichter ist es, reine Nachrichten zu bringen. Der Leser setzt jede Neuigkeit ein in seine bereits bestehende Vorstellung vom Ganzen. Gleiches gilt für Fachpublikationen. Da ist alles dem Leser bekannt. Nur diese neue Untersuchung nicht. Er kann sie einordnen. Man muss ihm nichts erklären. Man muss ihm auch nichts schmackhaft machen. Appetit hat er schon.

Ganz anders, wenn es um unbekanntes Terrain geht. Berühmt sind jene Berichte aus Afrika, in denen Giraffe und Einhorn vorkommen. Für den die Berichte zusammenstellenden Autor eines Buches oder einer Flugschrift war es unmöglich, News und Fake News zu unterscheiden. Für den Leser erst recht. Ein Einhorn war deutlich glaubwürdiger als eine Giraffe. Dennoch gab es auch damals schon Faktenchecks. Handelshäuser zum Beispiel, die darauf angewiesen waren, dass die Meldungen, die ihnen zugetragen wurden, stimmten, warteten mit ihren Entscheidungen auf Bestätigungen. Natürlich war es ein Vorteil, als erster eine Nachricht zu haben, die zum Beispiel relevant für die Kornpreise war. Aber nur wenn sie stimmte. War sie falsch, konnte sie fatal sein. Kuriere waren bestechlich. 

Flugblätter bedienten auch damals Sensationsgelüste

In Emden war es im 16. Jahrhundert üblich, Handelsbriefe, die von weit entfernten Orten kamen, öffentlich auf dem Marktplatz vorzulesen. So waren alle gleich gut oder schlecht informiert. Das war eine Maßnahme, mit der man den immer stärker werdenden Handel mit der Ware Nachricht eindämmen wollte.

Der Nachrichtenmarkt bestand damals schon aus den unterschiedlichsten Medien. Am einen Ende gab es gedruckte Flugblätter mit Sensationsgeschichten aus aller Welt, am anderen den persönlichen Informanten. Letzterer war damals wie heute das vertrauenswürdigste Medium, aber unbezahlbar, und, so vertrauenswürdig er auch sein mochte, er konnte sich irren. Man brauchte also bei den wirklich wichtigen Entscheidungen auch bei ihm noch eine „zweite Meinung“. „Neue Zeitungen“ kamen in Deutschland im 16. Jahrhundert auf. Das waren keine Zeitungen, sondern kleine monothematische Broschüren, die schnell und billig über einen interessanten Sachverhalt informierten. Sie sind die Nachfolger der knappen Flugschriften, mit denen die Druckerpresse sich selbst und die Reformation rettete. Als das Interesse an den religiösen Auseinandersetzungen auf dem gerade erst entstandenen Massenmarkt der gedruckten Informationen abnahm, suchten die Drucker nach etwas Neuem, das ihre Maschinen auslasten konnte. Und so entdeckten sie die Neuigkeiten.

Interessant ist die Parallele zu aktuellen Entwicklungen. Dem neuen Medium E-Book widmen manche Verlage eigene Programme, in denen kurze Pamphlete, knappe Darstellungen erscheinen. Wie erfolgreich sie sind, weiß ich nicht. Sie werden selten rezensiert, und man spricht selten über sie. Das kann aber damit zusammenhängen, dass die Verlagskunden die falsche Zielgruppe für die E-Books sind. Ein neues Medium schafft sich ein neues Publikum, meist aber auch neue Produzenten. 

Jedenfalls war das vor 500 Jahren so. Die damals entstandenen „Neuen Zeitungen“ – was so viel hieß wie „Neue Nachrichten“ – kamen im Quart-Format und hatten vier oder acht Seiten, auf dem ersten Blatt war eine Abbildung. Auch ein einfacher Drucker konnte so etwas innerhalb eines Tages herstellen. Wenn er montags das Manuskript bekam, konnte spätestens mittwochs eine Auflage von 500 oder 600 Exemplaren verkauft werden.
Die „Neuen Zeitungen“ berichteten in ihrer Mehrheit aus der hohen Politik. Es ging um die Kriege in Italien, um den Frieden, den der Papst mit dem französischen König schloss. Die „Neuen Zeitungen“ waren die seriöse Presse. Sie betonten stets, aus vertrauenswürdiger Quelle informiert zu sein, waren für ein intellektuelles Publikum geschrieben.

Daneben gab es Flugblätter, die Sensationsgelüste bedienten über „den Türken“, über fünfköpfige Hunde oder jüdische Ritualmorde. Das neue Medium brachte zwar keine neuen Vorurteile hervor, es sorgte aber für ihre ganz und gar ungewohnte massive und schnelle Verbreitung. Solange die Druckerpresse nicht gegen die Obrigkeiten eingesetzt wurde, erfreute sich das neue Medium größter Freiheiten. Man darf es sich wohl so vorstellen wie das Internet kurz nach seiner Geburt. Erst als sich herausstellte, dass ein Drucker eine öffentliche Meinung schneller herstellen konnte als die öffentlichen Ausrufer, da kümmerte man sich um die inzwischen zahllosen, in jeder kleinen Stadt aktiven Drucker. 

Das neue Medium hatte ein neue Öffentlichkeit hergestellt, es dauerte nicht lange, da wurde diese neue Öffentlichkeit von den alten Mächten übernommen. Zeitungen lebten nicht mehr von der Nachfrage der Interessenten, sondern von den sicheren Aufträgen – nein, noch nicht der Inserenten – der Regierungen. Das beste Geschäft wurde ein Staatsanzeiger. Die Seriosität wurde die des Amtsblattes. Daneben und dagegen entstanden immer wieder Alternativen. Die dann oft auch wieder gekauft wurden. 

Daniel Defoe, der schon mit vielem gescheitert war, gründete 1704 eine Zeitschrift „Weekly Review of the Affairs of France“. Das Blatt lief gut, und es war damals nicht das einzige in England. Defoe war in einen Boom geraten. Dennoch: Den größten Teil seiner Journalistenzeit wurde der Autor eines der erfolgreichsten Bücher der Literaturgeschichte, des 1719 erschienenen „Robinson Crusoe“ nämlich, von führenden englischen Politikern bezahlt, um Stimmung für sie zu machen. Die Bezahlung geschah im Geheimen.

Es hat diese Art von Journalismus immer gegeben, und nicht immer amüsierte man sich bei den Produkten dieser Kollegen zu Tode. Im Gegenteil, sie kamen gerne besonders ernst und sachgerecht daher. Noch lange bis ins 19. Jahrhundert hinein gehörten zu den gern gesehenen und gehörten Nachrichtenüberbringern die Marktschreier und Moritatenerzähler, die Fakten und Fiktion herzergreifend oder schaurig-schön zu verbinden wussten. All das kommt jetzt wieder in den neuen Medien zusammen, geht für uns obszöne Paarungen ein. Es wird dauern, bis sich die neuen Öffentlichkeiten neu organisieren.

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