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Navid Kermani hat mit Empörung auf die Aberkennung des hessischen Kulturpreises reagiert.

Hessischer Kulturpreis

Navid Kermani rügt Roland Koch

"Sehr geehrter Herr Koch, ich hoffe, dass sie sich wenigsten schämen...", lässt Navid Kermani dem hessischen Ministerpräsidenten ausrichten. Er ist über die Aberkennung des Kulturpreises für ihn empört.

Frankfurt/Main. Kein Brückenschlag zwischen Christen, Juden und Muslimen beim Hessischen Kulturpreis 2009 - stattdessen Streit und gegenseitige Vorwürfe. Auf Drängen der christlichen Preisträger, des Mainzer Kardinals Karl Lehmann und des Ex-EKHN-Kirchenpräsidenten Peter Steinacker, ist dem muslimischen Preisträger Navid Kermani die Auszeichnung wieder aberkannt worden.

Der iranischstämmige Schriftsteller und Publizist war dabei schon der zweite Kandidat, der den Islam repräsentieren sollte.Zuvor hatte das Kuratorium unter Vorsitz von Ministerpräsident Roland Koch (CDU) den in der Türkei geborenen Wissenschaftler Fuat Sezgin ausgesucht. Dieser hatte aber wegen Äußerungen seines jüdischen Mitpreisträgers, des Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland Salomon Korn, über die Auseinandersetzungen im Gaza-Streifen, abgelehnt.

Die Vertreter der beiden großen christlichen Kirchen distanzierten sich von Kermani, nachdem dieser zu Ostern in der "Neuen Zürcher Zeitung" (NZZ) einen Essay über Guido Renis Altarbild "Kreuzigung" veröffentlicht hatte. Zuvor hatte das Kuratorium - gewarnt nach der Ablehnung Sezgins - vorsichtshalber die Zustimmung der Kirchenvertreter zu dem neuen Preiskandidaten eingeholt.

In dem Essay äußere sich Kermani, der Mitglied der Deutschen Islamkonferenz ist, negativ über das christliche Symbol des Kreuzes, argumentierten Steinacker und Lehmann. Als Beleg dafür führten sie vor allem den Satz an: "Für mich formuliere ich die Ablehnung der Kreuzestheologie drastischer: Gotteslästerung und Idolatrie" (Götzendienst).

Von den Bedenken der Christen erfuhr Kermani von einem Mitarbeiter der Staatskanzlei, wie er in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ("FAZ"/Freitag) schreibt. In dem Telefonat habe er auch eine von Lehmann und Steinacker geforderte Erklärung abgelehnt, die den Essay "einordnen" sollte. Die Vorbereitungen zur Preisverleihung seien weiter gelaufen, erst am vergangenen Mittwoch habe er von einem "FAZ"-Redakteur erfahren, dass ihm die Auszeichnung aberkannt worden sei.

"Später erreichte mich eine Mail der Hessischen Staatskanzlei mit der Presseerklärung und einem Brief des Ministerpräsidenten, in dem er mich zu einer Podiumsdiskussion einlädt." "Sehr geehrter Herr Koch, ich hoffe, dass Sie sich wenigstens schämen. Mit freundlichen Grüßen aus dem katholischen Köln", beendet Kermani den Artikel. Die Staatskanzlei wies die Vorwürfe zurück. "Wir haben ihn unterrichtet, bevor wir die Öffentlichkeit unterrichtet haben", sagte der Sprecher der Landesregierung, Dirk Metz.

Erheblicher Gesprächsbedarf

"Die Grundidee des Kulturpreises 2009 ist gescheitert", brachte es der Präsident der Klassik Stiftung Weimar Hellmut Seemann auf den Punkt. Der mit 45000 Euro dotierte Preis, der seit 1982 bereits an eine Reihe namhafter Künstler - darunter Volker Schlöndorff, Til Schweiger, Florian Illies und Wolf Singer - vergeben wurde, sei diesmal eine Ehrung "für Repräsentanten der monotheistischen Konfessionen". Seemann, der Mitglied der Jury ist, macht aus seinem Unverständnis über Kardinal Lehmann keinen Hehl. Dessen Äußerungen zeigten, dass er einen Text nicht verstehen könne. "Das finde ich eine ganz schlimme Sache, wenn es um einen Kulturpreis geht." Lehmann wollte sich auch am Freitag nicht äußern.

Steinacker hingegen verteidigte seine Kritik: Kermani habe mit seinem Essay den Dialog nicht eröffnet, sondern beendet. "Der Begriff "Gotteslästerung" für den gekreuzigten Christus bleibt darin bis zum Ende unwidersprochen bestehen", argumentiert Steinacker. Grundlage des interreligiösen Dialoges "kann nur sein, dass man sich gegenseitig das Recht auf Selbstinterpretation zubilligt und dies nicht als blasphemisch (gotteslästerlich) denunziert". Kermani kommt in dem Essay aber zu dem Ergebnis: "Erstmals dachte ich: Ich - nicht nur: man -, ich könnte an ein Kreuz glauben." Dieser "ungenaue und unpräzise Schlusssatz" könne den Dialog - ohne Erläuterung - aber nicht einfach wieder eröffnen, argumentiert Steinacker.

"Es stimmt, dass ich in den ersten Sätzen die Ablehnung der Kreuzestheologie, die einem Nichtchristen doch zugestanden werden muss, sehr drastisch formuliere", schreibt Kermani in der"FAZ"."Aber der Artikel hört nicht bei diesen ersten Sätzen auf, sondern zeigt, wie mich das ästhetische Erleben bis an den Rand der Konversion (Übernahme anderer Glaubensgrundsätze) führt." Der Vorgang zeige, "dass es in der Gesellschaft erheblichen Gesprächsbedarf gibt", sagte Metz. Dass die Auffassungen zwischen den Religionsvertretern trotz langer Diskussionen am Ende unüberbrückbar blieben und nun lediglich Lehmann, Steinacker und Korn die Ehrung am 5. Juli in Wiesbaden erhalten, bedauern viele Kuratoriumsmitglieder.

Jury-Mitglied Prof. Manfred Kaufmann von der Universität Frankfurt sagte der dpa: "Wir haben alle viel gelernt." So bleibe in Deutschland noch einiges zu tun. "Man hat gesehen, dass die Gesellschaft in gewisser Weise doch noch gespalten ist", bedauerte der Mediziner.

Wichtig sei jetzt die Diskussionsveranstaltung, zu der neben den Preisträgern Lehmann, Steinacker und Korn auch Sezgin und Kermani kommen sollen, sagten Seemann und Kaufmann. Deren Ziel beschreibt die Staatskanzlei so: "Dass selbst angesichts so offensichtlich großer Unterschiede nicht übereinander, sondern miteinander geredet wird".Die Erkenntnis, dass für eine bestimmte Entscheidung die Zeit noch nicht reif sei, schließe die Verpflichtung ein, an der Verwirklichung der Ziele festzuhalten. (dpa)

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