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Der Messeturm Helmut Jahns wurde für die Frankfurter Skyline zu einer Bereicherung. Foto: Peter Jülich
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Der Messeturm Helmut Jahns wurde für die Frankfurter Skyline zu einer Bereicherung.

Architektur

Nachruf auf Helmut Jahn: Blickfänge bauen

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
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Zum Tod des Architekten Helmut Jahn, dem Frankfurt ein besonderes Bauwerk verdankt: den Messeturm

Helmut Jahn setzte Vertrauen in die Postmoderne, und die Postmoderne hatte Vertrauen in ihn. Es wurde für beide eine Dauerbeziehung und sie galt als eine Win-win-Situation, nicht nur in Chicago, auch in Deutschland, von München über Frankfurt bis Berlin. Jahns Bauwerke verkörpern die Postmoderne, seine Baukörper artikulieren sie. Ob der Messeturm in Frankfurt, das State of Illinois Center in Chicago oder das Flughafen-Center in München. Am Wochenende ist Helmut Jahn gestorben, tragisch bei einem Verkehrsunfall.

Geboren 1940 in Zirndorf bei Nürnberg, ging Jahn mit 26 nach Chicago, in eine der Hochhausmetropolen der Welt, in die Stadt von Mies van der Rohe, der, nach seiner Emigration in die USA, die Skyline epochal weiterentwickelt hatte, beherrschte nicht mit den höchsten Türmen, aber mit ungemein eleganten. Less is more, weniger ist mehr. So eindringlich der Einfluss von Mies, zunächst, Jahn ging Zurückhaltung bald ab. Reduktion wurde nicht seine Sache.

Mit 27 Jahren der Eintritt in das Büro von C.F. Murphy Associates, mit 33 bereits Partner, 1981 die Umbenennung in Murphy/Jahn, 1983 die vollständige Übernahme. Seitdem eine Entwicklung, die man als einen Siegeszug bezeichnen kann, tituliert als die „Geschichte eines grenzenlosen Erfolgs“, wie es in einem Buch hieß, 1992. Es markierte den Anfang einer Entwicklung ebenso im Architekturbuch, auch als Werbemittel seitdem gang und gäbe.

Allerdings, Architektur lebt nicht erst seit Jahn von Slogans. Zudem als Exzentriker galt Jahn, weil er Hut trug. Doch worum ging es dann bei den Reaktionen, etwa um Ressentiments? Existierten von der Exzentrik bloß erbärmliche Vorstellungen? Hut hin oder her, Jahn brachte es zu einem Ruf, bei dem der Spitzname nicht trefflicher hätte ausfallen können: „Turmvater Jahn“. Chapeau, so darf man wohl sagen.

Sein Hauptquartier in Chicago bezog er in einem berühmten Gebäude – einem berüchtigten auch. Imagepflege. Mit einem Lift ging es auch für uns hinauf, in einem Autolift, den schon Al Capone genutzt hatte, für seine Gangsterkarossen. Unvergessen der Blick über die Hochhauscity schlechthin, zum Michigan See hin die berühmten Appartementhochhäuser Mies van der Rohes am Lake Shore Drive. Mit dem schweifenden Blick eine Attraktion neben der anderen, darunter, mit der Hand scheinbar greifbar, der neugotische Chicago Tribune Tower von 1925. Weiter entfernt, in Gegenrichtung, der bis in die 1990er Jahre höchste Wolkenkratzer der Welt, der (mittlerweile umbenannte) Sears Tower, ebenfalls im International Style. Dessen smarte Eleganz Jahn gründlich verwarf, wie ein Gang durch das Büro zeigte. Darin kein Arbeitsplatz, auf dem nicht das Modell einer Riesensache gestanden hätte.

Jahn war unter den Global Playern der 80er, der 90er Jahre der Tausendsassa schlechthin. Er reagierte schnell, er muss seine Bauherren und Investoren rasant überzeugt haben, so baute er dann auch. Mit dem Messeturm in Frankfurt gelang ihm ein Coup. Inbegriff der Postmoderne, wirkt das Bauwerk dennoch nicht abgenutzt, anders als viele seiner Art. Wegen der geschickten Verwendung von Art-Déco-Zitaten? Auch. Frankfurt erhielt durch Jahn ein Hochhaus, dem seine Entstehungszeit klar ablesbar ist, 1991 ungemein up to date, ist es dennoch zu einem Klassiker der Turmbauten aufgestiegen.

„Ein Gebäude muss so sein, dass ein zehnjähriges Kind es zeichnen kann“, lautete einer seiner Sätze, ein Slogan, nicht nur griffig, sondern natürlich verblüffend, denn wie wollten den allein Absolventen eines Architekturstudiums einlösen? Jahn, das „Wunderkind am Michigan-See“ („Die Zeit“ 1983) hinterließ nicht nur Wunderwerke. Eher Überwältigungsarchitekturen wie mit dem Sony-Center am Potsdamer Platz, heftig instrumentiert, pompös orchestriert. Aber, klar, gleißende Kulisse für die Berlinale.

Das State of Illinois Center in Chicago mit der zentralen Rotunde, 100 Meter hoch, verkleidet mit 25 000 Glasplatten in einem Stahlskelett von 10 000 Tonnen, war ebenso als gebauter Glamour gedacht wie der „Marktplatz“ des Münchner Flughafens im Erdinger Moos. Die große Geste wurde zur Handschrift, hier ein Membrandach aus Glas, das in 41 Meter Höhe die L-förmigen Gebäudeflügel überspannt, diese wiederum je 120 mal 76 Meter. Big ist more. Ob das Kempinski Airport Hotel für den Flughafen München, die Bayer-Konzernzentrale in Leverkusen oder der Skyline-Tower in München: Gemessen an den Ergebnissen war Jahns Satz, Architektur müsse „sich sehen lassen können“, bescheiden. Denn was er baute, wurde zum Blickfang, Eyecatcher – wie auch immer man dazu steht. Jahn hat dafür selten das Einverständnis auf sich gezogen, im Gegenteil, Widerspruch, ob nun für das Neue Kranzler Eck am Berliner Kudamm oder sein Hochhaus am Bonner Rheinufer, den Post-Turm, heftigst umstritten.

Seinen Bauherren und Investoren bot Jahn Bilder an, Imagebuildings, auch in Frankfurt, wo sein Turm davon überzeugte, eine geänderte Ansicht über Wolkenkratzer in die Stadt einziehen zu lassen. Die Meinung über Mainhattan entspannte sich durch ihn, den Big Shot aus Chicago. Wo zuvor gegenüber Hochhäusern Skepsis, eisige Ignoranz oder hitzige Ablehnung herrschten, war es der Messeturm, der eine geänderte Haltung heraufziehen ließ. Ob es die Anklänge ans Art Déco waren oder eine offensichtlich stark dekorierte Fassade, sei dahingestellt. Ungemein rank dieser Turm, ein mehrkantiger, angespitzter Rotstift, Sinnbild auch.

Häufig seit 1991 ist Jahns Messeturm als eine Ikone bezeichnet worden. In einer Welt wie der Architektur, in der es vor Ikonen nur so wimmelt inmitten einer globalen Ikoneninflation, ist Helmut Jahns Messeturm immerhin ein Solitär. Man darf wohl zu ihm aufsehen wie zu einer Rarität, die es so oft nicht gibt, wahrhaftig nicht, vielleicht sogar weltweit.

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