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Von ihnen aus kann es losgehen: Szene aus dem Film „Quadrophenia“.

Faustkampf

Die neuen Helden hauen drauf

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Die Renaissance des Rechts des Stärkeren ist offensichtlich. Es gilt auf der Straße ebenso wie in der Politik.

Exzessive Prügeleien waren in der westdeutschen Kleinstadt, in der ich in den 60er-Jahren aufwuchs, nicht an der Tagesordnung, aber sie kamen vor. Ich erinnere mich noch gut daran, wie mein Freund Udo eines Tages vom benachbarten Kneipenwirt, der uns Schülern gegen kleine Hilfsarbeiten nachmittags gelegentlich erlaubte, uns auf der hauseigenen Kegelbahn auszutoben, ohne Vorwarnung am Kragen gepackt und vor die Tür gesetzt wurde. Was, um Himmels Willen, sollte Udo getan haben?

Die Gaststätte, so erfuhren wir erst später, war am Abend zuvor zum Schauplatz einer wilden Schlägerei geworden, und der Wirt verdächtigte Udos ältere Brüder, die Krawalle angeführt zu haben. Udo, davon waren wir überzeugt, war so ahnungslos wie wir, also fanden wir es unfair, dass er wie seine Brüder geächtet wurde. Diese Form von Sippenhaft störte unser kaum entwickeltes, aber durchaus vorhandenes Rechtsempfinden.

An die Zeit mit Udo und die anderen musste ich denken, als ich kürzlich die Bilder von den Fußballern Mesut Özil und Sead Kolasinac sah, die als Helden einer überstandenen Schlacht gefeiert wurden. Es war gewiss eine andere Situation, aber sie führte mir eine längst vergessene Szenerie des Faustkampfes wieder vor Augen. Özil und Kolasinac hatten sich in London erfolgreich eines Raubüberfalls erwehrt. Obwohl die Angreifer bewaffnet waren, hatte Sead Kolasinac beherzt reagiert und einen der Angreifer mit gezielten Faustschlägen abgewehrt. Er hatte sich einer Lebensgefahr ausgesetzt und erst nach einer abenteuerlichen Verfolgungsjagd, von der später immer mehr Details bekannt wurden, kam die Polizei ins Spiel.

Der Vorfall wurde schnell zum begehrten Medienereignis, eine Überwachungskamera hatte dazu ein paar verwackelte Bilder bereitgehalten. Seither sind sie in aller Munde: der kleine, stets ein wenig schmächtig wirkende Mesut Özil und sein bulliger Freund. Reporter hatten sich umgehend aufgemacht in die alte Gelsenkirchener Heimat der beiden, wo man mächtig stolz auf sie war, weil man die gestandenen Fußballprofis dort bereits als Heranwachsende gekannt hatte. Die seien schon immer so gewesen, hieß es. Zwei Schalker Jungs, die zusammenhalten.

Vergessen die Staatsaffäre um Mesut Özil, der sich vom türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan für dessen ideologische Projekte hatte vereinnahmen lassen. Nun war Mesut Özil, der der deutschen Fußballnationalmannschaft schnöde den Rücken gekehrt hatte, wieder ein Schalker. Einer aus dem Kiez, der von seinem bosnischen Freund selbstlos behütet worden war. Und so handelt die Geschichte von dem abgewehrten Angriff vor allem auch vom Triumph eines eingeschworenen Männerbündnisses, das sich gegen eine mutmaßliche Form von Bandenkriminalität effizient zu helfen wusste.

Die Aufmerksamkeit, die Özil und Kolasinac in den Medien und sozialen Netzwerken erhalten haben, zeugt nicht zuletzt von einer nie ganz verschwundenen Faszination von einer Gewalt der Ehre, die außerhalb der entsprechenden Milieus lange eine eher untergeordnete Rolle gespielt hat. In den 60er-Jahren waren Kneipen- und Straßenkrawalle eine Form von Rock’n’Roll – Pete Townsend und The Who hatte den historischen Vorbildern in Großbritannien eigens die Rockoper „Quadrophenia“ gewidmet. Der kulturelle Mainstream indes tendierte zu friedlichen Ausdrucksformen. Der Pazifismus von John und Yoko prägte nicht nur die Musik jener Zeit, sondern auch die Verhaltensnormen. In der sozialen Wertehierarchie wurden Demonstrationen der körperlichen Stärke von Debatte, Kooperation und Netzwerkbildung abgelöst. Das Männerbündische befand sich auf dem Rückzug und überlebte in zurechtgestutzter Form allenfalls in der Arbeitsgruppe und im Kollektiv.

Nun aber darf die robuste Selbstverteidigung auf höchste Anerkennung sogar dann rechnen, wenn sie das Gewaltmonopol eines fremden Staates und dessen Gerichtsbarkeit berührt. Der amerikanische Rapper ASAP Rocky war am 30. Juni in Stockholm nach einem Konzert in eine Schlägerei verwickelt worden. Wie es scheint, wurden er und seine Begleiter zunächst belästigt. Dann aber scheinen sie derart brutal zurückgeschlagen zu haben, dass sie festgenommen werden mussten und seither in einem schwedischen Gefängnis sitzen.

Donald Trump intervenierte persönlich zugunsten von ASAP Rocky, verteilte Noten über die schwedische Regierung und bot eine Kaution an, die das schwedische Recht nicht vorsieht. Trumps Kalkül ist vielfältig. Er reiht sich ein in eine Riege prominenter Mitstreiter für ASAP Rocky, darunter Justin Bieber, Kanye West und Kim Kardashian. Vor allem aber geriert er sich als ein Mann der Stärke, die geltendes Recht nach Gutdünken benutzt oder verachtet. Die neuen Helden hauen drauf – auf der Straße und in der Politik.

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