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Gefalteter Beton, wie geknetet, grandiose Skulptur: die Wallfahrtskirche von Neviges (im Hintergrund; vorne das Pilgerzentrum).
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Gefalteter Beton, wie geknetet, grandiose Skulptur: die Wallfahrtskirche von Neviges (im Hintergrund; vorne das Pilgerzentrum).

Architektur

Nachruf auf Gottfried Böhm: Im Zeichen der Burg

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
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Eigenwillig der Kopf, expressiv die Handschrift: zum Tod des Architekten Gottfried Böhm, der im Alter von 101 Jahren gestorben ist.

Beharrlich blieb Gottfried Böhm beim Bleistift, mit ihm beugte er sich über seine Pläne, so nahmen seine Bauwerke Gestalt an, unter der Hand, nicht aus dem Computer. Denn darauf bestand er, auf Skizzen von Hand. So stammte denn sein Werk aus dem Geist der Bleistiftzeichnung, nicht von ungefähr auch aus dem der Kohlestifte, der nicht weniger weichen Filzer, mit denen der Strich umso schwungvoller ausfiel, sanft dennoch. Die Linie schön, vom Oval der Elan. So gab er seinen Gebäuden Gestalt, so gab der Architekt, der jetzt im Alter von 101 Jahren gestorben ist, seinem Gedanken Ausdruck, dass Bauwerke als Baukunst gedacht werden müssen.

Eigenwillig der Kopf, expressiv die Handschrift: So führte es im Januar des vergangenen Jahres noch einmal das Deutsche Architekturmuseum (DAM) vor Augen in einer Ausstellung. Anlass war die Würdigung zum 100. Geburtstag, eine Verneigung auch vor dem letzten Verbliebenen unter den großen Architekten der letzten 50, mehr als 60 Jahre, neben den beiden enorm einflussreichen, Oswald Mathias Ungers oder Frei Otto, einer von den drei so einzigartigen B.: Günter Behnisch (1922-2010), Heinz Bienefeld (1926-1995), er selbst.

Nicht von ungefähr im Mittelpunkt der Schau Neviges, nein „Neviges“: Sinnbild einer Beton-skulptur, seit Jahren sanierungsbedürftig, der Beton rissig, die Außenhaut schorfig, eine schmuddelige Anlage, wie Fotos belegten. Auch die Wallfahrtskirche entwickelte Böhm 1962/63 durch die Fertigkeiten einer bildhauerisch geschulten Hand. Als ließen sich die Baustoffe Böhms, vor allem der Beton, kneten.

Was Gottfried Böhm zeichnete, an Kirchen, an öffentlichen Gebäuden, als Vorschlag auch zum Umbau der Wallot’schen Reichstagskuppel, verriet das Pathos der Expressionisten. Zuweilen jedoch ließen die sanften Blätter kaum die Dimensionen seiner schließlich realisierten Bauten deutlich werden.

Wuchtige Betonskulpturen

Wuchtige Betonskulpturen ließ der Architekt bauen, pathetische Burgen säkularer Selbstdarstellung, theatralische Monumente des Sakralen. Und doch spürte er, immer wieder, sensibel der je besonderen Stimmung vor Ort nach – um das anmutige Idyll dann mit der Allgegenwart des Monumentalen zu konfrontieren. Das weite Feld einer Kulturlandschaft und bäuerlichen Sesshaftigkeit sah sich in Böhms sakraler Zeltarchitektur plötzlich Symbolen einer nomadischen Existenz gegenüber. Symbiose durch Konfrontation.

Schon sein Anbau zur historischen Godesburg, 1956 in Bad Godesberg (bei Bonn) entstanden, erwähnte nicht nur beiläufig, sondern artikulierte selbstbewusst das Risiko imponierender Erweiterung historischer Architektur. Wie später auch, etwa in Bensberg (1962-64): Mit seinem Rathaus schreibt er Architekturgeschichte. Der Rathausturm über der Stadt, an dem sich wellenförmig die Fensterbänder zur Spitze schlängeln, setzt die Höhenlinien des Berges fort. Obwohl das Gebäude als Menetekel moderner Hybris verschrien wurde, gelingt Böhm vielmehr, oberhalb der Idylle mittelalterlicher Gassen und unmittelbar neben der Anlage einer historischen Ringburg, ein großes Zeichen. Unverputzt sucht der alles beherrschende und doch wie eine freie Plastik wirkende Rathausturm eine Beziehung zum historischen Kontext.

Diese Betonarchitektur im Bergischen Land, die Grundlinien der ursprünglichen Anlage weiterinterpretierend, wurde, wie vieles, was Böhm baute in den 60er Jahren, errichtet im Zeichen der Burg. Als Skulptur beherrscht sie weiterhin die Umgebung. Gottfried Böhm, Sohn des großen Kirchenbaumeisters Dominikus Böhm, dramatisierte über der historischen Stadt den Wert der Demokratie durch rohen Beton.

Bauen im prekären Kontext. Böhm realisierte dies immer wieder, auch in den anderen seiner verschiedenen Stilepochen: der eher malerischen der 50er Jahre; der expressiv-plastischen der 60er und 70er; der schließlich großen, rhetorischen, der durchaus zu Transparenz tendierenden Geste der 80er und 90er Jahre. Böhms Architektur hat sich stets dazwischengezwängt, die Fuge zwischen Historie und traditionsbehafteter Moderne genutzt.

Bauen unter spannnungsgeladenen Umständen. Gelang es immer, etwa in Köln-Chorweiler? Schon der Name ist Synonym für den gestapelten Schrecken. Auf den Besucher wirkt eine trostlose Stätte sozialen Wohnungsbaus, eine aufgetürmte Baumasse, eine Unterbringungsanlage menschlichen Lebens. Mittendrin, zwischen aller städtebaulichen Drangsal: Gottfried Böhms drei bis achtstöckige Häuserzeile. Was hier Anfang der 70er Jahre entstand, bannte nicht den Schrecken, sondern suchte ausgerechnet an einem von der Unwirtlichkeit umtosten Ort Verweilqualitäten.

Dass der am 23. Januar 1920 in Offenbach geborene Böhm ursprünglich Bildhauer werden wollte, ist seinen Bauten abzulesen. 1986 wurde er mit dem bedeutendsten Architekturpreis der Welt ausgezeichnet, dem mit dem Nobelpreis vergleichbaren Pritzker-Preis, den unter den deutschen Architekten nur noch Frei Otto erhielt, postum. Gewürdigt wurde ein Architekt, dessen Gebäude nach den Gesetzen von Körperlichkeit und Präsenz durchgebildet sind. Rau seine Materialien, spröde die Betonhaut, den Tastsinn stimulierend – und zum Greifen nahe das Vergängliche.

Die Wallfahrtskirche Neviges bei Velbert, Bauzeit 1963-1968, ist eine schroffe Betonburg, gewiss. Im grauen Faltenwurf wirft sich ein Gebäude auf (unter dem gleichgültigen Himmel des Bergischen Landes). Was auf Abbildungen häufig abschreckend wirkt, erweist sich, wirklich besucht, als ein Raumwunder, als ein vielgestaltiger Einheitsraum, 7000 Menschen Platz bietend. Das Arsenal unbehausten Lebens zitiert die Kirche auch im Innern; hier die gleichen Laternen, der gleiche Bodenbelag, holländischer Straßenklinker, verlegt nach römischer Art, mit breiten Fugen wie im Außenraum.

Und doch: Mit ihren Betonklippen beharrt Böhms feste Burg auch hier auf dem spirituellen Reiz der Architektur. Modern die Materialien, traditionsgesättigt der Ausdruck, beherrschen doch Zeltelemente das Bild. Auch hier, in dem gesandstrahlten Stahlbetonbau, in dem eine Hierarchie der Räume nicht zu existieren scheint, auch hier, unter den Betongewölben der Wallfahrtskirche, in der der Weg das Ziel zu bleiben scheint, findet der Besucher Sinnbilder der nomadischen Existenz des Menschen vor, seiner ewigen Sinnsuche. Höhlenhaft die sakralen Bauten Böhms, Solidität genauso suggerierend wie eine sich verschanzend-einkapselnde Konzentration behauptend gegenüber den Zumutungen des Profanen. Ein Ort der Einkehr, gewiss – doch ausgerechnet unterm hochlodernden Architektursymbol geht einsam in sich ein geringer Mensch.

Gottfried Böhm 1996.

Nicht alles gelang, manches wurde zur Belastung, so das Paderborner Diözesanmuseum (1975). Dass er den Kontext zu berücksichtigen verstand, zeigte seine Wallfahrtskirche in Wigratzbad (1975), errichtet in der Art von Pilgerzelten. Und doch stand Böhms Ungleichzeitigkeit immer auch im Zentrum des Volkszorns. Saarbrücken erlebte die Dauerfehden um seinen Pavillon auf der Zentralachse des dreiflügeligen Barockschlosses, eine Stahl-Glas-Konstruktion, einen hochaufragenden Mittelrisalit. Seine Lösung für dieses zentrale Element war eindrucksvoll – schon weil es stets seinen Ausdruck wechselt, je nach Tageszeit. Mal, bei Dunkelheit, tritt der Besucher einer barocken Feste entgegen, mal, bei Sonnenschein, einem heiteren Pavillon, mit einem Gebilde aus Stahl und Glas, kreuz und quer darin Treppen. Auf dieses Motiv ist Böhm immer wieder zurückgekommen.

Zu einem ähnlichen Ausdruck gelangte Böhm auch bei seinem Züblin-Haus, einem basilikalen Verwaltungsgebäude, das 1984 fertiggestellt wurde, am Rande Stuttgarts, auf einer Brache, wo der Bau, erst recht durch seine monumentale Glashalle, 33 Meter hoch, ein auch städtebauliches Zeichen setzte. Böhm baute in Luxemburg eine Dependance der Deutschen Bank (1992), ein Gebäude der großen (auch hohlen) Gesten, überinstrumentiert, auch mit postmodernem Dekor, wie manches, was Böhm seit den späten 80er Jahren unternahm.

Dazu muss man auch sein Kölner WDR-Gebäude (1996) rechnen, innen dann weit sinnfälliger in seiner forcierten Zeichenhaftigkeit als außen. Zeichenhaftigkeit, das galt auch für sein Hans-Otto-Theater in Potsdam, auffällig wegen der ausladenden, gewölbten Dachschalen, orientiert an einer organischen Architektur. Ebenfalls als Geste gedacht sein Theater in Itzehoe, wie beschwingt wirkend, mit einer Glaskuppel, einem Zirkuszelt gleich, mit einem Kranz kleiner Pavillons, ähnlich einer heiteren Wagenburg. Noch hier, wie immer im Werk Böhms, dominiert das eine Bild, das der Burg.

So machte es auch ein Film anschaulich, 2014, der den 94-Jährigen im Kreis seiner Familie zeigte, an der Seite seiner Frau, unter seinen drei Architektensöhnen, Stephan, Peter und Paul. Nicht unbeträchtlich offenbar die Spannungen, die Konkurrenz in einer Architekturdynastie, der Böhm vorzustehen schien wie ein Boss.

Seine großen Werke, in Neviges, in Bensberg, bekrönen einen terrassierten Hang und sind nicht anders zu erfahren als durch einen Anstieg. Sie scheinen errichtet nach dem Vorbild expressionistischer Blätter und Entwürfe – skizziert in der für diese so typischen Manier: aus der Grashalmperspektive. Immer wieder in dieser Weise inszenierte Böhm seine Baukunst, die Perspektive konzentriert auf eine dramatisch überhöhte Stadtkrone.

Bauwerke Gottfried Böhms, und nicht nur seine Sakralbauten, verweisen auf den Gedanken, dass ein jegliches seine Zeit habe. Manches allerdings von diesem Baukünstler währt bereits 50, und weil es gut ist, über 60 Jahre.

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