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Gentrifizierung in Berlin, Chausseestraße, Februar 2015.

Stadtplanung Gentrifizierung

Nervöses Rumoren in der Beletage

Teile der jungen urbanen Mittelschicht haben stark zur Gentrifizierung der Städte beigetragen. Jetzt geraten sie selbst unter Druck.

Von Werner Girgert

In den prosperierenden Großstädten der Republik fordern Mieterbewegungen und Stadtteilinitiativen bezahlbaren Wohnraum und machen lautstark mobil gegen Gentrifizierung und die fortschreitende sozialräumliche Spaltung. Wenn der Protest gegen steigende Mieten und Immobilienpreise vielerorts binnen kurzer Zeit die politische Diskurshoheit für sich beanspruchen konnte, dann steckt dahinter jedoch mehr als nur der Unmut der Armen und Geringverdiener über den wachsenden Verdrängungsdruck.

Die städtischen Protestbewegungen werden immer häufiger von milieu- und schichtübergreifenden Bündnissen getragen, in denen Angehörige der neuen urbanen Mittelschicht die Wortführerschaft übernommen haben, die über die erforderlichen sozialen und kulturellen Ressourcen verfügen, um ihre Anliegen öffentlichkeitswirksam zu artikulieren.

Die materiell abgesicherten Singles oder kinderlosen Doppelverdiener aus der wachsenden Dienstleistungsbranche, der Wissensökonomie und der Kreativwirtschaft und die zunehmende Zahl der stadtaffinen Familien mit Kindern und gutem Einkommen gelten als die eigentlichen Adressaten der kommunalen Aufwertungsstrategien, die den Innenstädten zu neuer Attraktivität als Wohn- und Arbeitsort verhelfen sollen. Auf der Suche nach Urbanität lässt sich diese überwiegend junge urbane Mittelschicht bevorzugt in den baulich und kulturell wiederbelebten Innenstadtvierteln nieder, in denen Künstler, kreative Kleinunternehmer und Studenten auf der Suche nach günstigem Wohnraum den Aufwertungsprozess bereits in Gang gesetzt haben.

Der szenetypische Mix

In den modernisierten Altbauquartieren mit ihrem szenetypischen Mix aus Bioladen, Starbucks-Café und Yoga-Zentrum ließ sich der Traum vom Leben in der Stadt mit einem halbwegs sicheren Einkommen bislang weitgehend problemlos realisieren, sei es zur Miete oder in der Eigentumswohnung, die sich angesichts schwindender Rentenanwartschaften auch als Alterssicherung wachsender Beliebtheit erfreut.

Luxussanierungen, die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen, Investoren, die ihr Geld vorwiegend in den Bau hochpreisiger Apartments stecken und die anhaltende Nachfrage auf den städtischen Wohnungsmärkten führen jedoch dazu, dass sich selbst Doppelverdienerhaushalte die galoppierenden Mieten und Immobilienpreise in den angesagten Quartieren in Berlin, München, Frankfurt oder Hamburg immer öfter nicht mehr leisten können. Eben noch Nutznießer der Gentrifizierung sehen sich weite Teile der gesellschaftlichen Mitte inzwischen als Verlierer der Wohnungsmarktentwicklung und müssen nun fürchten, in der nächsten Aufwertungsrunde von einer Gruppe zahlungskräftiger Nachfrager verdrängt zu werden, denen bei Mieten von mehr als 20 Euro pro Quadratmeter und Preisen von einer halben Million für die schicke kleine Eigentumswohnung die Luft noch nicht ausgeht.

So mischt sich in den Jubel über die erfolgreiche Transformation der Innenstädte mittlerweile die Statuspanik einer Mittelschicht, die ihren Lebensstandard seit dem Siegeszug des Neoliberalismus bedroht sieht. Auf den flexibilisierten Arbeitsmärkten ist die lange Zeit sicher geglaubte Aufwärtsmobilität einer neuen Ungewissheit gewichen, sinkende Realeinkommen lassen die finanziellen Spielräume schrumpfen und schüren Präkarisierungsängste, während gleichzeitig die Absicherung sozialer Risiken immer öfter der privaten Initiative überantwortet wird. Trotz gestiegener Nervosität hat sich die Mittelschicht um die Verteidigung des Sozialstaates bislang allerdings nicht verdient gemacht, wie der Soziologe Steffen Mau zurecht betont. Im Prinzip begrüßte man das neoliberale Projekt mit seiner Orientierung auf den Markt, auf Privatisierung, Deregulierung und Wettbewerb, das den weniger Leistungswilligen nun endlich Beine machen sollte. Statt auf Solidarität setzt man in der Mitte der Gesellschaft mehr denn je auf Abschottung gegenüber den sozial bereits Abgehängten, ob bei der Suche nach der besten Schule für den eigenen Nachwuchs oder auf den umkämpften Wohnungsmärkten, wo sich das Mitleid mit den Opfern der Gentrifizierung in Grenzen hält.

Eine Wagenburgmentalität

Seit es auch für die junge städtische Mittelschicht schwieriger geworden ist, die persönlichen Wohnpräferenzen und Lebensstiloptionen in den begehrten Innenstadtquartieren zu realisieren, erhält die Wagenburgmentalität aber erste Risse. Neben dem zwangsgeräumten Arbeitslosen, der studentischen Hausbesetzergruppe und dem türkischen Ladenbesitzer kämpfen in den lokalen Initiativen gegen Verdrängung nun plötzlich nicht nur Gentrifizierer der ersten Stunde, die schon in den 1980er oder 90er Jahren ins ehemalige Arbeiterviertel gezogen sind und jetzt die Luxussanierung fürchten. Seite an Seite mit ihnen streitet auch das junge Doppelverdienerpaar mit Kind, das seine geräumige Altbauwohnung kürzlich erst gemietet hat und sie nun schon wieder räumen muss, weil sie zu einem Preis verkauft werden soll, den die beiden nicht bezahlen können.

Es wäre indes voreilig, die temporären Zusammenschlüsse gegen die Auswüchse eines entfesselten Wohnungsmarktes bereits als Ausdruck eines neuen städtischen Wir-Gefühls zu deuten. Oder womöglich als Zeichen einer gruppenübergreifenden Solidarisierung, die sich der Einsicht der Mittelschichtakteure verdankte, dass sie mit ihrem Modell der Lebensführung und der Wahl des Wohnstandortes die innerstädtischen Aufwertungsprozesse mit vorangetrieben und damit in nicht wenigen Fällen zur Verdrängung vieler Geringverdiener beigetragen haben.

Gerade dann, wenn in der Wohlstandszone die Ränder bedroht scheinen und die eigenen Bemühungen zur Statussicherung jederzeit den Wechselfällen des Marktes zum Opfer fallen können, bleibt für viele kaum Zeit, den eigenen Lebensentwurf zu hinterfragen. Dann wird das sozial und kulturell homogene Quartier zu einer noch sicheren Bastion, die es, auch gegen Selbstzweifel, zu verteidigen gilt.

Die Stadtforscher Tim Butler und Garry Robson haben das am Beispiel der Wohnstandortwahl junger Mittelschichthaushalte in London als Coping-Strategie beschrieben. Die sozialräumliche Einigelung im vertrauten Kreativ- und Mittelschichtmilieu, die sich auch in den Szenevierteln deutscher Großstädte beobachten lässt, scheint jene Reste an Stabilität, Überschaubarkeit und Kontrolle zu gewährleisten, die an zahlreichen Arbeitsplätzen häufig verloren gegangen sind. Und die eigene Immobilie, schon immer Kernbestand der gelingenden Mittelschichtbiografie, verheißt immerhin Geborgenheit, wenn es immer aufreibender wird, den Status quo zu halten.

Nicht ganz uneigennützig

Tatsächlich ist das Engagement der Mittelschicht vielerorts nicht ganz uneigennützig und reicht oft nicht über bloße Zweckbündnisse zur Abwehr von Veränderungen im unmittelbaren Wohnumfeld hinaus. Wenn die geplante Verdichtung mit den Vorstellungen von einem lebenswerten Stadtviertel kollidiert oder den Wert der eigenen Immobilie zu schmälern droht, wächst zwar die Bereitschaft, sich mit anderen Gruppen zusammenzutun. Was sie eint, ist meist aber nicht mehr als das Sankt-Florians-Prinzip.

Wo für gewöhnlich das Nebeneinander der Milieus und die Abschließung nach unten dominieren, finden noch am ehesten diejenigen zu dauerhafteren Bündnissen zusammen, die neben der Vorliebe für das urbane Lebensgefühl auch die Herkunft aus dem bürgerlichen Elternhaus teilen. So kämpfen dann die Gentrifizierer aus der Mittelschicht gemeinsam mit den Pionieren der Aufwertung, der finanzschwachen aber artikulationsstarken Kultur- und Kreativszene, gegen die nächste Gentrifizierungswelle im Quartier und dafür, dass alles so bleibt, wie es ist.

Armin Hentschel vom Institut für Soziale Stadtentwicklung (IFSS) in Potsdam hat kürzlich darauf hingewiesen, dass dort, wo aktuelle stadt- und wohnungspolitische Probleme den Ausgangspunkt der Unzufriedenheit bilden, „die ökonomischen, verteilungs- und migrationspolitischen Hintergründe“ nur selten thematisiert werden. Häufig bleibt der Kampf gegen steigende Mieten und Gentrifizierung auf den Stadtteil beschränkt und erschöpft sich in wohlfeiler Kritik an Investoren und Käufern von Luxuswohnungen oder mündet in die Suche nach alternativen Baugruppen- und Genossenschaftsmodellen, den eher mittelschichtkonformen Lösungen. Bleibt der Erfolg aus, dann verpufft der Widerstand für gewöhnlich mit dem erzwungenen Umzug in ein preiswerteres Quartier.

Den Ursachen der zunehmenden sozialräumlichen Polarisierung in den Städten zu begegnen, hieße jedoch, das neoliberale Projekt grundsätzlich in Frage zu stellen und sich für gesamtgesellschaftliche Alternativen zu einer auf Deregulierung setzenden Arbeitsmarkt-, Wohnungs- und Stadtentwicklungspolitik stark zu machen. Das scheint derzeit mit den knappen Solidaritätsressourcen einer verunsicherten städtischen Mittelschicht nur schwer vereinbar.

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