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Nach dreihundert Jahren die erste Frau?

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Von: Harald Jähner

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Klaus Staeck, der scheidende Präsident der Akademie der Künste.
Klaus Staeck, der scheidende Präsident der Akademie der Künste. © dpa

Die Berliner Akademie der Künste wählt, vielleicht wird die Institution bald nicht mehr so männerlastig sein.

Was ist das für ein Land, in dem ein Satiriker Präsident werden kann?“, rief Klaus Staeck, als ihn die Akademie der Künste 2006 genau dazu gemacht hatte, zu einem Präsidenten. Er hätte auch spitzer fragen können: Was ist das für eine Künstlerakademie, die einen Plakatkünstler an ihre Spitze wählt? Aber so genau wollte er es vermutlich gar nicht wissen, denn die rund 400 Mitglieder des erlauchten Vereins waren froh, dass sich überhaupt einer gemeldet hatte, um ihnen künftig vorzustehen.

Staecks Vorgänger, der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg, hatte nach 18 Monaten entnervt seinen Rücktritt erklärt. Muschg empfand die Akademie als träge und selbstgefällig. Unfähig und unwillens sei sie, an einem „geistigen Fahrplan“ für Politik und Gesellschaft mitzuarbeiten. Die von der Akademie aufgenommenen Künstler sind, jeder für sich, mit überdurchschnittlicher Schöpferkraft gesegnet. Aber eine Vielzahl spannender Geister ergibt nicht automatisch eine spannende Gemeinschaft. Wahrscheinlicher ist, dass sie in der Summe jenen Schnarchclub bilden, als den der Schauspieler Ulrich Matthes, selbst dort Mitglied, die Akademie einmal bezeichnet hatte.

Dass es bei der Wahl am Samstag vermutlich gar nicht so schnarchig wird, selbst wenn man sich mal wieder nicht gerade reißen wird um das Amt, das ist Klaus Staeck zu verdanken. Er hat die Kommunikationsstrukturen zwischen den Sektionen verbessert, deren Fürstenhofmentalität befriedet und sie zu mehr gemeinsamen Projekten animiert. Vor allem hat er die Akademie wieder ins Gespräch gebracht.

Bürgerpflicht: Sicheinmischen

Für Klaus Staeck ist das Sicheinmischen erste Bürgerpflicht. In über 60 öffentlichen Akademiegesprächen suchte er den Streit, beklagte das Niveau des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, kämpfte gegen das Freihandelsabkommen, diskutierte die Situation in der Ukraine, entsetzte sich über die steigende Wahlmüdigkeit. Staeck liebt die Öffentlichkeit; er will sie kneten und aufrütteln, will sie retten: Mit der These, die Öffentlichkeit werde von der um sich greifenden Privatisierung bedroht, trat er als Präsident an und hielt den Kampf um jene Öffentlichkeit bis zum Ende seiner Amtszeit konsequent durch. Er politisierte die Außendarstellung der Akademie und berief sich dabei ironisch auf deren in der Satzung formulierte Aufgabe, die Politik zu beraten. Komischerweise suche die Politik gar keinen Rat, sagte er häufig.

Eine vierte Amtszeit Staecks ist ihm und der Akademie aus Satzungsgründen nicht vergönnt. Als Nachfolgerin kommt wohl nur eine Frau in Frage, nachdem sogar Staeck selbst das künftige Präsidentengeschlecht zu einer Art Ehrensache und historischer Bringschuld gemacht hat: „Ich wünsche mir, dass nach 300 Jahren endlich mal eine Frau Präsidentin wird“, sagt er und fügt ziemlich offensiv hinzu: „Mal sehen, ob diese männerlastige Institution bereit ist, diesem Gedanken näher zu treten“.

Als potentielle Kandidatin zu erkennen gegeben hat sich die Filmemacherin Jeanine Meerapfel, die mit ihren 71 Jahren über ein präsidiales Alter verfügt. Die deutsch-argentinische Künstlerin gehört zu den aktiveren Mitgliedern der Akademie; in letzter Zeit konnte man sie dort öfter auf den Podien erleben, jüngst als kluge Moderatorin bei einem Gespräch über die Internationalität Berlins. Ihr zur Seite könnte dem Gerücht nach die Schriftstellerin Kathrin Röggla, 43, als Vizepräsidentin stehen.

Es auch mal versuchen

Die beiden sind die einzigen, die bislang im Spiel sind. Das heißt aber nichts. Vor der Vollversammlung tagen die einzelnen Sektionen durchaus mit dem Ehrgeiz, aus ihrer Mitte Kandidaten zu finden. Möglich ist auch dass sich, wie 2003 ein ungarischer Architekt, neu in der Akademie und kaum bekannt, berühmt hingegen für seine kühnen Brückenkonstruktionen, jemand in der Mitgliederversammlung plötzlich seinen Finger hebt und bekundet, es auch mal an der Spitze versuchen zu wollen.

Was hätte ihn erwartet, wäre er gewählt worden? Finanziell nicht viel. Der Präsident erhält eine Aufwandsentschädigung. „In Höhe des Gehalts ungefähr einer Sachbearbeiterin“, heißt es aus der Akademie. Aber ein toller Ausblick. Man schaut vom Präsidentenzimmer auf den Pariser Platz und das Brandenburger Tor. Gegenüber dem Schreibtisch hängt das Tor in Öl, gemalt von Max Liebermann, der das Amt von 1920 bis zur Machtübernahme der Nazis geführt hatte. Schöner aufgehoben in den besten Traditionen Berlins kann man sich auf keinem anderen Bürostuhl Berlins fühlen.

Schließlich die Last und das Glück einer dreihundertjährige Tradition. Neue Mitglieder werden von den alten hinzugewählt, ein Prinzip, das Selbstbestätigung und Saturierung fördert. Ihrer spätfeudalen Konstruktion nach dient die Akademie dem Beharrungsvermögen der Gesellschaft und nicht dem Bedarf nach Intervention und Veränderung. In diesem Spannungsverhältnis zwischen dem Bewährten und dem Neuen, dem Selbstbezüglichen und dem Unbekannten könnte die besondere Rolle begründet liegen, nach der die Akademie seit einigen Dekaden nun schon sucht.

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