Im Zusammenhang mit dem Coronavirus ist oft von einer Rückkehr zur Normalität oder einer Beibeihaltung normaler Praktiken die Rede.

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Nähe aus der Ferne

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Nach Corona könnten andere Wörter für unsere sozialen Praktiken gebraucht werden. Das muss nicht schlecht sein.

Der Begriff des „Social Distancing“ ist irreführend, darauf haben in den vergangenen Wochen viele hingewiesen. Es sind die Körper der anderen Menschen, zu denen wir Distanz halten sollen. Sozialleben ohne räumliche Nähe wurde schon praktiziert, als das Coronavirus noch ein Geheimtipp unter Fledermäusen und das Internet nicht erfunden war: Man telefoniert, man schreibt Briefe, man schreit den Nachbarn wichtige Auskünfte über die Grundstücksgrenzen hinweg zu. Tom Standage hat in seinem Buch „The Victorian Internet“ die soziale Gemeinschaft der Telegrafistinnen und Telegrafisten im 19. Jahrhundert beschrieben, ihre aus der Ferne gepflegten Freundschaften, telegrafischen Flirts und gelegentlichen Heiraten: „Im richtigen Moment drückten Braut und Bräutigam den Morsetaster, um so ihr feierliches Jawort zu geben. Nach dem Ende der Zeremonie trafen zahlreiche Glückwunschnachrichten von allen Stationen der Linie ein. Der Bräutigam wurde noch Jahre später von Kollegen herzlich begrüßt, die, wenn sie seinen Namen erfuhren, ausriefen, dass sie bei seiner Hochzeit gewesen waren.“

Eigentlich müsste das „Social Distancing“ also „Räumliche Distanzierung“ heißen, so wie es der Wikipediaeintrag vormacht. Derzeit ist häufig die Vermutung zu lesen, dass wir durch die Corona-Krise herausfinden werden, wie wichtig räumliche Nähe fürs Sozialleben ist. „Vielleicht, wer weiß“, hieß es abschließend vor einigen Tagen in einem Artikel in der „Süddeutschen Zeitung“, „setzt sich nach ein paar Wochen auch einfach die Erkenntnis durch, dass der persönliche Kontakt durch nichts zu ersetzen ist.“ Vielleicht aber auch nicht. Jedenfalls wenn man davon ausgeht, dass mit „persönlicher Kontakt“ auch hier wieder „räumliche Nähe“ gemeint ist, denn an der Pflege von Kontakten wird ja niemand gehindert, der über Zugang zum Internet, ein Telefon oder Nachbarn in Schreientfernung verfügt.

Ich habe in den letzten Wochen einige erfreuliche Formen des persönlichen Kontakts ohne räumliche Nähe zum ersten Mal ausprobiert: abendliche Videotreffen mit Freundinnen und Freunden, die bisher noch nie körperlich am selben Ort waren – aus Organisationsträgheit oder weil sie in unterschiedlichen Städten und Ländern leben. Feierabendgetränke per Video mit Menschen, in deren Beruf es einen Feierabend gibt und die ich seit vielen Jahren nicht gesehen hatte.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de

Wenn ich genug vom Reden habe, muss ich mir keine Gedanken darüber machen, wie ich jetzt nach Hause gelangen soll, sondern brauche nur den Laptop zuzuklappen und ins Bett zu fallen. Falls ich nicht sowieso schon darin liege – eine soziale Praktik, über die die Meinungen in meinem Bekanntenkreis auseinandergehen. Manche sagen, die Kameraperspektive sei ungünstig und unseriös. Anderen gelingt es, auch im Bett glamourös auszusehen. Ich habe an einem Elektroschrott-Konzert mit anschließender Führung durch eine wunderschöne Gerätesammlung beim Vater einer Freundin teilgenommen. Ohne das Coronavirus hätte ich dazu nach Sankt Gallen reisen müssen, was ziemlich sicher nie passiert wäre. Netto ist die Corona-Sozialbilanz für mich bisher positiv.

Manches funktioniert ein bisschen schlechter als bisher, aber dafür wird anderes zum ersten Mal möglich. Die Autorin Tanja Kollodzieyski, die im Rollstuhl sitzt und als @RolliFraeulein twittert, schrieb vor einer Woche: „Können wir nur diese Streamkultur behalten, die all diese (für mich) barrierefreien Möglichkeiten bietet? (...) Ich habe in den letzten Tagen so viel Verschiedenes an Kultur erlebt. Ich war im Museum, auf Lesungen, bei Konzerten, in der Oper (nichts für mich), im Watt. Ich fühle mich teilweise wie Alice im Wunderland – darf ich das behalten?“

Im Zusammenhang mit dem Coronavirus ist oft von einer Rückkehr zur Normalität oder einer Beibeihaltung normaler Praktiken die Rede. Aber „normal“ bedeutet ja nicht „besser als alle denkbaren Alternativen“. Es heißt einfach nur, dass bestimmte soziale Praktiken in den vergangenen Jahren eben häufiger waren als andere. Meistens gibt es außerdem für das Normale kein besonderes Wort, nur die Abweichung muss bezeichnet werden: Videokonferenz, Remote-Meeting, Homeoffice, virtuelles Treffen. Wenn der Wunsch des Rollifräuleins in Erfüllung geht und wir die Streamkultur behalten dürfen, wird die Normalität der Zukunft andere Wörter erfordern: „Ortsgebundene Konferenz“, „Anreisepflichtige Besprechung“, „Körperliche Verabredung“. Alles, was nicht so heißt, lässt sich von überallher durchführen. Die Frage, ob man sich dazu aufrecht hinsetzen muss oder nicht, wird sich bis dahin schon klären lassen.

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