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Die Kölner Witzfiguren „Tünnes und Schäl“ als trauernde Hinterbliebene im Karneval 1949, dem ersten nach dem Zweiten Weltkrieg.

Nachkriegszeit

„Freiheit winkt auf allen Gebieten“

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Die ersten deutschen Nachkriegsjahre waren nicht nur bitter. Man feierte so ausgelassen wie später nie wieder.

Die kollektive Erinnerung an die Nachkriegszeit ist von wenigen Bildern geprägt, die sich tief ins Gedächtnis eingebrannt haben: Der russische Soldat, der einer Frau das Fahrrad entreißt; dunkle Schwarzmarktgestalten, die sich um ein paar Eier drängen; die Nissenhütten, in denen Flüchtlinge und Ausgebombte hausen. Diese Ikonen sind visuell so stark, dass sie die öffentliche Erinnerung an die ersten Nachkriegsjahre wie ein immergleicher Stummfilm strukturieren. Dabei fällt das halbe Leben unter den Tisch. 

Die Erinnerung färbt schön, sagt man. Für die Nachkriegszeit gilt das Umgekehrte. Sie wurde im Rückblick immer düsterer. Ein Grund dafür liegt in dem verbreiteten Bedürfnis der Deutschen, sich als Opfer zu sehen. Je schwärzer die in der Tat schrecklichen Hungerwinter von 1946 und 1947 geschildert würden, umso weniger wöge, so glaubten offenbar viele, am Ende ihre Schuld. 

Hört man genauer hin, vernimmt man das Lachen. Man stellt sich die Nachkriegsjahre bitterernst vor. Das ist wenig verwunderlich angesichts der herrschenden Gewalt, Not und Unsicherheit. Und doch wurde unglaublich viel gelacht in diesen Jahren, getanzt, gefeiert, geflirtet und geliebt. In Filmen und historischen Romanen kommt das selten vor, denn zum Ernst der Handlung, die man herüberbringen möchte, will ausgelassenes Treiben nicht passen. Das Gefühl des Unpassenden befiel die Zeitgenossen ja selbst, sie feierten aber trotzdem, viele ausgiebiger als je zuvor und sicher hemmungsloser als in den späteren Wohlstandsjahren, als man sich in den eigenen Wänden immer mehr konsolidierte. 

Nach den Schrecken der Bombennächte und den Ungewissheiten der ersten Besatzungstage brach sich die Freude am Überleben mit ungeheurer Wucht Bahn. Es kam zu Ausbrüchen überschäumender Daseinsfreude, zu einer oft irrsinnig anmutenden Vergnügungssucht. Die Bedrohung des Lebens war noch allgegenwärtig, also wollte man es erst recht auskosten. Eine regelrechte Tanzwut brach aus und vielerorts war kreischendes, gellendes Lachen zu hören, das freilich nicht Wenigen auf die Nerven ging. 

Ein Münchner erinnert sich: „Ich ging monatelang jeden Abend zum Tanzen, obwohl es selbstverständlich keinen Alkohol und nichts zu essen gab. Es gab nur ein saures Getränk, Molke genannt. Ich und alle anderen Tanzwütigen haben sich jeden Abend so amüsiert und waren so fröhlich, wie später trotz Abendessen und Alkohol selten wieder.“ 

Harald Jähner: Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945 – 1955. Rowohlt Berlin 2019, 480 S., 26 Euro.

Wie in München, so in Berlin. Die achtzehnjährige Berliner Sekretärin Brigitte Eicke, ein lebenslustiges Mädchen, das Bücher geradezu verschlang, ständig ins Kino ging und noch lieber zum Tanzen, ließ sich ihre Leidenschaften auch durch den Fall der Reichshauptstadt nicht nehmen. Siebzehn Tage nach der Kapitulation ging sie schon wieder ins Kino, am 8. Juli schon wieder groß aus, ins Café Willa, und zwar allein. Der Abend verlief ein wenig enttäuschend wegen der fehlenden Männer, die im Feld geblieben oder in Gefangenschaft waren, aber immerhin tanzten die Mädchen zusammen. Quer durch die zerstörte Stadt zog sie in den nächsten Wochen von einem wiedereröffneten Tanzschuppen zum nächsten. Bisweilen stand nur noch das Erdgeschoss, dem flotten Swing im Keller aber tat das keinen Abbruch. Es ging ins Lucas, einer Kneipe mit Tanzboden, in den Prater, ins Casaleon nach Neukölln, in die Neue Welt, ins Cafè Wien an den Kurfürstendamm, ins Café Corso, ins Grienzing, auf den Plaza-Dachgarten am schwer lädierten Küstriner Bahnhof. „An Männer waren fast nur ganz jungsche Bengels und davon eine ganze Menge, aber alles unter dem Durchschnitt“, schrieb sie in ihr Tagebuch. Mögen doch endlich „meine Soldaten“ aus der Gefangenschaft zurückkehren, notierte sie dort, „dass ich nicht immer bezahlen muss; aber in erster Linie natürlich darum, dass sie überhaupt hier sind.“ 

Insgesamt dreizehn verschiedene Etablissements, die wir heute Clubs nennen würden, frequentierte die Achtzehnjährige im Verlauf des Sommers 1945 – eine Anzahl, die man auch in der heutigen Partymetropole Berlin als beachtlich empfinden würde. Und es gab noch viel mehr Clubs, die die neugierige junge Frau hätte erkunden können: die Piccadilly-Bar, das Robin Hood, das Roxy, den Royal Club, das Grotta Azura, das Monte Carlo, um nur einige Läden in den Seitenstraßen des Ku’damms zu nennen, die 1945 schon wieder geöffnet waren. 

In den Filmen der Nachkriegszeit feiern fast immer nur die sogenannten Schieber – Kleinganoven und Schwarzhändler. Mit gierigen, fetttropfenden Gesichtern wie aus den George-Grosz-Karikaturen der Weimarer Republik beißen sie in die dicken Koteletts, schütten geschmuggelten Wein in sich hinein und schnüffeln an wogenden Busen. Tanzen und Feiern wurden als obszönes Vergnügen von skrupellosen Raffkes dargestellt, das sich angesichts des allgemeinen Elends von selbst verbietet. Die Realität sah völlig anders aus. Auch die Habenichtse feierten. Allerdings nicht alle.

 Es gab jede Menge Verzweifelte, denen das Feiern nachhaltig vergangen war. Mütter, die auf der Flucht ihre Kinder verloren hatten und rastlos nach ihnen suchten. Kranke, die mangels geeigneter medizinischer Hilfe monatelang zwischen Tod und Leben dämmerten. Traumatisierte, die jeden Lebensmut verloren hatten. Und schließlich Menschen, denen so kurz nach dem Ende des Krieges jedes lachende Gesicht als höhnische Fratze erschien. Auch sie gab es, aber viele waren es nicht. Sie saßen eine Zeitlang teilnahmslos dabei und verließen stumm das fröhliche Treiben, wenn es zu toll wurde. Es wäre verfehlt, in ihnen reflexhaft die Besseren zu sehen und in den Tanzenden die Hartleibigen, die blind für Unrecht und Elend gewesen wären. Denn die Schuld, die die Deutschen auf sich geladen hatten, war selten das Motiv der Empfindung, Spaß sei hier fehl am Platz; es waren meist das eigene Elend, das die Laune vergällte, der Gedanke an den Mann in Gefangenschaft oder die Trauer um die gefallenen Angehörigen. 

Wer konnte, tanzte. Die junge Studentin Maria von Eynern erklärte sich den Ausbruch ihrer Lebenslust, der sie selbst überraschte, mit dem Zusammenbruch ihrer alten Welt: „Vieles spielt mit hinein – vor allem die echte, persönliche Freiheit, die die zerstörte Umwelt uns lässt und die geradezu verschwenderisch ausgeteilt wird und etwas Faszinierendes hat. Man ist unerhört kontaktfreudig. Und man ist letzten Endes für sich selbst verantwortlich – für jede Freude, auch für jeden Fehltritt im Dschungel der Verworrenheit, der das liebe Ich zum Straucheln bringt.“ Die Studentin erfasste eine radikal ins Positive gewendete Ratlosigkeit: „Wir“, schrieb sie, als spräche sie für eine ganze Generation, „schaffen um uns eine Atmosphäre steter Bereitschaft, den Merkwürdigkeiten des Daseins zu begegnen und sich mit ihnen zu befassen. Freiheit winkt uns auf allen Gebieten.“ So gebe es auch keine Bekleidungskonvention mehr, „weil einfach niemand mehr das ,Konventionelle‘ besitzt – es gibt wahrhaftig die Freiheit aller Besitzlosen und Intellektuellen“. 

Zu unserem eingeschliffenen Bild der Nachkriegszeit will diese Offenheit nicht passen. Die „unerhörte Kontaktfreudigkeit“, die Maria von Eynern erstaunt bei sich feststellte, erfasste weite Bereiche der Gesellschaft. Igelten die einen sich in den Bastionen ihrer Verbitterung ein, stürzten sich die anderen in neue Bekanntschaften, Freundschaften und Lieben. Vertreibung, Zuzug und Evakuierung hatten nicht nur Feindseligkeiten zur Folge, sondern auch Anziehungskräfte und Neugier. Dass Familien auseinandergerissen worden waren, sorgte neben viel Kummer auch für eine Befreiung aus erdrückenden Verhältnissen. Alte Bindungen waren verloren, aber die Menschen mischten sich neu, und wer jung und mutig war, empfand das Chaos als einen Tummelplatz, auf dem er täglich sein Glück suchen musste. Die Grenzen zwischen Arm und Reich wurden durchlässiger; die Erfahrung, über Nacht alles verlieren zu können, und die noch spürbare Allgegenwart des Todes machten früher mal entscheidende Unterschiede marginal. 

Wolfgang Borchert, der als der Schmerzensmann der Nachkriegsliteratur ins kollektive Gedächtnis einging, hat den Zusammenhang von Todesnähe und Lebensfreude erlebt. Lebenslust inmitten beklemmender Szenarien wird oft reflexhaft als Lebensgier verunglimpft; in Borcherts Texten kommt sie zu ihrem Recht. In seinem Text „Das ist unser Manifest“ beschreibt er 1947 die Musik seiner Generation: „Jetzt ist unser Gesang der Jazz. Der erregte hektische Jazz ist unsere Musik. Und das heiße verrückttolle Lied, durch das das Schlagzeug hinhetzt, katzig, kratzend. Und manchmal nochmal das alte sentimentale Soldatengegröhl, mit dem man die Not überschrie und den Müttern absagte. Unser Juppheidi und unsere Musik sind ein Tanz über den Schlund, der uns angähnt. Denn unser Herz und unser Hirn haben denselben heißkalten Rhythmus: den erregten, verrückten und hektischen, den hemmungslosen. Und unsere Mädchen, die haben denselben hitzigen Puls in den Händen und Hüften. Und ihr Lachen ist heiser und brüchig und klarinettenhart. Und ihr Haar, das knistert wie Phosphor.“ 

Der Text ist selbst reinster Jazz, eine swingende Anrufung des Seins. Ein leises Gellen, in dem der Krieg noch nachhallt, während er von der Klarinette schon sublimiert wird. Überall ist der Krieg noch gegenwärtig, selbst im Haar der Frauen, das knistert wie Phosphor. Das traf sehr genau, auch im Ineinander von Sensibilität und Grobheiten, die Atmosphäre in den Tanzschuppen, in denen die Jungs, die überlebt hatten, „ihre Mädchen“ herumwirbelten.

Auch auf dem Land tanzte man, in Gastwirtschaften, in Festsälen und unter freiem Himmel. Es wurde so viel getanzt, dass wiederholt die Landratsämter einschritten und Veranstaltungen verboten, die die Militäradministration schon erlaubt hatte. Peinlich versuchten sie darauf zu achten, dass Jugendliche unter 18 Jahren keinen Zugang zu den Festen bekamen. Für sie, die wenige Monate vorher noch alt genug waren, um mit dem „Volkssturm“ in den Tod geschickt zu werden, muss es sich seltsam angefühlt haben, nun nicht erwachsen genug für ein Glas Wein zu sein. 

Die Partys der Nachkriegszeit waren keine Tänze auf einem sinkenden Schiff, sondern auf einem gesunkenen. Komischerweise lebte man noch. Die unbegreiflich gute Laune, die viele Deutsche befallen hatte, erinnert an den Leichenschmaus, der sich traditionellerweise an die Bestattung eines geliebten Menschen anschließt. „Nachdem der Kriegsgott Mars das Feld geräumt hatte“, herrschten Not und Elend, schrieb der Historiker Friedrich Prinz, „aber es steckte auch ein Gutteil jener Stimmung in den Menschen, die sich auf großen Bauernbegräbnissen schlagartig auszubreiten pflegt, sobald die Leiche in der Erde ist und die Trauergäste, vom Friedhof kommend, sich dem Leichenschmaus im Gasthaus zuwenden: Eine anfangs zögernd, dann immer nachdrücklicher sich ausbreitende Heiterkeit, ein Gefühl der Freude, selbst der ,süßen Gewohnheit des Daseins‘ noch nicht enthoben zu sein.“

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