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So vorausblickend und dann so verblendet: Napoleon, laut Künstler in der Schlacht von Waterloo. 

Napoleon

Napoleon I: Der Meteor

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Vor 250 Jahren wurde Napoleon geboren, er wurde verteufelt und vergöttert wie kein zweiter.

Natürlich war Napoleon nicht der Anfang, wie der Historiker Thomas Nipperdey es uns mit dem hübschen, viel zitierten Eingangssatz zu seiner großartigen Darstellung der deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts glauben machen will. Geschichte kennt keinen Anfang. Da, wo wir ihn zu sehen glauben, spiegelt sich lediglich unsere Sehnsucht nach klaren und einfachen Einordnungen überaus wirrer, zufälliger und in ihren Tiefen häufig kaum erkennbarer gesellschaftlicher, politischer, technologischer oder klimatischer Entwicklungen. Vor Napoleon war die Aufklärung, waren Montesquieus Schriften, war der Staatsbankrott des Frankreichs der Bourbonen, war der Niedergang einer die Wirklichkeit ausblendenden Hofgesellschaft, war schließlich eine epochale Revolution, deren gelehrigster Schüler der korsische Emporkömmling, geniale Feldherr und überragende Staatsmann Napoleon Bonaparte gewesen ist.

Er hat die Welt nicht neu erfunden, aber seine überragende Intelligenz, sein phänomenales Gedächtnis, sein bewundernswertes Organisationstalent und seine zupackende Skrupellosigkeit lassen viele Menschen bis heute glauben, dass es schließlich doch Einzelne sind, die Geschichte machen. Napoleons letztendliches Scheitern, zu dem nicht nur die von ihm teilweise selbst mitbestimmten gesellschaftlichen Entwicklungen an der europäischen Wende zur industriellen und staatspolitischen Moderne beitrugen, sondern auch die am Ende seines Adlerfluges kaum fassbaren eigenen Fehler und Versäumnisse, lässt solche Heldengläubigkeit nicht zu.

Alexander, Cäsar oder eben auch Napoleon waren Meteore, die am Himmel der Völker aufleuchteten, um nach unzähligen blutigen Schlachten und staatspolitischen Umwälzungen wieder zu verglühen. Was blieb und bleibt, sind der stets vom jeweiligen Zeitgeist geprägte Hass ihrer ideologischen Gegner und die Vergötterung durch ihre Bewunderer.

Das gilt auch für den Mann, der vor 250 Jahren, am 15. August 1769, im korsischen Ajaccio geboren wurde. Als die Bourbonen zurückkehrten, war die Verdammung das Gebot der Stunde. Aber als Frankreich nach der Revolution von 1830 in eine politische und gesellschaftliche Sinnkrise geriet, erinnerten sich die Franzosen an ihren ruhmreichen Schlachtengott und überführten seine sterblichen Überreste mit nationalem Getöse 1840 von St. Helena nach Frankreich. Bald verneigten sich Generationen vaterländisch gerührter Franzosen vor dem kaiserlichen Sarkophag im Pariser Invalidendom.

Ihr Held hatte diese neuerwachte Bewunderung durch seine unermüdliche Propaganda in eigener Sache entscheidend mitgesteuert. Denn Napoleon blieb zeitlebens sein bester PR-Berater. Jeder Schlachtenbericht, jedes offizielles Bulletin, alle seine in der trostlosen Verbannung auf Elba und St. Helena diktierten Erinnerungen und testamentarischen Verfügungen dienten dem einzigen Zweck, der Nachwelt ein Gemälde seines Lebens und seiner Taten zu vermitteln, wie er es gemalt wissen wollte.

Die Deutschen wiederum hatten im Kampf gegen die „Tyrannenherrschaft“ ihr Nationalgefühl entdeckt, und ihr Bild von Napoleons Auftritt in der Geschichte zeichneten sie stets in den dunkelsten Farben. Als die Bismarck-Preußen den selbsternannten Erben des Korsen, Napoleon III., schließlich 1870/71 auf dem Schlachtfeld schlugen, da dachten sie mit tiefer Genugtuung an die schmählichen Tage von Jena und Auerstedt zurück, als der erste Napoleon Preußens Armeen vor sich her trieb und ihr damaliger König nach Königsberg fliehen musste.

Bis auf wenige Ausnahmen haben die Deutschen den Heroen ihres westlichen „Erbfeindes“ eigentlich nie geliebt. Die Ausnahmen hießen Goethe („Lasst mir meinen Kaiser in Ruh!“), Heinrich Heine („Aber wie ward mir erst, als ich ihn selber sah“) oder Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der in Napoleon den „Weltgeist zu Pferde“ zu erkennen glaubte.

Die großen Schlächter des 20. Jahrhunderts, Hitler und Stalin, haben den Blick der europäischen Völker auf die „Großen“ ihrer Geschichte neu justiert. Auch Napoleon fiel dabei unter die verachtenswerten Tyrannen und Kriegstreiber. Erst in den letzten Jahren beginnen seine Biografen den Politiker, Staatsmann und Reformer Napoleon mit kühlerem, gerechterem Blick zu beschreiben – exemplarisch stehen dafür in Deutschland etwa Adam Zamoyskis 2018 übersetzte Biografie (FR v. 9.10.), Günter Müchlers in diesem Jahr erschienene umfangreiche Darstellung oder – in Kurzform – Johannes Willms’ Bändchen, das auf seiner großen Biografie von 2005 basiert.

Napoleons Kriege kosteten nicht mehr Opfer als andere vor den großen Kriegen des 20. Jahrhunderts. Seine Gegner Zar Alexander I., der Habsburger Franz I. oder Preußens Friedrich Wilhelm III. ließen ihre jungen Untertanen nicht weniger machtgierig in die Schlachten ziehen. Der britische Premierminister William Pitt der Jüngere strebte die englische Hegemonie in Europa nicht skrupulöser an als sein Gegner die französische.

Napoleon war nicht der Zerstörer der Revolution – sie hatte sich durch Terror, Nepotismus und Korruption selbst stranguliert -, sondern ihr nüchterner, aufgeklärter Retter. Der Code Napoléon gehört zu den wichtigsten, bis heute nachwirkenden Errungenschaften der Aufklärung. Unter seiner Regie wurde Frankreichs Verwaltung zentralisiert. Er begründete in den von ihm beherrschten Territorien ein für die damalige Zeit überaus modernes Bildungssystem. Die von ihm durchgesetzte Neuordnung der europäischen Machtverhältnisse verhalf den Ideen von Freiheit und Gleichheit in vielen europäischen Staaten und fürstlichen Territorien zumindest ansatzweise zum Durchbruch. Selbst seine reaktionären Gegner, die sich beim Wiener Kongress zur Beuteverteilung trafen, konnten die Errungenschaften der napoleonischen Reformen nach dessen Sturz nicht – wie erhofft – vollständig rückgängig machen.

Napoleon hat Gesetze gebrochen. Die Entführung und Hinrichtung des Herzogs von Enghien war nicht weniger willkürlich als die Erschießung des Nürnberger Buchhändlers Palm. Beide waren Gegner des Kaisers und propagierten dessen Sturz. Napoleon verweigerte ihnen jede gerichtliche Untersuchung. Seine Feinde haben diese und andere Untaten mit den grellsten Anklagen verurteilt. Wie es aber im zaristischen Russland dieser Jahrzehnte, im Preußen der Hohenzoller oder im Österreich der Habsburger in der Causa Rechtsstaatlichkeit aussah, darüber deckten sie den Mantel des Schweigens und streuten ihren Völkern mit der Bildung einer heuchlerischen „Heiligen Allianz“ lieber Sand in die Augen.

Die fatalste Folge des Auftritts Napoleons ist vielleicht die Herausformung der modernen Nation. Schon die Revolution wollte der Welt im Namen Frankreichs ihren Glauben mit Gewalt aufzwingen. Napoleon sprach in seiner Glanzzeit zwar immer wieder vom europäischen Friedensimperium, aber er ließ keine Zweifel aufkommen, dass dieses unter der Führung Frankreichs zu stehen habe. Im Kampf gegen seine Herrschaft wurde während der Befreiungskriege in Deutschland der Ruf nach der deutschen Einheit mit zunehmender nationalistischer Schärfe laut. Bald folgte das italienische Risorgimento und das Unabhängigkeitsstreben im Habsburger Vielvölkerstaat. Wir Nachgeborenen wissen, welche Folgen diese immer radikaleren Stimmen für die europäische Geschichte hatten.

Das Urteil über Napoleon bleibt auch 250 Jahre nach seiner Geburt gespalten. Wer die Grenzen seiner Macht und seines Gestaltungswillens nicht erkennt, stürzt sich selbst in den Abgrund. Aber le petit caporal wuchs in den nicht einmal zwanzig Jahren, in denen er Europa seinen Stempel aufdrückte, zu einer Jahrhundertgestalt heran.

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