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Michel Legrand im Jahr 2005 bei Konzertproben in Madrid.

Filmkomponist Michel Legrand

Der Klang der Nouvelle Vague

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Er war einer der größten Filmkomponisten: Zum Tod von Michel Legrand.

Es war eine besondere Zeit in der Filmgeschichte, als Michel Legrands große Stunde schlug. Anfang der 60er Jahre kamen die jüngsten und frischesten Filme der Welt aus Frankreich. Und sie verlangten nach Musiken, die diesem Esprit entsprachen. Auch Agnès Varda, die Pionierin der Nouvelle Vague, verzichtete gern auf konventionelle Orchestermusik. 1961 gab sie dem erfolgreichen Jazz-Pianisten und Arrangeur für Edith Piaf oder Maurice Chevalier den Auftrag für „Cleo – Mittwoch zwischen 5 und 7“. Der Film handelt von zwei Stunden im Leben einer Chanson-Sängerin, die glaubt, an Krebs erkrankt zu sein, und dennoch tiefes Lebensglück verspürt. Legrands lyrische Filmmusik trägt wesentlich dazu bei, dass man diese komplexe Mischung aus Tragik und Heiterkeit intuitiv versteht. Legrand hatte damals bereits seit fünf Jahren für das Kino komponiert und etwa Marcel Carnés Halbstarken-Drama „Gefährliches Pflaster“ in die nötige musikalische Coolness verschafft. Es war ein Wendepunkt in der französischen Filmgeschichte: Hier der Regieveteran, der sich an einem Jugenddrama schwertut. Dort ein junger Komponist, dem die Zukunft gehört.

Die Leichtigkeit und Anmut seiner Kompositionen bestimmt nachhaltig unsere Vorstellung vom Kino der Sechziger Jahre. Bei einem Interview im Jahre 1995 fragte ich Legrand, was für ihn das Besondere an dieser Kinoperiode gewesen sei. Er antwortete: „Es waren sehr emotionale Filme, und das ist das Schönste für einen Filmkomponisten. Filme haben mich nie eingeschränkt, sondern immer beflügelt. Nehmen Sie mein Beispiel: Ich habe ein paar Sachen komponiert, aber ohne Filme hätte ich es nie getan.“

Das allerdings war nur schwer zu glauben. Man denke nur an einen seiner großen Evergreens, „The Windmills of Your Mind“, den Oscar-gekrönten Song aus „Thomas Crown ist nicht zu fassen“. Dieser Song hat in unzähligen Versionen ein derartiges Eigenleben, dass viele gar nicht wissen, dass er aus einem Film stammt. Hätte er auch den nie geschrieben? „Nein, nie. Erst der Film bringt mich dazu so etwas zu schreiben.“

Legrand, der in seinen Anfängen für das Fernsehen Stummfilme begleitet hatte, schien die Klänge von der Leinwand förmlich abzuspielen. Er besaß eine seltene Gabe für das Melodische, was ihn insbesondere für das Musical-Genre prädestinierte. Agnès Vardas Ehemann, der Regisseur Jacques Demy, hatte eine sehr eigene Vorstellung davon. In Demys Meisterwerk „Die Regenschirme von Cherbourg“ (1964) wird jeder Satz gesungen, wenn auch nicht von den Schauspielern. Beim kongenialen Folgefilm „Die Mädchen von Rochefort“ musste sogar Hollywoodstar Gene Kelly mit einer fremden Stimme leben. In einer mitreißenden Straßenszene steppt er zu Legrands jazzigem Piano-Score. Auch in diesem Metier war er Weltklasse, arbeitete etwa mit Django Reinhardt, John Coltrane, Ben Webster, Gerry Mulligan und Miles Davis.

Ebenso beeindruckend ist die Liste der Regisseure, mit denen er an seinen insgesamt mehr als 200 Filmmusiken zusammenarbeitete: Marcel Carné („Gefährliches Pflaster“), Jean-Luc Godard (unter anderem „Die Außenseiterbande“, Sidney Pollack („Das Schloss in den Ardennen“), Joseph Losey (unter anderem „Der Mittler“), Steve McQueen („Le Mans“), Clint Eastwood („Begegnung am Vormittag“), Andrzej Wajda („Eine Liebe in Deutschland“) oder Robert Altman („Prêt-à-Porter“).

Erst im vergangenen Herbst erlebte Orson Welles’ „The Other Side of the Wind“ ihre späte Fertigstellung – mit Musik von Michel Legrand, der noch mit Welles gearbeitet hatte, 1973, bei „F wie Fälschung“. Nicht weniger als zwölfmal wurde er für den Oscar nominiert, gewinnen konnte er ihn nach dem Song „Windmills of Your Mind“ noch für die Filmmusiken zu „Sommer ‚42“ und Barbra Streisands „Yentl“. Unermüdlich arbeitete er sechs Jahrzehnte lange parallel für Kino, Konzert und Bühne – eines seiner letzten Projekte war eine Pariser Theateradaption von Jacques Demys Film „Die Eselshaut“, zu dem er Musik und Songs geschrieben hatte.

Wer ihn erlebte, etwa als Dauergast in Cannes, sah ihn meistens in ansteckender Fröhlichkeit. 2013 begleitete er Jerry Lewis zur Pressekonferenz des Films „Max Rose“. Eine der ersten Fragen galt Lewis’ einstigen Partner Dean Martin. Lewis’ einsilbig vorgebrachte Antwort explodierte erst als Spätzünder. „Er ist gestorben, wussten sie das nicht?“

Nach kurzer Stille im Saal lachte einer der anwesenden umso heftiger: Michel Legrand. Der Lachkrampf dauerte an, so dass Lewis nachlegen musste. „Als ich hier ankam und er nicht da war, merkte ich gleich, da stimmt was nicht.“ Er lachte noch mehrere Minuten, auch nachdem alle im Saal wieder zur Tagesordnung übergegangen waren. Eben diese Lebensfreude fand sich bis zuletzt in Michel Legrands Musik. Unerwartet starb er 86-jährig in Paris.

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