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"Black"

„Nach Paris tun alle sehr überrascht“

  • Peter Riesbeck
    vonPeter Riesbeck
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Der Brüsseler Regisseur Adil el-Arbi spricht über den Ausnahmezustand nach dem Terror und seinen Film „Black“ - ein Film über Jugendgewalt und Terrorstrukturen.

Der Film „Black“ der beiden belgischen Regisseure Adil el-Arbi und Bilall Fallah erzählt von täglicher Gewalt, kleinkriminellem Dasein und von der Liebe zwischen Mavela, aus dem schwarzafrikanischen Brüsseler Matongque, und Marwan aus dem nordafrikanisch dominierten Kiez Molenbeek, die zwischen die Fronten zweier Jugendbanden geraten. „Black“ kam kurz vor den Pariser Anschlägen ins Kino, ehe Brüssel und sein Viertel Molenbeek in den Fokus der Aufmerksamkeit rückten.

Herr El-Arbi, die Lage war nicht einfach, Terroralarm in Brüssel, wie haben Sie die vergangenen Tage verbracht?
Ohne Fahrrad ist das ein bisschen schwierig, so ganz ohne Metro. Ich habe die meiste Zeit zuhause verbracht und bin anfangs höchstens Mal zum Essen raus. Das ging, glaube ich den meisten so. Wir haben es an den Zuschauerzahlen für unseren Film gesehen, die fielen seit dem Terroralarm am vergangenen Montag stark ab.

Wie würden Sie die Situation in Brüssel beschreiben, die Zeitung „Le Soir“ hat zum Wort „vivoter“ gegriffen: dahinkrebsen.
Das trifft es irgendwie ganz gut. Das Leben in Brüssel vibriert, die Stadt ist immer voll von Menschen, Touristen, Euromacs, Flamen, Wallonen, Kleinkriminellen, Künstlern, alles treibt sich hier rum. Aber in den vergangenen Tagen war es irgendwie leer. Brüssel war eine leblose Stadt mit einer leeren Mitte. Der Pulsschlag fehlt.

Hatten Sie denn Angst?
Es war mehr ein Gefühl der Bedrückung. Am Anfang denkt man ja, die übertreiben. Man weiß ja auch kaum etwas, auch die Regierung hielt sich still zurück. Und dann kommen Informationen wie: Razzien, aber keine Waffen oder Sprengstoff gefunden. Ist das ein gutes Zeichen oder ein schlechtes, weil die Sachen noch irgendwo im Umlauf sind. Das Schlimme ist diese stete Ungewissheit.

Ihr Film handelt von Straßenbanden in Brüssel, eine davon aus dem Viertel Molenbeek, und beruht auf einer wahren Begebenheit. Was fördert diese Jugendgewalt?
Es ist eine spezielle Mischung aus Langeweile, Perspektivlosigkeit und einem Gefühl des Zurückgewiesenseins. Da bieten geschlossene Gruppen mit klaren hierarchischen Strukturen Halt. Von außen betrachtet unverständlich, von innen betrachtet eine Orientierung.

Der Vergleich zu Terrorgruppen liegt nahe.
Mir ist das ein bisschen zu einfach. Es gibt bei Straßenbanden Kleinkriminalität, da wird mal eine Handtasche geklaut oder ein Portemonnaie. Aber die Gewalt zielt auf einen klaren Gegner: Es ist „Black Bronx“, eine schwarzafrikanische Bande aus dem Viertel Matongue gegen „1080“, der nordafrikanischen Bande aus Molenbeek, Gang gegen Gang, Kiez gegen Kiez, wir gegen die. Fast wie im Western. Der Terror, den wir in Paris erleben mussten, ist grenzenlos in seinen Mitteln und wahllos in seinen Mitteln. Es kann jeden treffen.

In einer der Schlüsselszenen des Films will der Hauptdarsteller aussteigen und eine Lehre als Autoschlosser beginnen, sein älterer Bruder weist die Idee mit den Worten zurück: „Du bist hier geboren, aber du wirst immer Ausländer bleiben.“ Ist Belgien eine offene Gesellschaft?
Ja und nein. Die Gesellschaft bietet viele Chancen, aber die Welt der Kultur, in der wir uns bewegen ist anders, viel offener als die klassische Berufswelt. Du hast es einfacher, wenn du Jan heißt und aus Kortrijk kommst, als wenn du Marwan aus Molenbeek bist. Im Job oder am Eingang zur Disko, Diskriminierung ist ein Fakt in diesem Land.

Von außen betrachtet scheint Belgien ein Land multiethnischer Spannungen, es gibt Bürger aus der ehemaligen Kolonie Kongo, Zuwanderer aus Nordafrika, Flamen und Wallonen. Haben Sie diesen unterschwelligen Rassismus auch erlebt?
Jeder aus meiner Generation kennt das. Du rufst als Adil wegen einer Wohnung an und dann ist sie schon weg. Drei Minuten später meldest du dich mit Jan und hast sofort einen Besichtigungstermin. Die latente Diskriminierung ist nicht neu, auch wenn nach Paris alle sehr überrascht tun.

Erklärt Benachteiligung allein die Wut auf die Gesellschaft?
Die Jugendlichen sind in einer Identitätskrise. Sie fühlen sich nicht daheim in Marokko und schon gar nicht im Kongo. Aber sie sind auch nicht zuhause in Belgien. Sie fühlen sich nirgendwo zugehörig. Und dann kommt eine Gruppe – eine Straßenbande oder eine terroristische Gruppierung – die eine Form von Heimat bietet, Identität vermittelt. „Wir sind Bad Bronx“. Du willst als junger Mensch einer Gruppe angehören.

Religion spielt also eine untergeordnete Rolle?
Sie bildet lediglich die Folie, das ideologische Rüstwerk, nicht als Glaube, sondern als Koordinatensystem: Freund gegen Feind, wir gegen sie. Es geht um Entwurzelung und Verankerung. Ich will keine Vergleiche ziehen: Aber in den vierziger Jahren zog die Gruppendynamik viele Flamen zur Wehrmacht, in den siebziger Jahren gab es die Gewalt linksterroristischer Gruppen wie der Baader-Meinhof-Bande. Die Ideologie wabert, die Rechtfertigung der Gewalt als Konstante bliebt.

Ist Gewalt ein männliches Phänomen?
Wir wissen jetzt ja auch viel über weibliche Terroristen. Ich glaube, es ist eher eine Generationen- als eine Genderfrage. Und hier geht es um die dritte Zuwanderergeneration, die nicht zurück kann, aber auch nicht ankommt.

Die Gewalt in Ihrem Film ist sehr bedrückend. Wie sind Sie auf den Stoff gekommen?
Ich hatte das Buch eines Polizisten gelesen, der zu dem Fall ermittelte, und war begeistert. Ein junges Paar, gefangen in Strukturen. Romeo und Julia, eine moderne Westside-Story, das alles hier in Brüssel, ein Geschenk für einen Filmemacher.

Das belgische Kino ist stark von Frankreich geprägt, mit einer eigenen sozialpolitischen Note, wenn wir auf die Brüder Dardenne schauen und Filme wie „Der Junge mit dem Fahrrad“ oder „Zwei Tage, eine Nacht“. Prägt das?
Ich mag die beiden sehr, aber ich würde mich da nicht verorten. Ich habe sehr viel Hollywood geschaut. Ich bin mehr Generation MTV.

Wenn es die Brüder Dardenne nicht sind, wer ist dann Ihr Vorbild?
Vor allem Spike Lees „Malcolm X“. Ich schaue mit den Brüdern Dardenne auch von unten auf die Gesellschaft, aber ein bisschen mehr auf latente Diskriminierung.

Das verbindet Sie mit Ihrem Ko-Regisseur Bilall Fallah. Wo haben Sie sich kennengelernt?
Auf der Filmhochschule, wir haben uns gesehen, wussten sofort, wo der andere herkommt und haben uns auf Anhieb verstanden. Und hinterher haben wir mitgekriegt, dass wir im Aufnahmeverfahren beide die gleiche Antwort gegeben haben: Vorbild? Spike Lee!

Sie haben Ihre Schauspieler auch in Molenbeek gecastet?
Wir haben festgestellt, dass das belgische Kino doch ein wenig farblos und sehr weiß dominiert ist, also haben wir uns auf die Suche gemacht, in Schulen, im Netz und auch in Jugendzentren in den Vierteln.

Wie ist das Arbeiten mit Darstellern, die keine gelernten Schauspieler sind?
Überraschend erfrischend, sie hatten mehr Energie. Und sie wussten, worum es geht. Wir haben einige Male zu hören bekommen: „So läuft das nicht im Kiez, so sprechen die Menschen nicht.“ Das macht den Film auch so authentisch.

Sie sind in Antwerpen aufgewachsen, wo man Niederländisch spricht und haben für den Film Ihr Französisch aufpoliert, um sich mit den Jugendlichen besser unterhalten zu können. Was sagt uns das über das Machtgefüge in Belgien?
Französisch war die Sprache der Reichen und des Bürgertums, bis zum Minensterben in den Sechzigern. Dann stieg Flandern als wirtschaftliches Zentrum auf, als Hort der Neuen Ökonomie: Niederländisch ist die Sprache der neuen Reichen.

Aus Sicht vieler US-Medien liegt Brüssel jetzt auf einer Achsen des Bösen mit Bagdad und Kabul.
Belgistan, ich kenn das. Aber wir sind kein failed state.

Warum hat Belgien Zukunft?
Das Land ist liebenswert, gerade in seiner Vielfalt. Diese kulturelle Spannung wirkt produktiv. Flamen und Wallonen könnten jeweils alleine wenig bewirken. Und zusammen mit Brüssel ist das etwas wirklich Großes.

Interview: Peter Riesbeck

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