Vor zehn Jahren war dieses kontinuierliche Erfassen von Daten, die der Körper produziert, noch ziemlich neu und hieß „Selbstvermessung“.

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Namenlos normal

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Das Erfassen von Daten, die der eigene Körperproduziert, war mal umstritten. Wie hat sich das so schnell geändert?

Hände waschen, Abstand halten, Daten spenden – Ihr Beitrag gegen Corona.“ So bewirbt das Robert-Koch-Institut seine Anfang April 2020 gestartete App unter corona-datenspende.de. Über eine halbe Million Menschen hat die App heruntergeladen und mit ihrer Smartwatch oder ihrem Fitnessarmband verbunden. Das RKI möchte damit unter anderem anhand eines erhöhten Ruhepulses erkennen, ob die Beteiligten Fieber bekommen.

Vor zehn Jahren war dieses kontinuierliche Erfassen von Daten, die der Körper produziert, noch ziemlich neu und hieß „Selbstvermessung“. Seit 2011 gab es „Quantified Self“-Konferenzen in den USA und Europa. In der Berichterstattung ging es häufig um die Frage, ob es sich nur um „eine extreme Form von Hypochondrie und Narzissmus“ handle. So formulierte es ein Autor der „Welt“ im Dezember 2011 unter dem Titel „Messen von Körperfunktionen kann süchtig machen“. Auf jeden Fall sei die „gesunde Selbstbeschäftigung“ ein schmaler Grat, hieß es 2012 in der „FAZ“, und weiter: „Die Quantified-Self-Bewegung, die jedem Graphen, jeder Statistik huldigt, ist nur die Zuspitzung unserer übersteigerten Zahlenaffinität. Besonders absurd an der Sammelwut ist, dass die Zahlen am Ende dazu dienen sollen, unserem Körper Gutes zu tun – einem Körper, der uns fremd geworden ist, auf den wir nach der Quantified-Self-Logik längst nicht mehr hören. Seine innere Stimme haben wir auf stumm geschaltet. An ihre Stelle ist die Maschine getreten, die zu uns spricht.“ Christoph Kucklick fasst diese Art der Vorwürfe in seinem Buch „Die granulare Gesellschaft“ zusammen: „Messen ist kalt, das Leben ist warm – und der Temperaturunterschied nicht zu überbrücken.“ (Ein Zitat, das ich leider noch nicht kannte, als es in dieser Kolumne im März 2019 darum ging, dass das Neue oft als kalt und das Alte als warm bezeichnet wird.)

Die „Quantified Self“-Konferenzreihe ist 2018 zu Ende gegangen, „Selbstvermessung“ als Bezeichnung aus der Mode gekommen. Wer jetzt Dinge tut, die vor zehn Jahren als besorgniserregender Quatsch galten, ist kein Selbstvermesser mehr, sondern einfach nur jemand, der einen Fitnesstracker oder eine Smartwatch trägt. Zehn Millionen Menschen in Deutschland besitzen so ein Gerät.

Daraus kann man nicht ablesen, dass damals alle unrecht hatten und wir heute korrekt erkennen, dass ein Fitnesstracker kein Knechtungswerkzeug des Kapitalismus, sondern so banal wie eine Armbanduhr ist. Das geht schon deshalb nicht, weil eine Armbanduhr alles andere als banal ist und man über sie genau die gleichen Geschichten von Messen, Zählen und Kapitalismus erzählen kann. Aber wie hat die Praktik des Körperdatenerhebens in so wenigen Jahren den Sprung vom Nerdgehabe zur Normalität geschafft?

Hilfreich war sicher das Andocken an den Sportbereich mit der Bezeichnung „Fitnesstracker“. Was zum Sport gehört, kann nur noch schwer in den Verdacht der Nerd-Schrulligkeit oder der Hypochondrie geraten. Allenfalls der Narzissmusvorwurf kommt jetzt noch infrage. Sportliche Betätigung ist niemals lächerlich – es sei denn, sie sieht anders aus als bisherige Betätigungen, wie man um 2005 an der Welle des Spotts sehen konnte, die sich über das arme Nordic Walking ergoss. Kleines Sportzubehör ist besser als großes; es sei denn, man trägt es mitten im Gesicht wie die ebenfalls öffentlichen Widerwillen auslösenden Nasenpflaster der 90er Jahre, die die Leistung steigern sollten. Ein Fitnesstracker aber ist ein kleines und unauffälliges Ding, das noch etwas erfolgreicher wurde, als es ab 2013 ans Handgelenk wanderte. Das Handgelenk ist ein etablierter Anbringungsort für seriöses Lebenszubehör. Ab 2014 taucht der Begriff „Fitnessarmband“ vermehrt auf.

Für das Tragen eines Fitnessarmbands gibt es so wenig ein eigenes Wort wie für das Tragen einer Uhr. Das trägt weiter zum Unsichtbarwerden der neuen Praktiken bei. „Selbstvermesser“ war ein Begriff, der die Menschen in zwei Gruppen einteilte, und wo zwei Gruppen existieren und eine davon neu ist, liegt der Verdacht nahe, dass diese neue Gruppe aus Vollpfosten besteht. Nicht alles Normale ist namenlos, aber wenn etwas namenlos ist, ist es meistens normal.

Der Weg bis zu dieser Normalisierung ist für das Neue von heute kürzer als für das Neue von früher. Die Bauteile sind so winzig geworden, dass die meisten Erfindungen keinen Rucksack voller Technik erfordern, der den Spott der Umstehenden und Kritik in den Medien hervorrufen könnte. Schwierig bleibt es nur für Neuerungen, die im Gesicht getragen werden wie das gescheiterte „Google Glass“ oder derzeit VR-Brillen. Vielleicht ist es einfacher, wenn wir uns zusätzliche Augen an unauffälligeren Orten wachsen lassen. Zum Beispiel an den Handgelenken.

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